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13.01.2010

07:03 Uhr

Rebellion gegen Sparpläne

Wie sich eine Bank ihres Chefs entledigte

VonYasmin Osman

Hohe Renditen und Massenentlassungen? Das mag bei der Deutschen Bank ja angehen, nicht aber im schwäbischen Neckartal. Bei der Volksbank Kirchheim-Nürtingen löste der Versuch des neuen Vorstandschefs, kurzfristig knapp zwölf Prozent der Belegschaft zu entlassen, kurz vor Weihnachten eine Rebellion der übrigen Führungsriege aus.

Bei Volksbanken gibt es auch merkwürdige Geschichten. Quelle: ap

Bei Volksbanken gibt es auch merkwürdige Geschichten.

FRANKFURT. Das Ergebnis: Einen neuen Job braucht nun der erst seit Juli amtierende Vorstandschef Axel Mohr - und die Bank braucht einen komplett neuen Aufsichtsrat.

Heute kommen die Mitglieder der Volksbank in einer außerordentlichen Vertreterversammlung, quasi einer Hauptversammlung zusammen. Sie müssen die neuen Aufsichtsräte ihrer Volksbank bestimmen. Dann kehrt vielleicht wieder Ruhe in die Bank, die in seltener Offenheit eine Führungskrise austrug. Im Kern geht es darum, wie schnell die Bank, die noch gut verdient, ihre Kosten senken soll. „Axel Mohr hat den Finger schon in die richtige Wunde gelegt. Nur über den Weg dorthin waren wir uns uneinig“, sagt Harald Kuhn über den Ex-Vorstandskollegen. Während Kuhn und der dritte Vorstand, Dieter Helber, sagen, man könne die Probleme über die natürliche Fluktuation lösen, will Mohr den klaren Schnitt: Die Probleme seien jahrelang bekannt gewesen, nie sei was passiert.

Wenige Wochen vor Weihnachten sickert die Information an die Öffentlichkeit. Mohr tritt die Flucht nach vorne an, informiert offen über die Kürzungspläne – dann wird's ungemütlich im sonst so gemütlichen Ländle. „Das versteht keiner: Der Mittelstand versucht, in der jetzigen schwierigen Situation seine Mitarbeiter zu halten, und Herr Mohr möchte aus einer guten Situation heraus 58 Mitarbeiter entlassen“, sagt Kuhn. Wütende E-Mails erreichen die Bank, Kunden drohen damit, die Bank zu wechseln. Der Kirchheimer Gemeinderat debattiert. Die Vorstände Kuhn und Helber opponieren öffentlich gegen die Entlassungspläne, ruckzuck sammeln Mitarbeiter die nötigen Unterschriften für die Vertreterversammlung. Dort will Mohr eigentlich noch seine Vorstellungen verteidigen.

Doch der Showdown findet in der Weihnachtswoche statt: Fast die komplette mittlere Führungsebene unterschreibt einen Brief, in dem sie Mohr und den Aufsichtsrat auffordern: „Machen Sie den Weg frei für einen Neuanfang.“ Andernfalls würden sie kündigen. Mohr hat am gleichen Tag die Presse eingeladen. Kuhn, Helber und der Betriebsratsvorsitzende platzen unangemeldet herein, geben Kontra. Am Abend treten Mohr und der Aufsichtsrat dann zurück.

Woran ist Mohr im Ländle gescheitert? Karl-Heinz Reidenbach, mit dem Mohr im Vorstand der Volksbank war, schätzt den Ex-Kollegen. Er sei einer, der Probleme, die er erkennt, direkt angeht. „Er neigt dazu, durch dieses konsequente Vorgehen seiner Umgebung zu wenig Zeit zu lassen.“ Fragt man Mohr, antwortet auch er: „an der Umsetzungsgeschwindigkeit“.

Kommentare (3)

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Insider

13.01.2010, 12:23 Uhr

meint:

Endlich wurde mal richtig gehandelt. Der Sensenmann und der Aufsichtsrat wurden geschaßt. So wurde Schaden von der Volksbank in der Region ferngehalten!
Hut ab für die 2 weiteren Vorstandsmitglieder und der gesamten Führungsmannschaft + belegschaft.
Notwendige Personalanpassungen können auch menschlich ablaufen.ich möchte nicht wissen, wie hoch die Erfolgssumme ist, die der alte Aufsichtsrat für den "Erfolg" dem Vors. -Ehemaligen- eingeräumt hat.
Nur die fällige Abfindung müßte jetzt der AR zahlen!!!! So läuft Verantwortlichkeit!!!
An diesem Vorgang muß Deutschland genesen!!!!! Nur so geht es in der Regionalität. Liebe bänker steht auf in den Regionen Deutschlands. Nicht ihr habt es verzapft. Es waren Eure bosse!!! Und mit Gesprächsprotokoll, Anlegeranalyse + Absatzzwang sollt ihr den Karren wieder aus den Dreck ziehen.Nicht die bosse haben das Vertrauen zum Kunden aufgebaut. Es waren die berater an der Front. Und diese Vertrauenbasis der berater wurde brutal mißbraucht von der Führungsschicht, die ja auch für den Einkauf der Produkte verantwortlich sind! Wo, liebe Frau Justizministerin, bleibt die Gesetzgebung in der Anwendung????
Die Möchtegern-bosse der Volksbanken kassieren im Verhältnis zu den Großbanken-bossen ein viel zu hohes Gehalt. Und hier müßte einmal der Genossenschaftsverband auf den Putz hauen. So kann es nicht weitergehen, wenn es noch heißen soll: Eine Volksbank ist für ihre Kunden da.

Jetzt gehts los, liebe bänker. Und laßt nicht locker!!

Das meint ein alter Hase.

Faiss

14.01.2010, 09:53 Uhr

Hier zeigen sich eindrucksvoll die Werte des Gründers der Genossenschaftsbanken von F.W. Raiffeisen. Eigentümer einer Volksbank Raiffeisenbank sind nicht "fremde" Aktionäre sondern ihre Mitglieder/Kunden aus der Region vor Ort. Daher sind die VR-banken nicht dem heute sonst nahezu überall anzutreffenden und zu kurzfristig gedachten Shareholder Value Gedanken verhaftet.
ich finde es gut, dass es in Deutschland heute noch banken gibt die positive Werte vertreten!

Die bank unterstützt mit der Goldenen Karte für Mitglieder (Goldenen VR-bankCard PLUS) auch aktiv ihre Region bzw. die Händler vor Ort. Auch dies finde ich sehr gut!
Link: http://www.volksbank-kirchheim-nuertingen.de/privatkunden0/konto___karten/bankkarten/0.html

F.W.

Jacko

14.01.2010, 16:05 Uhr

Wer ist denn Frau Yasmin Osman?
Die es merkwürdig findet, wenn Führungskräfte ausnahmsweise und deshalb beachtenswerter Weise Führungsstärke zeigen?
Und die vom gemütlichen Ländle schwafelt?
Wer hier Arbeit sucht wird das sicherlich bestätigen...

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