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12.12.2016

17:42 Uhr

Roland Berger

Der größte Fan der Deutschen Bank

VonMichael Maisch

Seit sich der Kurs der Deutschen Bank rasant von seinen deprimierenden Tiefständen erholt, haben die Frankfurter plötzlich wieder viele Fans, aber wohl keinen so glühenden Verehrer wie den ehemaligen Unternehmensberater Roland Berger.

Der legendäre Unternehmensberater hat eine Lobeshymne auf die Deutsche Bank verfasst. dpa

Roland Berger

Der legendäre Unternehmensberater hat eine Lobeshymne auf die Deutsche Bank verfasst.

FrankfurtWenn sich der Aktienkurs eines Instituts innerhalb von zwölf Monaten quasi halbiert, wenn sich die gleiche Bank gegen Gerüchte einer Staatsrettung wehren muss, dann muss doch etwas passiert sein, oder? Dann müssen in der Vergangenheit Dinge schief gelaufen und Fehler begangen worden sein.

Bei der Deutschen Bank war das aber nicht der Fall. Zumindest wenn man dem legendären Unternehmensberater Roland Berger glauben darf, der die Strategie der Bank und ihre ehemaligen Vorstandschefs inklusive Josef Ackermann in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in den allerhöchsten Tönen lobt.

Am Einstieg in das globale Investmentbanking vor 25 Jahren habe kein Weg vorbeigeführt, meint Berger. „Die Zukäufe von Morgan Grenfell 1998 unter Alfred Herrhausen und von Bankers Trust 1999 unter Ralf Breuer waren daher absolut richtig und notwendig“, schreibt der prominente Experte. Und: Die Expansion habe erst die Voraussetzung dafür geschaffen, „dass es die Deutsche Bank unter Josef Ackermann unter die Top 3“ der globalen Investmentbanken geschafft habe. Alles in allem „eine große unternehmerische Leistung“.

Abstriche für Regelverstöße

Für Berger sind die Skandale der Vergangenheit von der Zinsfälschung bis zu faulen Hypothekengeschäften nur so etwas wie Betriebsunfälle. Denn „strategisch und operativ hat die Bank nichts anderes getan als die gesamte Branche in ihren Boomjahren“. Außerdem liege die Deutsche Bank was die Strafzahlungen angehe ja nur im Mittelfeld der Branche. Alles in allem sei der „Gang ins Investmentbanking trotz der der unzweifelhaft notwendigen Abstriche für nicht entschuldbare Regel- und Gesetzesverstöße eine Erfolgsstory“. Die aktuellen Probleme der Bank hätten andere Ursachen.

Wo die Deutsche Bank überall Ärger hat

US-Sanktionen

Schon länger steht die Deutsche Bank im Verdacht, gegen Sanktionen verstoßen zu haben, die die USA gegen Länder wie den Iran verhängt haben. Für die Missachtung von Sanktionen zahlte das Geldhaus im November 2015 bereits 260 Millionen US-Dollar. Die Bank hatte betont, sie habe sich bereits 2007 aus Iran-Geschäften zurückgezogen. Auch andere Finanzinstitute mussten für Vergleiche in der Sache bereits tief in die Tasche greifen: Die französische BNP Paribas zahlte knapp neun Milliarden Dollar, die Commerzbank 1,45 Milliarden Dollar.

Zinsskandal

Wegen der Manipulation wichtiger Referenzzinssätze wie Euribor und Libor musste die Deutsche Bank viel Geld abdrücken. Die EU-Kommission verhängte bereits Ende 2013 eine Strafe von 1,7 Milliarden Euro gegen sechs Großbanken, davon entfiel mit 725 Millionen Euro (990 Millionen US-Dollar) der Löwenanteil auf das Frankfurter Geldhaus. Die Behörden in Großbritannien und den USA brummten der Bank eine Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar auf, davon 2,175 Milliarden US-Dollar in den USA und 226,8 Millionen in Großbritannien.

Diese Beträge wurden bis auf 150 Millionen US-Dollar vollständig gezahlt, ein Urteil zu dem ausstehenden Betrag wird für den 7. Oktober 2016 erwartet. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat in ihrem Bericht zur Zinsaffäre eine Reihe von Top-Managern scharf angegriffen und ihnen zu laxe interne Kontrollen beziehungsweise eine mangelnde Aufklärung der Tricksereien vorgeworfen. Darunter war auch Co-Vorstandschef Anshu Jain, der im Frühsommer 2015 sein Amt zur Verfügung stellte. Einen Zusammenhang zwischen dem Rücktritt und dem Bafin-Bericht wies die Bank allerdings zurück.

Mit vier mutmaßlich in den Zinsskandal verwickelten Händlern hat sich die Deutsche Bank in Frankfurt nach langem Hin und Her auf einen Vergleich geeinigt, der ebenfalls Geld kostete. Ob das Zinskapitel wirklich abgeschlossen ist, ist offen. In den USA könnten auch Sammelklagen von Anlegern gegen die Bank zugelassen werden. Sie müssen aber eindeutig nachweisen, dass ihnen durch die Manipulationen Nachteile entstanden sind.

US-Hypotheken

Ende 2013 zahlte die Deutsche Bank 1,4 Milliarden Euro (1,919 Milliarden US-Dollar) für die Beilegung ihres größten Rechtsstreits im Zusammenhang mit fragwürdigen Hypothekengeschäften in den USA. Das Institut soll vor der Finanzkrise beim Verkauf von Wertpapieren, die mit Hypotheken unterlegt sind, falsche Angaben gemacht haben. Andere Verfahren, die die amerikanischen Federal Housing Finance Agency (FHFA) gegen die Deutsche Bank und weitere Häuser angestrengt hatte, sind aus dem Vergleich jedoch ausgeklammert. Auch andere Klagen liegen noch auf dem Tisch und könnten potenziell viel Geld kosten.

CO2

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die Bank wegen des Verdachts der Umsatzsteuerhinterziehung im Zusammenhang mit dem Betrug mit CO2-Verschmutzungsrechten. Rund 500 bewaffnete Polizisten und Steuerfahnder hatten deshalb Ende 2012 den Hauptsitz der Bank in Frankfurt und andere Büros durchsucht. Ex-Co-Chef Fitschen und der langjährige Finanzvorstand Stefan Krause gehörten zu ursprünglich 25 Mitarbeitern der Bank, gegen die in der Affäre wegen schwerer Steuerhinterziehung ermittelt wurde. Denn Fitschen und Krause hatten die auf dem CO2-Betrug basierende Steuererklärung unterzeichnet. Im August 2015 erhob die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt schließlich gegen acht beteiligte Kundenbetreuer und Händler der Deutschen Bank Anklage wegen „bandenmäßiger Steuerhinterziehung“. Im Juni 2016 verurteilte das Frankfurter Landgericht sechs ehemalige Beschäftigte der Deutschen Bank, weil sie die millionenschweren Steuerbetrügereien ermöglicht hatten.

Devisen und Derivate

Aufseher, darunter auch die Bafin, gehen dem Verdacht nach, dass Banken am billionenschweren Devisenmarkt ebenfalls getrickst haben. Einige internationale Großbanken haben in der Sache bereits milliardenschwere Vergleiche geschlossen. Die Deutsche Bank als einer der größten Devisenhändler der Welt allerdings noch nicht.

Sie hat Finanzkreisen zufolge aber mehrere Händler vom Dienst suspendiert. Sie stehen offenbar im Verdacht, an Referenzkursen gedreht zu haben. Die Bank ist beklagte in drei Sammelklagen in den USA und zwei kanadischen Sammelklagen, die im September 2015 erhoben wurden. Die Deutsche Bank hat erklärt, dass sie zur Aufklärung des Skandals mit verschiedenen Aufsichtsbehörden zusammenarbeitet und zudem eine interne Untersuchung gestartet hat. Diese Untersuchung ergab nach Angaben aus Finanzkreisen, dass es bislang keinerlei Hinweise auf Tricksereien bei den großen Währungen Euro, Dollar, Pfund und Yen gibt, wohl aber vereinzelt beim russischen Rubel und dem argentinischen Peso.

Vom Haken sind die Frankfurter aber nicht: In der US-Niederlassung der Bank installierte die New Yorker Finanzaufsicht DFS einen Kontrolleur, der sich Finanzkreisen zufolge nun schon seit einigen Monaten das elektronische Devisenhandelssystem genauer anschaut. Demnach sind Algorithmen der Plattform „Autobahn“ Teil der Ermittlungen. Amerikanische und deutsche Aufseher gehen zudem dem Verdacht nach, dass Geldhäuser den viel beachteten Marktindex für Swap-Geschäfte (Isdafix) zu ihren Gunsten beeinflusst haben. Die Deutsche Bank hat für Zinsswap-Manipulationen bereits 50 Millionen US-Dollar zahlen müssen.

Geldwäsche in Russland

Im Juni 2015 war bekannt geworden, dass Ermittler rund um den Globus dem Verdacht nachgehen, russische Kunden könnten über die Deutsche Bank Rubel-Schwarzgeld im Wert von mindestens sechs Milliarden Dollar gewaschen haben. Die Bank hat versprochen, zur Aufarbeitung der Affäre mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Mehrere Mitarbeiter in der Moskauer Niederlassung wurden deshalb vor die Tür gesetzt, darunter auch der ehemalige Chef-Händler in Russland, Tim Wiswell.

Inzwischen hat die Affäre eine neue Dimension erreicht: Das US-Justizministerium und die Finanzbehörde von New York (DFS) prüfen laut einem Medienbericht, ob die Bank gegen Sanktionen verstoßen hat. Dabei gehe es auch um die Frage, ob Geschäfte mit Vertrauten von Russlands Präsident Wladimir Putin gemacht wurden und ob die Bank intern geeignete Vorkehrungen getroffen hat, um solche Verstöße zu verhindern.

US-Steuerstreit

Das US-Justizministerium ermittelt seit mehr als fünf Jahren gegen Finanzinstitute in der Schweiz wegen mutmaßlicher Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Am Haken haben die Behörden seit 2013 auch die Deutsche Bank. Deren Schweizer Tochter erstatte Selbstanzeige. Finanzkreisen zufolge hat sich die Deutsche Bank bei den US-Behörden gemeldet, weil sie den Verdacht hegte, einige US-Kunden könnten ihr Vermögen in der Schweiz vor dem heimischen Fiskus versteckt haben. Seither würden Daten an die USA geliefert und Anfragen beantwortet. Eine Strafzahlung könne die Bank damit aber wohl nicht abwenden, sondern nur auf einen Rabatt hoffen. Eine Entscheidung steht noch aus. Das Bußgeld kann sich auf bis zu 50 Prozent der versteckten Gelder belaufen. Bereits im Dezember 2010 hatte die Deutsche Bank 550 Millionen US-Dollar Strafzahlungen für Beihilfe zur Steuerhinterziehung zahlen müssen.

Bergers Analyse mag unpopulär sein, doch im Prinzip liegt er richtig – aber eben nur im Prinzip. Denn ganz so nonchalant kann man über die vielen Vergehen der Deutsch-Banker nicht hinweggehen. Vier Mal musste die Deutsche Bank ihre Anleger seit 2008 um frisches Kapital bitten. Gut 24 Milliarden Euro sammelte das Geldhaus von seinen Aktionären ein. Über die Hälfte davon wurde allerdings von den Rechtskosten wieder aufgefressen. Und in dieser Summe ist der größte Fall, die faulen Hypothekengeschäfte in den USA noch nicht enthalten. Die Strafandrohung von bis zu 14 Milliarden Dollar durch das US-Justizministerium bescherte der Bank im Herbst einige ausgesprochen ungemütliche Wochen und drückte den Kurs auf ein Allzeittief von unter zehn Euro.

Ohne die aggressive Kultur im Investmentbanking , die sich in der Deutschen Bank spätestens seit der Ära Ackermann etabliert hat, stünde die Bank heute deutlich besser da. Ohne die immensen Strafzahlungen wären die Zweifel an der Kapitalstärke der Bank deutlich geringer, und der heutige Chef John Cryan hätte sehr viel mehr Spielraum bei der Suche nach der richtigen Strategie. Insofern mag der Einstieg ins Investmentbanking zwar die Grundlage für den internationalen Aufstieg gelegt haben, aber die Wurzeln der heutigen Probleme lassen sich anders als Berger glaubt sehr wohl auch bis dahin zurückverfolgen.

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