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03.08.2012

11:00 Uhr

Royal Bank of Scotland

RBS entlässt Händler wegen Libor-Skandal

Im internationalen Skandal um Zinsmanipulationen hat die Royal Bank of Scotland (RBS) nach eigenen Angaben mehrere Beschäftigte vor die Tür gesetzt. Für das erste Halbjahr wies die Bank einen Gewinn-Rückgang aus.

Die Royal Bank of Scotland (RBS) in London. AFP

Die Royal Bank of Scotland (RBS) in London.

LondonDie staatseigene Royal Bank of Scotland hat erstmals Entlassungen von Mitarbeitern wegen des Skandals um Zinsmanipulationen bestätigt. Die Untersuchungen hätten ein Fehlverhalten einiger Banker ans Tageslicht gebracht, teilte das britische Institut am Freitag mit, ohne Details zu nennen. "Das Thema ist auf unserer Agenda", sagte Bankchef Stephen Hester.

Der Skandal zeige, wie Fehler Einzelner und mangelnde Kontrollsysteme dem Ruf der Banken schaden könnten. Händler der RBS, die zu 82 Prozent dem Staat gehört, stehen wie Mitarbeiter des Rivalen Barclays Regulierungskreisen zufolge im besonderen Fokus der Ermittler, die weltweit mehr als ein Dutzend Geldhäuser unter die Lupe nehmen. Finanzkreisen zufolge hat die Bank wegen des Skandals vier Händler entlassen.

Weltweit stehen zahlreiche Banken im Verdacht, wichtige Referenzsätze wie den Libor und den Euribor zu ihren Gunsten manipuliert zu haben. Die Zinsen beruhen auf den Refinanzierungskosten der Banken, die diese einmal täglich melden. Die Ermittler gehen Hinweisen nach, dass die Institute von 2005 bis 2009 die Sätze nach unten verzerrt haben, um ihre wahren Refinanzierungskosten zu verschleiern und Handelsgewinne einzustreichen.

Der Libor allein dient als Maßstab für Finanztransaktionen von mehr als 500 Billionen Dollar. Barclays ist bislang als einziges Geldhaus in dem Skandal zu einer Strafe verurteilt worden und zwar in Höhe von fast einer halben Milliarde Dollar. Die RBS erklärte, man könne noch keine Schätzung über eine mögliche Strafe abgeben.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Die Deutsche Bank, die ebenfalls untersucht wird, hat bislang mindestens zwei Händler suspendiert. In einer internen Prüfung fanden sich bislang keine Hinweise auf eine Verstrickung des Top-Managements, wie der Aufsichtsrat neulich mitteilte. Bankchef Anshu Jain steht dennoch unter Druck, weil er in der fraglichen Zeit das Investmentbanking verantwortet hat. Bei Barclays musste Chef Bob Diamond seinen Hut nehmen - auch er war zuvor Investmentbank-Boss.

Auch RBS-Chef Hester gerät wegen des Skandals unter Druck, zumal er eigentlich das angekratzte Image der in der Finanzkrise mit Milliarden geretteten Bank aufpolieren wollte. Er forderte am Freitag, dass die Branche nun entschieden durchgreifen müsse, damit sich so etwas nicht mehr wiederhole. "Das ist ein wirklich wichtiges Reputationsthema." Er sei aber überzeugt, dass es sich vor allem um Fehler einzelner Mitarbeiter handele und nicht um ein Versagen des gesamten Systems.

Banken an die Leine!

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Im ersten Halbjahr sank der operative Gewinn des Instituts leicht auf 1,83 Milliarden Pfund (2,34 Milliarden Euro). Die Bank bestätigte zugleich weitere Rückstellungen in Höhe von 135 Millionen Pfund für Ausgleichszahlungen an Kunden, die bei Kreditversicherungen falsch beraten wurden. Hinzu kommen den Belastungen über 125 Millionen Pfund als Folge einer Panne der Computersysteme im Juni. Die Aktien zogen in einem freundlichen Marktumfeld um mehr als vier Prozent an.

Von

rtr

Kommentare (2)

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puenktli

03.08.2012, 12:25 Uhr

Völlig falsch! Nicht entlassen, sondern vor Gericht stellen. Dann käme die Wahrheit ans Licht. Wir reden hier nicht von ein paar Milliärdchen, sondern von Billionen.

Account gelöscht!

03.08.2012, 13:12 Uhr

Da bringen die Banken Bauernopfer damit die Big Bosses unbescholten bleiben können!

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