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08.09.2011

10:22 Uhr

Rede von Ackermann

„Verunsicherung der bürgerlichen Mitte“

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat auf der Handelsblatt-Tagung „Banken im Umbruch“ den heutigen Zustand der Weltwirtschaft mit der Situation im Herbst 2008 verglichen, als Lehman pleitegegangen war. Auch seine Bank muss sparen. Wir dokumentieren die wichtigsten Passagen seiner Rede:

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Reuters

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann.

DüsseldorfDer jüngste Einbruch der Aktienmärkte hat zwischen Ende Juli und Ende August weltweit Aktienvermögen in Höhe von fünf Billionen Euro vernichtet – das sind knapp 15 Prozent der globalen Marktkapitalisierung vor Ausbruch der Marktturbulenzen ... Banken und andere Finanzwerte haben im Vergleich zu Aktien anderer Branchen überproportional an Wert verloren ...

Um das Bild der Lage zu komplettieren, sei auch erwähnt, dass nicht nur die Aktienmärkte stark schwanken, sondern auch die Märkte der Staatsanleihen ...

All dies erinnert an den Herbst 2008, obwohl der europäische Bankensektor im Vergleich zu damals heute deutlich besser kapitalisiert und weniger von kurzfristiger Liquidität abhängig ist.

Zu den Ursachen der Krisen
Manche Beobachter sprechen von Irrationalität und Panik; andere weisen die Schuld der vermeintlichen Unfähigkeit der Politik zu. Doch beides greift zu kurz. Zum einen sind derartig heftige Marktbewegungen selten monokausal. Zum anderen sind gerade wir in der Finanzbranche gut beraten, uns zuerst einmal selbst an die Brust zu klopfen und ernsthaft darüber nachzudenken, inwieweit die Ursachen auch in von uns geschaffenen Strukturen, in Eigenheiten unserer Branche liegen könnten – inwieweit wir also dafür Verantwortung tragen.

Zur Konjunkturunsicherheit

Nach dem starken Start in das laufende Jahr haben sich die wirtschaftlichen Aussichten eingetrübt ... Die Märkte schwanken gegenwärtig zwischen Furcht vor Deflation und Sorge vor Reflation. Wird die übermäßige Verschuldung bei Haushalten und Staaten durch harte Bilanzschnitte abgebaut, droht Rezession und Deflation; wird sie durch höhere Inflation abgebaut, drohen Realeinkommenseinbußen. Entsprechend unsicher sind die Investoren.

Zur Staatsschuldenkrise

Die Anleger fragen sich nicht nur, ob die Verantwortlichen den nötigen politischen Willen aufbringen, diese Krisen zu bewältigen, sondern zunehmend auch, ob ihnen dazu überhaupt noch genug Zeit bleibt und ob sie über die dafür nötigen Mittel verfügen. Die Schuldenniveaus der entwickelten Länder sind dabei, relativ zum BIP, nicht nur deutlich höher als die der Schwellenländer, sondern weisen auch eine deutlich schlechtere Dynamik auf (...) Einzelne Industrieländer, u.a. Deutschland, haben zwar relativ früh begonnen gegenzusteuern und sind daher in einer besseren Lage. Gleichwohl ist der Trend eindeutig. Und dieser Trend weist auf eine neue Ära hin, in der die Annahme vom risikofreien oder nahezu risikofreien Status von Staatsanleihen zunehmend ihre Gültigkeit zu verlieren droht. Dass Kapitalmärkte auf solche Umbrüche verunsichert reagieren und nach neuer Orientierung suchen, kann eigentlich nicht erstaunen.   

Zur Zukunft der Banken

Von den Auswirkungen der Schuldenkrise sind die Banken vielfältig tangiert. Direkt über ihre Exposures gegenüber den Schuldnerländern. Indirekt über ihre Refinanzierungskosten, die eine enge Korrelation mit den Zinssätzen auf Staatsschulden aufweisen. Und schließlich bergen hohe staatliche Schulden immer die Gefahr von Steuererhöhungen. Dabei fürchten Investoren, dass auf den Finanzsektor besondere Finanzierungslasten zukommen. Die Diskussion um eine Besteuerung von Finanzdienstleistungen und/oder -transaktionen lassen diesen Verdacht durchaus begründet erscheinen. Hinzu kommt, dass die Zukunftsaussichten für die Finanzbranche insgesamt, nicht notwendig für jede einzelne Bank, eher verhalten sind.

Zur Regulierung

War Banken- und Finanzmarktregulierung vor der Finanzkrise über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten von der Liberalisierung, Deregulierung und Internationalisierung gekennzeichnet, wird seit der Krise ein grundsätzlich anderer Ansatz verfolgt ... Es werden nicht mehr Prinzipien formuliert, deren praktische Umsetzung dann den Banken überlassen ist – sondern Banken wird im Detail vorgeschrieben, was sie zu tun haben.

Aufsicht und Regulierung versuchen aktiver, bestimmte Marktergebnisse herbeizuführen. Durch Regulierung und diskretionäre Markteingriffe wird stärker gesteuert, wohin das Kapital in der Volkswirtschaft fließt und in Form welcher Produkte dies passiert. Und Aufsicht und Regulierung drohen nationaler zu werden: Erschreckt durch Erfahrungen in der Krise, suchen viele Regierungen und Aufsichtsbehörden derzeit ihr Heil in dem Versuch, Märkte abzuschotten.

Kommentare (1)

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flyingfridge

08.09.2011, 12:02 Uhr

"Wir müssen unseren Bürgern klar sagen, dass alle europäischen Staaten ohne die Europäische Union in einigen Jahren politisch wie wirtschaftlich nur noch Randfiguren in der Weltpolitik wären."
Ach, wäre das schön. So in etwa wie die Schweiz. Nicht überall mitreden und deswegen auch von den anderen in Ruhe gelassen werden. Ein Traum.

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