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30.01.2007

13:06 Uhr

Regionalgeld

Taler, Taler, du musst wandern ...

VonSonia Shinde

Blüten, Taler oder Regios – immer öfter ersetzen sie den Euro, Regionalwährungen boomen in Deutschland. Die bunten Scheine der Globalisierungskritiker und Bürgerinitiativen sollen die lokale Wirtschaft stärken und den Geldabfluss ins Ausland verringern. Wie Alternative die Finanzwelt neu erfinden wollen.

Die Blüten von Kartoffel, Gurke, Apfel, Spargel und Kirsche standen Pate für die Havelblüten, das Regionalgeld in Potsdam. Foto: PR

Die Blüten von Kartoffel, Gurke, Apfel, Spargel und Kirsche standen Pate für die Havelblüten, das Regionalgeld in Potsdam. Foto: PR

FRANKFURT. Einmal Fenster reinigen macht fast vier Apfelblüten beim Putzdienst „Putzi“ in Potsdam, die Tasse Cappuccino kostet drei Chiemgauer im bayerischen Rosenheim, und in der Apotheke der Nachbargemeinde Ainring kommt eine Flasche Hustensaft rund vier Sterntaler.

Den Anfang unter den Regionalwährungen machte 2001 in Bremen der „Roland“, es folgten Chiemgauer, Kannwas, Kamentzer, Sterntaler, Justus, Kirsch- und Havelblüte. Bundesweit gibt es rund 20 Alternativen zum Euro, die meisten in Süddeutschland. Laut Dachverband Regiogeld kommt etwa alle zwei Monate eine neue Währung hinzu, 30 sind derzeit in Vorbereitung, noch in dieser Woche geht in München der Regio an den Start.

Die bunten Scheine der Globalisierungskritiker und Bürgerinitiativen sollen die lokale Wirtschaft stärken und den Geldabfluss ins Ausland verringern. So wie in Bad Reichenhall: Gäste des Parkhotels zahlen dort 32 Sterntaler für das Vier-Gänge-Menü mit Entenbrust, Jakobsmuschel und Rehrücken. Und Hotelier Christian Herkommer gibt sie spätestens am nächsten Tag wieder aus, für Apfelsaft, Schweinebraten oder Blumensträuße – alles von Erzeugern aus der Region. Die will er durchs Mitmachen stärken, sagt er, auch wenn doppelte Kasse und doppelte Bücher aufwendig sind.

Damit ist Hotelier Herkommer der regionale Mustermann, denn genauso haben sich das die Initiatoren vorgestellt. „Geld muss fließen“, ist ihre Devise. Je höher die Umlaufgeschwindigkeit, desto größer die Wertschöpfung. Neu sind diese Thesen nicht, sie gehen zurück auf den belgischen Ökonomen Silvio Gesell und seine Freiwirtschaftslehre (s. „Silvio Gesell und seine Lehre“). „Herkömmliches Geld wirkt wie eine Pumpe, die das Kapital aus denjenigen Regionen absaugt, in denen es verdient wird und in Regionen pumpt, in denen derzeit die höchste Rendite erzielt wird“, sagt Margrit Kennedy, die mehrere Bücher über Regionalwährungen veröffentlicht hat. „Wir finanzieren mit unseren Spareinlagen den Aufbau in China, Indien oder Russland, die Abwanderung von Firmen und den Verlust von Arbeitsplätzen hier.“

Regionale Währungen sollen das verhindern. Denn sie gelten nur vor Ort und sind damit ungeeignet für Spekulationen an den internationalen Finanzmärkten. Geld soll mit ihnen wieder Tauschmittel sein – statt als Spekulationsobjekt durch das globale Finanzsystem zu vagabundieren. Verfechter der Regio-Theorie nehmen an, dass nur zwischen zwei und vier Prozent der weltweiten Finanzströme dem Bezahlen von Waren und Dienstleistungen dienen. Der Rest jagt per Mausklick über die internationalen Börsenplätze – immer auf der Suche nach der höchsten Rendite. „Das birgt die Gefahr weltweiter Instabilitäten“, sagt Ulrich Scheiper, Volkswirt an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. „Regionalwährungen können helfen, die Folgen zu mildern.“

Denn Regionalgeld ist Schwundgeld: Wird es gehortet, sinkt sein Wert. Diese „Liegegebühr“ soll zum Ausgeben animieren. Das bislang erfolgreichste Regionalgeld-Projekt ist der bayrische Chiemgauer. Im vergangenen Jahr wurden Waren im Wert von fast 1,5 Mill. Euro in Chiemgauer umgesetzt, doppelt so viel wie 2005. Derzeit machen rund 90 000 Chiemgauer die Runde. Mehr als 550 Unternehmen handeln mit ihnen, unter anderem Friseure, Versicherungsmakler, Computerhändler und Supermärkte. Mittlerweile gibt es die Regionalwährung sogar auf Karte – jeder fünfte Chiemgauer ist heute Buchgeld.

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