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13.12.2012

20:58 Uhr

Razzia bei der Deutschen Bank

Fitschen wehrt sich

ExklusivHunderte Beamte durchsuchten die Zentrale der Deutschen Bank. Der Verdacht: schwerer Steuerbetrug. Co-Vorsitzender Jürgen Fitschen hält das Vorgehen für „überzogen“ – und sieht sich mit neuen Vorwürfen konfrontiert.

Im Kreuzfeuer der Kritik: Jürgen Fitschen, Co-Vorstandschef der Deutschen Bank. dapd

Im Kreuzfeuer der Kritik: Jürgen Fitschen, Co-Vorstandschef der Deutschen Bank.

Düsseldorf/München/FrankfurtNachdem Hunderte Beamte am Mittwoch die Zentrale der Deutsche Bank in Frankfurt wegen des Verdachts des schweren Umsatzsteuerbetrugs durchsucht haben, geht Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen jetzt in die Offensive: „Meines Erachtens war das Vorgehen der Staatsanwaltschaft überzogen.“ Er wundere sich, dass es überhaupt „zu einem solchen Verfahren kommen konnte“, sagte Fitschen im Interview mit dem Handelsblatt. Aus seiner Sicht entbehren die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft jeder Grundlage.

Fitschen wird vorgeworfen, sich mit seiner Unterschrift unter die Umsatzsteuererklärung des Jahres 2009 des besonders schweren Steuerbetrugs schuldig gemacht zu haben. „Ich fühle mich ungerecht behandelt“, sagte er. Anderseits zeigte sich der Co-Vorstandschef selbstkritisch: Er „bedaure es sehr“, dass die Bank mit den hausinternen Ermittlungen „noch nicht weiter“ gekommen ist.

Juristische Baustellen der Deutschen Bank

Viele Risiken

Geldwäsche, Steuerhinterziehung, versuchte Strafvereitelung – die Vorwürfe gegen Mitarbeiter der Deutschen Bank bis in den Vorstand wiegen schwer. Die laufenden Ermittlungen zum Handel mit Luftverschmutzungsrechten sind nicht die einzige juristische Baustelle des größten deutschen Geldhauses. In den ersten neun Monaten 2012 legte der Dax-Konzern 750 Millionen Euro für juristische Risiken zur Seite. Insgesamt schätzt der Konzern seine Rechtsrisiken nach jüngsten Angaben auf 2,5 Milliarden Euro. Ein Überblick.

Emissionsrechte

Das Geschäft mit Zertifikaten zum Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) ist millionenschwer. Seit Jahren ist die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft Umsatzsteuerbetrügern auf der Spur, die den deutschen Fiskus um hunderte Millionen schädigten. Schon 2010 gab es in diesem Zusammenhang eine Razzia bei der Deutschen Bank. Im Dezember 2011 wurden sechs Männer einer internationalen Bande verurteilt, mit denen Deutsche-Bank-Mitarbeiter kooperiert haben sollen. In dem Prozess vor dem Landgericht Frankfurt musste sich die Deutsche Bank vorhalten lassen, den grenzüberschreitenden CO2-Zertifikatehandel erst so richtig in Schwung gebracht zu haben. Die Bank hatte seinerzeit betont, es gebe bisher „keine Hinweise auf eine Verstrickung der Mitarbeiter der Bank“. Am Mittwoch durchsuchten Fahnder erneut Geschäftsräume des Instituts. Gegen fünf Mitarbeiter erging Haftbefehl wegen des Verdachts auf Geldwäsche und versuchte Strafvereitelung, die Zahl der Verdächtigen erhöhte sich auf 25. Die Ermittlungen zum Umsatzsteuerbetrug richten sich auch gegen Konzernchef Jürgen Fitschen und Finanzvorstand Stefan Krause, weil sie die Umsatzsteuererklärung 2009 der Bank unterzeichneten.

Libor

Über Jahre sollen Großbanken den Referenzzins manipuliert haben, um höhere Gewinne zu erzielen. Dass einzelne Mitarbeiter des Dax-Konzerns in den Jahren 2006/2007 an den Tricksereien beteiligt waren, daran gibt es auch nach Angaben der Bank keine Zweifel. Zwei Deutsche-Bank-Mitarbeiter wurden gefeuert. Das Institut schließt nach internen Untersuchungen aber aus, dass das höhere Management an Manipulationen beteiligt war. In die Kritik geraten war der seit Juni amtierende Co-Chef Anshu Jain, der seit Jahren das Investmentbanking verantwortet. Ende November musste sich Rechtsvorstand Stephan Leithner im Bundestags-Finanzausschuss unangenehme Fragen gefallen lassen. Die „London Interbank Offered Rate“ (Libor) gibt an, zu welchen Konditionen sich Banken gegenseitig Geld leihen. Der Zins dient als Maßstab für Geldgeschäfte in Billionenhöhe.

Kirch

Im Dauerclinch um die Pleite des Medienimperiums des inzwischen gestorbenen Leo Kirch droht der Bank eine möglicherweise teure Niederlage. Das Münchner Oberlandesgericht (OLG) verurteilte die Bank zu Schadenersatz. Die Höhe ist noch offen und soll von Gutachtern ermittelt werden. Der damalige Konzern-Chefs Rolf Breuer hatte Anfang 2002 in einem Interview Kirchs Kreditwürdigkeit angezweifelt. Wochen danach brach der Kirch-Konzern zusammen. Kirch machte Breuer und die Bank zeitlebens dafür verantwortlich. Dessen Erben fordern in dem Münchner Verfahren gut zwei Milliarden Euro Schadenersatz. Breuer nennt das Interview heute einen „Unfall“, einen Vergleich lehnte die Bank ab.

USA

Dort landet die Bank wegen Geschäften aus den Zeiten vor der Finanzkrise 2007/2008 immer wieder vor dem Kadi. Oft geht es um windige Hypothekengeschäfte. So soll das Institut Investoren mit Verbriefungsgeschäften übers Ohr gehauen haben. Im Mai schaffte das Geldhaus durch Zahlung von 202 Millionen US-Dollar eine Klage wegen zwielichtiger Geschäfte der US-Tochter MortgageIT aus der Welt.

Stand: 13. Dezember 2012, Quelle: dpa

Tatsächlich musste der Bank spätestens seit der ersten Razzia im April 2010 klar gewesen sein, dass sie sich illegaler Handelsgeschäfte mit Emissionszertifikaten verdächtig gemacht hat. Deshalb sagte Fitschen: „Wenn wir uns anders verhalten können bei der Aufklärung, dann werden wir entsprechende Vorschläge der Staatsanwaltschaft gerne prüfen, um die Effizienz der Zusammenarbeit in beiderseitigem Interesse zu verbessern.“

Mit Blick auf die zahlreichen Skandale, mit denen die Bank in Verbindung gebracht wird, resümierte Fitschen: „Wir müssen mit den Kollegen dafür sorgen, dass die Bank in einem anderen Licht gesehen wird.“ (Das komplette Interview lesen Sie im Handelsblatt-E-Paper oder in der heutigen Printausgabe)

Kommentare (16)

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jstockburger

13.12.2012, 21:10 Uhr

Ist es möglich, dass der tiefe Staat die Deutsche bank für die nächsten Wochen ruhig stellen möchte?

ABINDENBAU

13.12.2012, 22:14 Uhr

Es ist eher möglich, dass der tiefe Staat so lange mit dieser Razzia gewartet hat, bis sämtliche Beweise von den Mitarbeitern der Deutschen Bank geschreddert waren. Ist aber eh egal, denn schon sehr bald wird der deutsche Bankenriese eh am Steuerzahlertropf hängen ;-(

LutzLupe

13.12.2012, 22:23 Uhr

..oder es im zusammenhang mit diesem whistleblower steht. gerüchte kann man schnell streuen und sie wirken glaubhaft wenn man noch interne details kennt. dieses riesen aufgebot nach 2 jahren der entdeckung ist schon komisch. naja morgen ist die kirchverhandlung, da wird man wieder so einiges lesen könnenö

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