Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.01.2013

19:59 Uhr

Reform des Zinssatzes

Bankenaufsicht plant Sofortmaßnahmen für Euribor

Die Europäische Bankenaufsicht fordert Sofortmaßnahmen zur „Vertrauensbildung“ und stellt einen Elf-Punkte-Plan zur Reform des Euribor vor. Die Aufseher machen sich Sorgen um Zahl der meldenden Banken.

Die Bankenskyline von Frankfurt: Reform des Bankenzins steht vor der Tür. dapd

Die Bankenskyline von Frankfurt: Reform des Bankenzins steht vor der Tür.

FrankfurtDie europäischen Banken- und Börsenaufseher fordern Sofortmaßnahmen zur Reform des Interbankenzinssatzes Euribor. Mit einem Elf-Punkte-Plan wollen die EU-Bankenaufsicht EBA und ihr für die Börsen zuständiges Pendant ESMA das Vertrauen in den Euribor wiederherstellen, der wie der Londoner Libor von einem Manipulations-Skandal erschüttert wird. EBA und ESMA wollen vor allem die Macht der Banken brechen, die den Euribor bislang ohne echte Kontrolle ermittelt hätten, wie die Aufseher am Freitag erklärten. Der Euribor solle wieder zu einer "transparenten und verlässlichen Richtschnur" werden.

Zugleich machen sie sich Sorgen, dass noch mehr Banken aus der Feststellung des Euribor aussteigen. Denn das könnte dazu führen, dass der für viele Finanzprodukte bedeutsame Zinssatz nicht mehr repräsentativ wäre. EBA und ESMA forderten die nationalen Aufseher auf, alle am Euro-Geldmarkt tätigen Banken zu ermutigen, weiter zur Ermittlung des Euribor beizutragen. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin hatte in London für Ärger gesorgt, weil sie Finanzkreisen zufolge die Entscheidung jeder einzelnen Bank überlassen will. Zuletzt hatten unter anderem die niederländische Rabobank, die BayernLB und die österreichische Raiffeisen Bank International den Kreis der Euribor-Banken verlassen.

Angst vor Austrittswelle: Euribor-Organisatoren schlagen Alarm

Angst vor Austrittswelle

Euribor-Organisatoren schlagen Alarm

Immer mehr Geldinstitute steigen aus der Erhebung des Euribor aus.

Der gemeinnützige Verband Euribor-EBF, der hinter dem Interbanken-Zinssatz steht, hatte selbst vor einem Domino-Effekt gewarnt, wenn noch mehr Banken ausstiegen. Das drohe die Pläne von Politikern und Aufsehern zu untergraben, die die Ermittlung des Zinses reformieren und ihn damit zuverlässiger machen wollen.

Je weniger Institute bei der Festlegung mitmachen, desto einfacher ist es für einzelne, den Satz durch falsche Angaben zu verzerren. Beim Euribor-EBF melden die Institute einmal täglich die Zinsen, zu denen sich Banken untereinander Geld leihen. Der Informationskonzern Thomson Reuters sammelt die Daten als Dienstleister ein und bereitet sie auf.

Die empfindlichsten Strafen für Banken

Hohe Bußgelder

Geldwäsche oder Libor-Skandal – vielen Finanzhäusern drohen hohe Geldbußen. Eine Übersicht, wer schon happige Strafen zahlen musste.

Barclays

Die britische Bank Barclays hatte sich im Juni bereit erklärt rund 470 Millionen Dollar zu zahlen, um die Libor-Untersuchungen in Großbritannien und in den USA beizulegen.

Barclays II

Die US-Energiemarktaufsicht FERC forderte im Juli 2013 von der britischen Bank Barclays eine Rekordstrafe von 453 Millionen Dollar. Die Behörde warf dem Bankhaus vor, in den Jahren 2006 bis 2008 den Strommarkt manipuliert zu haben. Vier Barclays-Händler hätten die Preise am Strommarkt künstlich gedrückt, um am Derivatemarkt mit Wetten gegen steigende Strompreise abzusahnen.

Goldman Sachs

Die US-Bank stimmte einem 500 Millionen Dollar schweren Vergleich mit der US-Aufsicht SEC zu. Die SEC hatte der Großbank vorgeworfen, ein auf faulen Krediten basierendes Finanzprodukt in dem Moment aufgelegt zu haben, als der Immobilienmarkt in den USA abzustürzen begann.

ABN Amro

Die niederländische Bank ABN Amro zahlte wegen des Verstoßes gegen Iran-Sanktionen 500 Millionen Dollar.

Credit Suisse

Die Crédit Suisse muss wegen Verstoßes gegen Iran-Sanktionen 536 Millionen Dollar Strafe zahlen.

ING

Die niederländische ING zahlte 619 Millionen Dollar. Sie soll für kubanische und iranische Kunden Milliarden durch das US-Finanzsystem geschleust haben.

Standard Chartered

Die britische Bank geriet wegen ihrer Iran-Geschäfte ins Visier der New Yorker Finanzaufsicht DFS. Fast zehn Jahre lang soll fast zehn Jahre lang gegen die Sanktionen verstoßen haben und Geschäfte mit dem Iran abgewickelt haben. Die Bank hat die Vorwürfe zwar vehement abgestritten, dann stimmten die Briten doch einer Zahlung von 340 Millionen Dollar zu. Außerdem schloss die Bank einen Vergleich mit der US-Notenbank Fed, dem US-Justizministerium und der Staatsanwaltschaft Manhattan und zahlt noch einmal 330 Millionen Dollar, insgesamt also insgesamt 670 Millionen Dollar.

Royal Bank of Scotland

Die Royal Bank of Scotland zahlte eine Strafe von 500 Millionen Dollar. Sie soll über die niederländische Bank ABN Amro Geld für Kunden aus dem Iran, Libyen und Syrien gewaschen haben. Für die Verwicklung in den Libor-Skandal zahlt die Bank 615 Millionen Dollar an die Behörden in den USA und Großbritannien.

HSBC

Die Großbank hatte über Jahre hinweg mexikanischen Drogenbossen und saudi-arabischen Terrorfinanzierern bei der Geldwäsche geholfen. Die US-Behörden verdonnerten die Bank zu einer Strafe von rund 1,9 Milliarden Dollar.

UBS

Die Schweizer Großbank UBS zahlt wegen des Libor-Skandals insgesamt Strafen in Höhe von 1,16 Milliarden Euro (1,4 Milliarden Franken) an Behörden in den USA, Großbritannien und der Schweiz. Die Strafzahlungen führen dazu, dass die UBS im vierten Quartal 2012 einen Reinverlust von bis zu 2,5 Milliarden Franken verbucht. Zudem zahlt die Bank 780 Millionen Dollar Strafe wegen Beihilfe zum Steuerbetrug.

UBS II

Im Juli 2013 einigt sich die Schweizer Großbank UBS mit US-Behörden, einen Streit über Hypothekenpapiere beizulegen. Die Vorwürfe beziehen sich auf das Jahr 2008. Die UBS zahlt 885 Millionen Dollar, ohne eine Schuld anzuerkennen.

Großvergleich in den USA

Mehrere Banken in den USA stimmten Anfang des Jahres einem mehr als 25 Milliarden Dollar schweren Vergleich zu. Zu den Finanzhäusern zählen Ally Financial, Bank of America, Citigroup, JP Morgan Chase sowie Wells Fargo. Bei dem Vergleich geht es um Forderungen aus Hypothekenkrediten.

(Quelle: eigene Recherche, Stand Dezember 2012)

"Die vorgeschlagenen Grundsätze sind eine Sofortmaßnahme im Vorfeld weitreichenderer Änderungen im Aufsicht- und Regelwerk für Finanzindikatoren", sagte ESMA-Chef Steven Maijoor. Beide Aufsichtsbehörden sähen gerne, dass ihre Vorschläge innerhalb von sechs Monaten umgesetzt würden. Unter anderem fordern sie mehr Professionalität vom Euribor-EBF, der bisher nur mit drei hauptamtlichen Kräften arbeitet. "Der Organisator übernimmt nicht ausreichend direkte Verantwortung für den Euribor und kontrolliert den Prozess zur Zinsfestsetzung nicht ausreichend", heißt es in dem Papier.

Euribor-EBF-Chef Guido Ravoet will auf die Forderungen der Aufseher eingehen. "Sechs Monate reichen dazu aus", sagte er. Der Verband wolle mit mehr Akademikern und Branchenexperten arbeiten. "Wir wissen, dass die 39 Banken an Bord bleiben werden, aber wir müssen ihnen Sicherheit bieten."

In dem Papier der Aufseher heißt es, bisher werde nicht ausreichend geprüft, ob der gemeldete Zinssatz auf tatsächlichen Transaktionen beruhe. Einige Banken hatten Sätze gemeldet, für die sie sich angeblich Geld liehen, die nicht der Realität entsprachen, auch um die angespannte Situation in der Finanzkrise zu verschleiern. Die Europäische Zentralbank hatte Ende 2012 ähnliche Vorschläge gemacht, die EU-Kommission arbeitet an einem verbindlichen Regelwerk, das im April veröffentlicht werden soll.

EBA und ESMA ist ein Dorn im Auge, dass der Lenkungsausschuss des Euribor-Verbandes mehrheitlich aus Bankern besteht. Der Euribor-EBF müsse für die Qualität der gelieferten Daten einstehen. Dazu soll es interne und externe Überprüfungen geben. Alle eingereichten Daten müssten archiviert werden - auch wenn Banken nicht meldeten oder über längere Zeit zweifelhafte Angaben machten. Zudem solle der Euribor auf die sieben gebräuchlichsten Laufzeiten beschränkt werden; derzeit werden 15 verschiedene Sätze abgefragt.

Von

rtr

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Euroklopapier

12.01.2013, 08:47 Uhr

Da werden Banken von Bänkstern geprüft! Ein nettes Schauspiel. Die Manipulation geht im großen Stil weiter. So viel ist sicher.

Mazi

12.01.2013, 20:50 Uhr

Ist doch überhaupt kein Problem. Die EZB verkündet den Zinssatz.

Weshalb will man überhaupt der Zinsmanipulation den Anstrich geben, als wenn es Aufgabe der Banken wäre, die Zinsen frei zu bestimmen?

Nachdem Kapital oder der Konsumverzicht (Sparen) überhaupt keine Wertschätzung mehr seitens der EZB findet, sollten wir uns Gedanken darüber machen, ob es nicht sinnvoll ist gänzlich auf die Zinsberechnung zu verzichten.

Die EZB hat doch faktisch ohnehin den Weg Richtung islamischer Geldpolitik vorgegeben.

Von den Fakten her gesehen, stimmt diese Vermutung mit Sicherheit.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×