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04.06.2012

19:05 Uhr

Risiko im Verborgenen

Reich der Schattenbanken steht auf der Kippe

VonMichael Detering, Michael Maisch, Sven Prange, Anke Rezmer, Miriam Schröder

Das Geschäft der Schattenbanken blüht auf, seitdem sich die Regeln für Institute verschärft haben. Hier sammeln sich sämtliche hochriskante Geschäfte. Nun soll Licht in das Reich des Verborgenen gebracht werden.

Die Skyline Frankfurts mit den Hochhäusern der Banken: Das Risiko ist aus dem Finanzsystem nicht verschwunden. dpa

Die Skyline Frankfurts mit den Hochhäusern der Banken: Das Risiko ist aus dem Finanzsystem nicht verschwunden.

Frankfurt/London/Köln/DüsseldorfAls Andrew Feldstein Mitte März der französischen Großbank Crédit Agricole ein Paket strukturierter Wertpapiere über 14 Milliarden Dollar abkaufte, lobte er vor allem sich selbst. Der Chef des Hedge-Fonds Blue Mountain sagte, er habe seinen Beitrag dazu geleistet, das Weltfinanzsystem ein Stück zu stabilisieren. Die Risiken seien jetzt dort, wo es "absolute Spezialisten im Umgang mit diesen Risiken" gebe.

Als John Mack, der Mann, der Morgan Stanley in die Finanzkrise führte, im April Aufsichtsratschef beim Kreditnetzwerk Lending Club wird, spricht er von Produkten, die der Kunde "gern" habe, und von der Emanzipation des Kunden von den Banken.

Als Holger Kindsgrab Mitte Mai in seinem Büro am Rande des Frankfurter Bankenviertels von den Bildschirmen auf seinem Schreibtisch aufblickt und erklärt, wie er die Milliarden seiner Geldmarktfonds anlegt, fallen Worte vom Kapital, das für Anleger "sicher und jederzeit verfügbar sei" und von "höchster Bonität".

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Denn diese bilden eine „Gefahr für die Stabilität des gesamten Finanzsystems“.

Wenn aber Michel Barnier, Elke König, Jens Weidmann oder Adair Turner über Feldstein, Kindsgrab, Mack und ihre Kollegen sprechen, ist weniger von Gemeinwohl und mehr von Gemeingefährlichkeit die Rede. Denn für den EU-Kommissar, die deutsche Finanzaufsichtschefin, den Bundesbankchef und den Chef der britischen Finanzaufsicht gehören sie zur Spezies der Schattenbanker - in ihren Augen die neuen Feinde des Wohlstands und florierender Märkte. Es sind Finanzindustrielle, die jenseits klassischer Banken mit Milliarden arbeiten und keiner Kontrolle unterliegen. "Wir müssen Licht in diese Bereiche bringen", sagt Barnier. Die Chefin der deutschen Finanzaufsicht Bafin, König, sagt: "Wir müssen die Verbindungen des regulierten Sektors zu den Schattenbanken regulieren." Und Bundesbankpräsident Weidmann sagt: "Es ist ein Risiko, Bankengeschäft in Bereiche zu verlagern, die geringer oder gar nicht reguliert sind."

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Formal sind es keine Banken, aber sie handeln so - und machen 46 Billionen Euro Umsatz.

46 Billionen Euro beträgt das weltweite Volumen der Schattenbanken. Ein Volumen, das 70 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts entspricht. Seitdem Aufsichtsbehörden und Politik die Regeln für Banken verschärft haben, blüht das Geschäft im Verborgenen. Die Banken haben ihre Bilanz verkleinert, sich von riskanten Geschäften getrennt. Das Kasino ist dennoch weiter geöffnet, der Spielbetrieb ist nur in einen schlecht beleuchteten Nebenraum gezogen. Dort hat sich eine Mischung aus Institutionen etabliert, die das Schattenbankensystem bilden:

- Zweckgesellschaften, die mit Hilfe strukturierter Produkte arbeiten und dabei hohe Risiken eingehen,

- Wertpapierhändler, die mit Sicherheiten an den Märkten handeln,

- Hedge-Fonds, die dieses Jahr 2,3 Billionen Dollar zusammenbringen,

- Geldmarktfonds, die weltweit rund fünf Billionen Dollar verwalten,

- Versicherer, die mit ihren Langfristverpflichtungen handeln,

- Konzerne wie General Electric oder Siemens, die eigene Banken betreiben,

- Immobilienfinanzierer,

- Kreditnetzwerke, die Geld einsammeln und über das Internet verleihen.

Aber wer davon ist gefährlich - und wer nicht? Und schadet ein Verbot des Schattenbankensystems der Realwirtschaft nicht mehr, als es nutzt?

Kommentare (17)

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Account gelöscht!

04.06.2012, 19:49 Uhr

"Zum Beispiel alternative Kreditplattformen wie die britische Zopa. Bei Zopa handelt es sich um einen sogenannten "Peer to Peer Lender", der über seine Internetplattform gegen eine Gebühr direkt Darlehen zwischen Investoren und Kreditnehmern vermittelt."
Das geht auch nur in GB oder Lichtenstein. In Deutschland muß jeder Webmaster seine Kleingeldbörse als Bank anmelden, sonst hat man die Jungs auf dem Hals.
Man muß daher nicht fragen, warum sowas wie Paypal von D aus nicht funktionieren kann, es wird systematisch verboten. Was andere Länder in diesem Bereich der IT-Wirschaft auf den Sockel hebt, und ca. 50% eines Minidownloads aus dem Land an solche Biller fließt.
Aber es ist ein lukratives Geschäft, wundert mich das gerade das Handelsblatt diese Form der Geldbeschaffung nicht oft erwähnt. Auch diese Webseiten, welche Geld für kleine Unternehmungen zur Gründung einsammeln, und mit einem kleinen Geschenk belohnt werden, sind sehr im kommen. Das ist reale Wirtschaft auf digital. Man sieht, die Menschen helfen sich selbst, ohne echte Schattenbanken, die toxische und gefährliche Papiere halten. Wer so etwas erlaubt, der hat es nicht besser verdient, beim Namen Hedge-Fonds kräuseln sich mir schon die Fußnägel hoch. Jeder normal denkende Mensch muß sich gedacht haben, wie das nach hinten losgehen muß. Man kann auf Papier schreiben was man will, der Gegenwert muß erst bewiesen werden. Und da sind die nette Finanzwirtschaft gerade voll am versagen.

matze

04.06.2012, 19:59 Uhr

ja prima, das handelsblatt kommt vielleicht tiels getrieben durch den selbstverursachten stress im finanzsystem aus den puschen. nochmal prima und danke von mir. und frau könig, ... und herr weidmann wünsch ihnen viel tatkraft.

Account gelöscht!

04.06.2012, 20:10 Uhr

Und wurde uns das nicht schon 2008 versprochen, dass das Schattenbankensystem reguliert wurde? Warum ist bislang so wenig geschehen???

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