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12.03.2013

15:19 Uhr

Ratenkredite

Der Null-Prozent-Wahn

VonAndreas Dörnfelder

Kostenlose Finanzierungskredite versetzen Schnäppchenjäger in einen wahren Rausch. Bei dem Milliardengeschäft mischen immer mehr Banken mit, die scharf auf neue Kundendaten sind. Wer zahlt am Ende die Rechnung?

Kaufrausch für null Prozent Zinsen. Getty Images

Kaufrausch für null Prozent Zinsen.

DüsseldorfAcht Jahre keine Zinsen! Null Prozent auf alles ab 300 Euro! Keine Grundgebühr! Angebote wie diese versetzen Schnäppchenjäger in einen regelrechten Rausch. Im Elektrohandel ist die Nachfrage inzwischen so gewaltig, dass viele Märkte offenbar auch außerhalb der Aktionswochen Gratiskredite anbieten. Hartnäckige Kunden bohren so lange, bis der Verkäufer weich wird. „Die Kollegen fragen in der Verwaltung um Erlaubnis und meistens bekommt ihr Kunde dann eine Null-Prozent-Finanzierung“, berichtet ein Handy-Verkäufer aus Nordrhein-Westfalen. „Oft sind es Leute, die es sich eigentlich gar nicht leisten können. Letztens hat bei mir ein einziger Kunde mehr als ein Dutzend Verträge unterschrieben.“

Null-Prozent-Finanzierungen sind ein Milliardengeschäft geworden. Elektronik-Ketten wie Media-Markt und Saturn haben ihre Märkte in riesige Bankfilialen verwandelt. Die Kunden strömen in Scharen in die Hinterzimmer und lassen sich dort von einfachen Fachverkäufern nach Bankdaten und Monatseinkommen fragen. Die meisten geben bereitwillig Auskunft. Hauptsache der Kredit für den neuen Flachbildfernseher ist kostenlos. Die Banken sind begeistert, wie leicht sie an neue Kundendaten kommen. Kein Wunder, dass immer mehr Institute bei dem Geschäft mitmischen wollen.

Null-Prozent-Finanzierungen zählen zu den so genannten Absatzkrediten. Zwar wird das mit Abstand größte Volumen immer noch mit Autos umgesetzt. Doch auch abseits der Autofinanzierung gehen hierzulande jedes Jahr Verträge für rund 4,3 Milliarden Euro über die Ladentheken, schätzt der Bankenfachverband. Der größte Anteil entfällt auf Elektroartikel gefolgt von Möbeln. Nach Angaben von Insidern machen die Banken inzwischen mehr als die Hälfte des Neugeschäfts mit Gratiskrediten. Der Boom ist auch eine Folge der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. „Der Anteil an Null-Prozent-Finanzierungen ist extrem gewachsen“, sagt Anja Wenk, Vertriebsmanagerin der Commerz Finanz. Die Tochtergesellschaft von BNP Paribas und Commerzbank zählt mit der spanischen Bank Santander und der Targobank zu den größten Anbietern von Absatzkrediten in Deutschland.

Die Top-Ausgaben der Deutschen

Das kauft der Durchschnittshaushalt

Das Statistische Bundesamt errechnet jedes Jahr, wie viel jeder Haushalt einnimmt und wie viel er davon wofür ausgibt. Im Jahr 2010 hatten die Haushalte in Deutschland ein durchschnittliches monatliches Bruttoeinkommen von 3.758 Euro. Das durchschnittliche Nettoeinkommen betrug 2.922 Euro. Davon ausgegeben wurden 2.168 Euro.

Platz 10: Bildung

Für die Bildung geben die Deutschen mit Abstand am wenigsten ausgegeben. Das mag zum einen daran liegen, dass viele Bildungsartikel, wie zum Beispiel Bücher, lediglich ausgeliehen werden und zum anderen gibt es im Internet eine ganze Reihe von kostenlosen Bildungsmöglichkeiten.
Ausgaben im Monat: 16 Euro
Anteil: 0,8 Prozent

Platz 9: Nachrichtenübermittlung

Das Internet wird immer wichtiger und immer mobiler. Die Zahl der mobilen Internetnutzer nimmt exponentiell zu und eine Ende des Smartphone-Hypes ist noch nicht in Sicht. In Zukunft könnten die Ausgaben in diesem Bereich steigen.
Ausgaben im Monat: 56 Euro
Anteil: 2,6 Prozent

Platz 8: Gesundheitspflege

Arztbesuche, Rezeptkosten, Pflegemittel und Medikamente fallen unter diese Kategorie. Mit der Abschaffung der Praxisgebühr ab dem 1. Januar 2013 dürfte dieser Ausgabeposten etwas kleiner ausfallen.
Ausgaben im Monat: 91 Euro
Anteil: 4,2 Prozent

Platz 7: Bekleidung und Schuhe

Zum Winter und zum Sommer erhöhen sich die Ausgaben für Bekleidungsartikel. Auch gegen Ende der Jahreszeiten fließt das Geld, da viele in den jeweiligen Schlussverkäufe diverse Schnäppchen ergattern wollen.
Ausgaben im Monat: 100 Euro
Anteil: 4,6 Prozent

Platz 6: Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen

Deutsche Arbeitsnehmer haben im internationalen Vergleich zwar relativ viele Feier- und Urlaubstage, die werden jedoch größtenteils zu Hause verbracht. Nicht viele fahren in den Ferien weg und wenn, halten sich die Ausgaben für Hotelübernachtungen in Grenzen.
Ausgaben im Monat: 113 Euro
Anteil: 5,2 Prozent

Platz 5: Innenausstattung und Haushaltsgegenstände

Die Ausgaben für Möbel und Elektro- beziehungsweise Elektronikartikel positionieren sich im Mittelfeld.
Ausgaben im Monat: 118 Euro
Anteil: 5,4 Prozent

Platz 4: Freizeit, Unterhaltung und Kultur

Das Land der Dichter der Denker hat einiges an kulturellen Gütern zu bieten. Für Besuche in Museen, Theatern und Kinos geben die Deutschen den ein oder anderen Euro aus.
Ausgaben im Monat: 236 Euro
Anteil: 10,9 Prozent

Platz 3: Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren

Im Schnitt isst jeder Deutsche rund 90 Kilogramm Fleisch und trinkt 146 Liter Kaffee im Jahr. Das schlägt sich natürlich gewichtig auf die Konsumausgaben nieder.
Ausgaben im Monat: 305 Euro
Anteil: 14,1 Prozent

Platz 2: Verkehr

Des Deutschen liebstes Spielzeug ist sein Auto. Und das lässt er sich einiges kosten. In der Kategorie mit innenbegriffen sind auch die Ausgaben für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.
Ausgaben im Monat: 305 Euro
Anteil : 14,1 Prozent

Platz 1: Wohnkosten

In Deutschland wird der größte Anteil des Einkommens für die Wohnkosten ausgegeben. Sie beinhalten neben den Miet- auch die Energie- und Instandhaltungskosten.
Ausgaben im Monat: 738 Euro
Anteil: 34,1 Prozent

„Für die Banken sind die Absatzkredite ein Marketinginstrument“, sagt Verbandssprecher Stephan Moll. „Sie hoffen, dass ihnen die Zusammenarbeit mit dem Handel neue Kunden bringt, die später auch mal einen Kredit zu regulären Konditionen aufnehmen.“ Eine Kundin, die bei Media-Markt ein Smartphone mit Null-Prozent-Finanzierung kaufte, erhielt zwei Wochen später einen Anruf von der Targobank. „Ein Mitarbeiter begrüßte mich herzlich als Neukundin der Bank – dabei wollte ich doch nur ein neues Handy“, berichtet sie.

Das müssen Kunden zur Gewährleistung wissen

Wer gibt die Gewährleistung?

Die Gewährleistung bekommt der Kunde von dem Händler, bei dem er die Ware gekauft hat. Ist das gekaufte Produkt defekt, ist der Händler die erste Anlaufstelle für den Kunden. Denn der Händler ist dafür verantwortlich, dass er einwandfreie Ware verkauft.

Wie lange gilt die Gewährleistung?

Gesetzlich vorgeschrieben ist eine Gewährleistung von zwei Jahren. Nach sechs Monaten kann der Händler allerdings die sogenannte Beweislastumkehr geltend machen. Dann muss der Kunde beweisen, dass der Schaden bereits beim Kauf des Produkts bestand. In den ersten sechs Monaten liegt die Beweislast dagegen beim Händler.

Wo ist die Gewährleistung im Gesetz geregelt?

Den Begriff „Gewährleistung“ kennt das Gesetz nicht, im Bürgerlichen Gesetzbuch (§ 434 BGB) ist von Sachmängeln und einer Verjährung der Mängelansprüche die Rede.

Wann liegt ein Sachmangel vor?

Der Kunde hat einen Anspruch darauf, dass die gekaufte Ware frei von Mängeln ist. Laut Paragraph 434 BGB ist die Sache – also der gekaufte Gegenstand – „frei von Sachmängeln, wenn sie bei Gefahrübergang die vereinbarte Beschaffenheit hat.“ Wurde die Beschaffenheit nicht vereinbart, ist die Sache frei von Sachmängeln, wenn sie sich „für die nach dem Vertrag vorausgesetzte Verwendung eignet“ oder wenn „wenn sie sich für die gewöhnliche Verwendung eignet und eine Beschaffenheit aufweist, die bei Sachen der gleichen Art üblich ist und die der Käufer nach der Art der Sache erwarten kann.“

Sachmangel wegen falscher Montage?

Ein Sachmangel kann gemäß Paragraph 434 BGB auch dann vorliegen, wenn die vereinbarte Montage unsachgemäß durchgeführt wurde oder der Verkäufe eine andere Sache oder eine zu geringe Menge liefert.

Welche Rechte hat der Käufer?

Laut Paragraph 437 BGB hat der Käufer bei einer mangelhaften Sache verschiedene Möglichkeiten: Er kann vom Verkäufer Nacherfüllung verlangen (§ 439), er kann vom Vertrag zurücktreten (§§ 440, 323 und 326 Abs. 5) oder den Kaufpreis mindern (§ 441). Unter Umständen kann er auch Schadenersatz (§§ 440, 280, 281, 283 und 311a) oder den Ersatz vergeblicher Aufwendungen (§ 284) fordern.

Wann kann der Kunde die Art der Nacherfüllung wählen?

Liegt ein Mangel vor, kann der Kunde selbst entscheiden, ob der Verkäufer diesen beseitigen oder eine mangelfreie Sache liefern soll. Allerdings kann der Verkäufer die gewählte Art der Nacherfüllung auch verweigern, wenn diese für ihn mit unverhältnismäßigen Kosten verbunden ist (§ 439 BGB).

Wie oft darf der Verkäufer nachbessern?

Wenn der Verkäufer die Ware nachbessert, hat er dafür zwei Versuche. Ist die Ware dann immer noch defekt, bleiben nur noch die Ersatzlieferung, Preisminderung und der Rücktritt vom Kaufvertrag zur Wahl.

Wann kann der Kunde vom Vertrag zurücktreten?

Wenn der Verkäufer beide Arten der Nacherfüllung verweigert oder sie ihm unzumutbar wären, kann der Käufer vom Vertrag zurücktreten (Paragraph § 440 BGB). Alternativ dazu kann der Kunde auch den Kaufpreise mindern (§ 441 BGB).

Wo muss das Gerät repariert werden?

Der sogenannte Erfüllungsort für die Gewährleistung ist dort, wo die Ware typischerweise benutzt wird, also in der Regel beim Käufer zuhause. Deshalb muss der Händler die defekte Ware sogar beim Kunden abholen. Paragraph 439 BGB besagt: „Der Verkäufer hat die erforderlichen Aufwendungen, insbesondere Transport-, Wege-, Arbeits- und Materialkosten zu tragen“.

Wann verjährt der Mängelanspruch?

Üblicherweise verjährt der Anspruch auf Nacherfüllung oder Schadenersatz nach zwei Jahren. Bei einem Bauwerk sind es fünf Jahre (§ 438 BGB).

Die Strategie der Banken ist riskant. Denn an den Null-Prozent-Finanzierungen verdienen sie kaum. „Die null Prozent gelten nur für den Kunden“, sagt Bankerin Wenk. Tatsächlich fallen aber Zinskosten von bis zu fünf Prozent an. Diese teilen sich Bank und Händler. Wer wie viel von den Kosten trägt, hängt auch von der erwarteten Absatzmenge ab. Bei einem billigen Fernseher etwa rechnet der Händler mit einer höheren Stückzahl als bei einem teuren Luxuskühlschrank. Bei dem Massenprodukt trägt die Bank in der Regel einen höheren Kostenanteil, weil es ihr mehr potenzielle Neukunden bringt. Im Extremfall trägt sie sogar die volle Zinslast.

„Ein bis zwei Null-Prozent-Aktionen im Jahr müssen wir bei Media-Markt mitgehen“, verrät ein Banker. Andernfalls drohe man als Finanzierungspartner ausgelistet zu werden. In diesem Fall verliere die Bank auch jene Kredite, an denen sie verdient.

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