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18.10.2011

18:08 Uhr

Quartalszahlen

Blankfeins dunkelste Stunde bei Goldman Sachs

Goldman Sachs rutscht in die roten Zahlen. Das gab es erst einmal - direkt nach der Lehman-Pleite. Damals ging es allen Banken schlecht. Diesmal ist das Malheur selbstgemacht. Die Anleger reagieren gelassen.

Schwere Zeiten für Goldman Sachs. Reuters

Schwere Zeiten für Goldman Sachs.

New YorkEs waren historisch schlechte Zahlen, die die Investmentbank Goldman Sachs heute vorlegte. Doch die Anleger schien das nicht besonders stark zu beunruhigen. Im Gegenteil: In New York kletterte die Aktie im frühen Handel sogar zeitweise um drei Prozent.

Zum zweiten Mal seit ihrem Börsengang im Jahr 1999 hat Goldman Sachs einen überraschend hohen Quartalsverlust verzeichnet. Das New Yorker Institut meldete heute einen Nettoverlust von 393 Millionen Dollar. Das entspricht 84 Cent pro Aktie – Analysten hatten im Durchschnitt lediglich einen Verlust von elf Cent je Aktie erwartet. Im Vorjahresquartal hatte Goldman noch 1,9 Milliarden Dollar verdient.

Die lange profitabelste unter den US-Großbanken leidet besonders unter der Flaute im Investmentbanking und dem Abschwung an den Märkten. Die Einnahmen in der Kernsparte brachen im Vorjahresvergleich um ein Drittel auf 781 Millionen Dollar ein. Angesichts der Börsenturbulenzen und der Schuldenkrise in Europa sind Anleger vorsichtig und investieren weniger.

Die größten Verluste schrieb die Bank aber mit ihren eigenen Beteiligungen: Allein auf die Anteile an der chinesischen Bank ICBC musste sie 1,05 Milliarden Dollar abschreiben. Das konnte Goldman nur zum Teil durch niedrigere Personalkosten wettmachen.

Kennzahlen in Mio. Dollar3. Quartal 2011VorjahrVeränderung
Erträge Investment Banking7811.159-32,6 %
Investment Management1.1331.200-5,6
Provisionen und Gebühren1.05680730,9
Handelsergebnis-7394.609-
Zinserträge1.3561.12820,2
Nettogesamterträge3.5878.903-59,7
Nettoergebnis-3931.898-
Gewinn je Aktie in Dollar-0,842,98-

„Unsere Zahlen sind deutlich vom Umfeld beeinträchtigt worden“, sagte Vorstandschef Lloyd Blankfein bei der Vorstellung der Zahlen. „Wir sind enttäuscht, dass wir in diesem Quartal einen Verlust verzeichnet haben“. Der Manager hatte das Geldhaus vor allem auf das Handelsgeschäft ausgerichtet, das mehr als die Hälfte des Halbjahresergebnisses ausmacht.

Auch andere Banken wie JP Morgan und die Citigroup hatten bereits rückläufige Einnahmen in diesem Bereich gemeldet. Ein nennenswertes Privatkundengeschäft, mit dem andere Banken solche Verluste ausgleichen können, hat allerdings Goldman nicht.

Goldman Sachs Stärken und Schwächen

Stärken

Die Stärken von Goldman Sachs liegen vor allem in der großen Attraktivität für ambitionierten Nachwuchs, den treuen Kunden und die guten Verbindungen zur Politik.

Die besten Talente

Goldman Sachs gilt unter jungen College-Absolventen, die es in die glitzernde Welt der Wall Street zieht, als Wunschadresse. Nicht nur wegen der Traumgehälter – trotz eines drastischen Rückgangs im dritten Quartal kommt jeder Mitarbeiter durchschnittlich auf knapp 300.000 Dollar pro Jahr. Auch der legendäre Ruf der Investmentbank ist ein starker Anreiz: Niemand schafft es derart clever, so heißt es, aus jeder noch so kleinen Marktbewegung Profite zu ziehen, von flauen Quartalen wie dem vergangenen mal abgesehen. In der Finanzwelt gilt: Wer das harte Auswahlverfahren bei Goldman Sachs überlebt, der hat es geschafft.

Die Kunden

Wie kaum eine andere Bank kann Goldman Sachs auf ein riesiges Netzwerk langjähriger, treuer und zahlungskräftiger Kunden zurückgreifen. Wer einen Konkurrenten übernehmen, an die Börse gehen oder sein privates Vermögen anlegen will, der lässt sich gerne von Lloyd Blankfeins Truppe beraten. Zwar ging es zwischen der Bank und ihren Kunden nicht immer friedlich zu. Einige etwa waren höchst verärgert, als im vergangenen Jahr der Vorwurf laut wurde, Goldman habe während der Finanzkrise auf eigene Rechnung gegen Klienten spekuliert. Andere störten sich am zweifelhaften Ruf der Bank in Öffentlichkeit und Politik. Doch trotz alledem: Umfragen unter Kunden haben ergeben, dass viele zwar skeptisch sind – im Zweifel aber trotzdem ihr Geld zu Goldman Sachs tragen.

Verdrahtung in der Politik

Hier ist Goldman Sachs Meister. Angesichts der vielen Banker, die in die Politik wechselten und umgekehrt, redet die Finanzwelt von einer „Drehtür“ zwischen Goldman und den Fluren der Macht. Der ehemalige US-Finanzminister Hank Paulson, der in der Finanzkrise zahllose Banken rettete und Lehman Brothers fallenließ, war zuvor Goldman-Chef. Auch Vorgänger Robert Rubin war einst Goldman-Vorstand, der künftige EZB-Präsident Mario Draghi und Weltbank-Chef Robert Zoellick waren ebenfalls einst bei der Bank angestellt. Ganz zu schweigen von den vielen Beamten in den US-Behörden. Die Liste ist lang.

Schwächen

Doch wie nicht zuletzt die Zahlen zeigen, hat Goldman Sachs auch einige Schwachstellen.

Strenge Regulierung

Nach der Finanzkrise haben Regierungen in aller Welt damit begonnen, neue Beschränkungen für die Branche zu erlassen. So müssen die Banken künftig mehr Kapital vorhalten (Basel III) und sich strengeren Regeln bei der Kundenberatung unterwerfen. Von einem Gesetzespaket ist aber besonders Goldman Sachs betroffen: der Volcker-Rule.

Das knapp 300 Seiten starke Regelwerk, benannt nach dem früheren US-Finanzminister und heutigem Obama-Berater, verbietet in erster Linie den Eigenhandel und beschränkt die Risiken, die Banken eingehen dürfen. Während Vollbanken die neuen Regeln etwa durch ihr klassisches Bankgeschäft ausgleichen können, hat Goldman Sachs als Investmentbank ein Problem, da sie gerade in turbulenten Zeiten hier besonders viel Spekulationsgewinne abschöpfen konnte. Als Folge der bald in Kraft tretenden Volcker-Rule hat die Goldman den Eigenhandel bereits fast vollständig abgewickelt.

Große Abhängigkeit vom Kapitalmarkt

Das Geschäftsmodell hat eine weitere negative Folge: Goldman Sachs ist mangels stabilisierenden Privatkundengeschäfts von den Launen der Investoren weltweit abhängig. Das zeigt sich etwa im dritten Quartal: Die Schuldenkrise in Europa und die Ungewissheit über die US-Konjunktur ließen die Anleger zögern - und Goldmans Einnahmen einbrechen. Die Marktverwerfungen dezimierten auch den Wert von Beteiligungen, etwa an der chinesischen Bank ICBC.      

Zweifelhafter Ruf

So legendär der Ruf von Goldman Sachs in der Branche ist – in Öffentlichkeit und Politik ist er es nicht. Gerade wegen ihres Erfolges gilt die Investmentbank in den Augen vieler als Verkörperung von Gier und gewissenloser Spekulation. Oft zitiert wird der inzwischen legendäre Satz des „Rolling Stone“-Autor Matt Tiabbi, Goldman sei „eine Vampirkrake im Antlitz der Menschheit“. Angesichts von Kritiken wie dieser sah sich  Bankchef Blankfein im vergangenen Jahr dazu gezwungen, die Aktionäre zu beschwichtigen: Goldman wette nicht gegen die Kundeninteressen und spekuliere auch nicht wild an den Märkten herum.

Der Sparkurs werde nun fortgesetzt, sagte Goldman-Chef Blankfein weiter. Im Juli hatte er angekündigt, rund 1000 Stellen abzubauen und durch diese und andere Maßnahmen 1,2 Milliarden Dollar jährlich einsparen zu wollen. Ende September beschäftigte die Bank 34.200 Mitarbeiter, im Juni waren es noch 35.500.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

18.10.2011, 14:12 Uhr

Irgendwann ist jede Goldmine leergeschürft.Auch die von Sachs.
Oder um es mit JRTolkien zu sagen: Die Zwerge haben in ihrer Gier nach Mitril zu tief gegraben und die Kammer eines Dämons aufgebrochen.

Ganz ehrlich, wer macht denn noch mit einer Bank Geschäfte, die einem Wertpapiere verkauft auf deren Totalverlust sie selbst wettet?

GoldmanSachsenhausen

18.10.2011, 15:58 Uhr

"Ganz ehrlich, wer macht denn noch mit einer Bank Geschäfte, die einem Wertpapiere verkauft auf deren Totalverlust sie selbst wettet?"

Barack Obama - der selbsternannte Freund der 99% - hat damit keine Probleme.

Account gelöscht!

18.10.2011, 15:59 Uhr

Bekanntlich ist Blankfein ein Banker, der Gottes Werk verrichtet. Dessen Wink lauetet offensichtlich: mach deinen Laden zu, mein Sohn

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