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05.06.2014

15:44 Uhr

Reaktion der Banken

„Das Geld quillt schon aus allen Ritzen“

Die Bankenverbände wettern in aller Deutlichkeit gegen die jüngste Zinssenkung der EZB. Sie warnen vor den Risiken der Strafzinsen auf ihre Einlagen – und erwarten wenig Impulse durch das billige Geld.

Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon hält nichts von der Niedrigzinspolitik der EZB. dapd

Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon hält nichts von der Niedrigzinspolitik der EZB.

Düsseldorf/FrankfurtSo wenig Zins war nie - mit ihrer jüngsten Entscheidung hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen auf ein Rekordtief von 0,15 Prozent gesenkt. Für Einlagen sind ab sofort sogar Strafzinsen fällig. Die Geldpolitik von Mario Draghi sorgt bei den Bankenverbänden für Entrüstung. Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), fürchtet weitreichende Folgen: „Die Zentralbank erzeugt zunehmend gefährliche Nebenwirkungen. Statt der erhofften Impulse für die Wirtschaft in den Krisenländern werden durch die erneute Zinssenkung die Sparer in ganz Europa weiter verunsichert und Vermögenswerte zerstört.“

Die niedrigen Zinsen treibe die Anleger in riskantere Anlageformen und mache die Finanzmärkte auch nicht stabiler. „Im Gegenteil, das überreichliche Geld quillt schon jetzt aus allen Ritzen und sucht sich immer riskantere Anlagemöglichkeiten. Gleichzeitig belasten die dauerhaft niedrigen Zinsen zunehmend das Geschäft der realwirtschaftlich orientierten und stabilen Kreditinstitute“, so Fahrenschon. Die daraus entstehenden Gefahren müsse die Zentralbank stärker berücksichtigen.

Für Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), ist die Leitzinssenkung „eine Placebopolitik auf Kosten der Sparer“. Statt den Krisenstaaten zu helfen, sei die Entscheidung ein schlechtes Signal für die deutschen Sparer und gefährde die Altersvorsorge in Deutschland. Die Verzinsung der Ersparnisse werden künftig noch schmaler ausfallen.

Welche direkten Folgen sich aus der EZB-Entscheidung ableiten, ist für Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, „mehr als ungewiss“. Es mangele nicht an Liquidität zur Kreditvergabe, sondern an erfolgversprechenden Anlageobjekten. Überschuldete Unternehmen und damit verbundenen hohe Kreditrisiken würden in Krisenländern eine Ausweitung der Kreditvergabe verhindern. Banken würden daher eher einen niedrigen, negativen Einlagezins in Kauf nehmen, als höhere Risiken einzugehen.

Mario Draghis Krisenkurs in Zitaten

Amtsantritt am 3.November 2011 in Frankfurt

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung.“

26. Juli 2012 in London

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

EZB-Sitzung am 4. Juli 2013

„Der EZB-Rat erwartet, dass die Zinssätze der EZB für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau oder darunter bleiben werden.“

Nach der Leitzinssenkung am 7. November 2013

„Wenn wir Deflation verstehen als einen weit verbreiteten Verfall von Preisen in vielen Warengruppen und in mehreren Ländern – das sehen wir nicht.“

Gespräch mit Altkanzler Schmidt am 7. November 2013

„Ich bin sehr bewegt von Helmut Schmidts Worten und sollte dafür wirklich dankbar sein. Komplimente sind Mangelware in diesen Tagen.“

EZB-Sitzung am 3. April 2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

EZB-Sitzung am 8. Mai 2014

„Der EZB-Rat fühlt sich wohl damit, beim nächsten Mal zu handeln.“

EZB-Konferenz am 26. Mai 2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

Die Gefahr einer Deflation in den Südländern sieht Kemmer nicht. Immerhin sei die Arbeitslosigkeit im Euro-Raum seit Ende letzten Jahres gesunken. Eine langanhaltende Niedrigzinspolitik sei darum keine Option. „Investoren, Unternehmen, Konsumenten und der Staat dürfen sich nicht zu stark an das extrem billige Geld gewöhnen.“ Auf Dauer sei die Geldpolitik kein geeignetes Instrument, um die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Eurostaaten zu stärken.

Beim Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB) geht man sogar davon aus, dass Draghis Feuer aus allen Rohren keinerlei Wirkung zeigen wird. „Die weitere Zinssenkung und der negative Einlagenzins sind zwar ein historischer Schritt, der aber zumindest als effektlos in die Geschichtsbücher eingehen wird“, erklärt VÖB-Hauptgeschäftsführerin Liane Buchholz. Der Markt habe die Entscheidung bereits vorweg genommen und in die Euro-Wechselkurse zum Dollar eingepreist. Die vermeint positiven Effekte würden in sich zusammenfallen. Die negativen Folgen würden Privatkunden, Unternehmen und Banken in Deutschland „viele Jahre leiden“ lassen.

Von

bay

Kommentare (10)

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Account gelöscht!

05.06.2014, 15:58 Uhr

Entscheidend ist wohl die Feststellung, dass es nicht an Geld fehlt sondern an Objekten und Geschäftsmodellen, die kreditwürdig sind.

Wenn es tatsächlich sich so verhält und Kreditklemmen in den Problemländern bestehen, die Banken aber nicht bereit sind Kredite zu gewähren, weil die Risiken zu hoch sind, helfen auch keine Strafzinsen. Banken sind selbstverständlich aus Eigeninteresse verpflichtet Kreditausfälle zu minimieren.

Das ist völlig normal, auch in Zeiten die abnormal sind.

Account gelöscht!

05.06.2014, 16:24 Uhr

@ Falk2 sehr richtig. in den banken sitzen ja auch kluge menschen und keine politiker.

Account gelöscht!

05.06.2014, 16:25 Uhr

Wenn das Geld schon aus allen Ritzen quillt, hilft nach der unfehlbaren Logik der Wirtschaftsexperten nur eines: noch mehr Geld, viel mehr! Sonst droht unweigerlich Deflation und das wäre - äh - na ja - nicht gut.

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