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01.02.2008

12:18 Uhr

„Robin Hood“ der Finanzszene

Jérôme Kerviel ist neuer Star im Internet

VonMichael Maisch

Der durch den Skandal der Société Générale bekannt gewordene junge Finanzhasardeur Jérôme Kerviel gilt in der Szene als Erzschurke. Im Internet ist er jedoch längst zum Rächer der Enterbten aufgestiegen. Dort fordert Fans sogar den Wirtschaftsnobelpreis für Kerviel.

Einige Fans von Jérôme Kerviel fordern sogar den Wirtschaftsnobelpreis für den mutmaßlichen Betrüger. ap

Einige Fans von Jérôme Kerviel fordern sogar den Wirtschaftsnobelpreis für den mutmaßlichen Betrüger.

LONDON. Jérôme Kerviel im schwarzen Frack mit weißer Fliege, in der Hand die Urkunde, die ihm den Wirtschaftsnobelpreis zuspricht, - noch ist das nur eine Fotomontage im Internet. Doch den Fans des Händlers, der mit gefälschten Terminkontrakten ein 4,9 Milliarden Euro tiefes Loch in die Bilanz der französischen Bank Société Générale gerissen hat, ist es durchaus ernst. Und Fans hat Kerviel mittlerweile massenhaft.

In der Finanzszene mag der junge Finanzhasardeur als Erzschurke gelten, im Internet ist er längst zum Rächer der Enterbten aufgestiegen. Nicht nur Frankreichs linke Jugend verehrt den gefallenen Händler als "Robin Hood" der Finanzszene und als "Che Guevara" der Banken. Auf der Internetseite von Facebook, wo sich leicht Kontakte knüpfen lassen, beschäftigen sich mittlerweile über 100 Gruppen mit dem Mann, der Frankreichs zweitgrößte Bank in eine tiefe Krise gestürzt hat.

Das Angebot hält für jeden Geschmack etwas bereit, vom politisch engagierten "Freiheit für Jérôme", über die ästhetische Variante "Kerviel ist ein Künstler" oder die erotisch angehauchte Solidaritätserklärung "Ich bin Jérômes Freundin" bis hin zur Forderung "Wirtschaftsnobelpreis für Jérôme Kerviel".

Natürlich finden sich im Internet-Videoportal Youtube schon Dutzende von Filmchen, die dem Superstar der Szene die Referenz erweisen, und T-Shirts kann man auch schon bestellen. Auf den bunten Leibchen steht dann beispielsweise "Jérôme Kerviel ist ein Genie" oder "4,9 Mrd. Gründe, Jérôme zu lieben".

Die britische Tageszeitung "Daily Telegraph" sagt dem Franzosen bereits eine Karriere nach dem Vorbild von Nick Leeson voraus. Der Engländer, der Mitte der 90er-Jahre mit betrügerischen Geschäften die traditionsreiche Barings Bank ruiniert hatte, schrieb noch im Gefängnis seine Memoiren, die dann von Hollywood verfilmt wurden. Die ideale Besetzung für die Hauptrolle im Société-Générale-Drama hat der "Telegraph" auch schon gefunden: Ben Affleck. Der sei als Schauspieler genauso durchschnittlich wie Kerviel als Händler.

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