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19.11.2012

10:08 Uhr

Schattenbanken

Die 67-Billionen-Dollar-Branche

Das System der Schattenbanken ist offenbar größer als gedacht. Der Anteil der USA geht zurück, dafür gewinnt Europa an Gewicht. Vor allem in Großbritannien breitet sich der Sektor aus. Die Aufseher sind alarmiert.

Vor allem in Großbritannien wächst der der Schattenbanken-Sektor. dpa

Vor allem in Großbritannien wächst der der Schattenbanken-Sektor.

BrüsselDie Schattenbanken haben sich nach Erkenntnissen des Finanzstabilitätsrats (FSB) im Finanzsystem weiter ausgebreitet. Die Finanztransaktionen der Institute, die nicht der traditionellen Aufsicht unterliegen, müssen daher nach Auffassung der Behörden stärker überwacht werden.

Das Schattenbankensystem ist auf etwa 67 Billionen Dollar gewachsen, wie der FSB in einem Bericht zu dem Sektor schreibt. Dies seien etwa 6 Billionen Dollar mehr als bislang gedacht. Der aktuellen Untersuchung liegen mehr Daten zugrunde als bei der im vergangenen Jahr.

Schattenbanken

Ein großes Problem der Finanzkrise

Vor fünf Jahren hat die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers die Welt in Schock versetzt. Viele Banken hatten Risiken ausgelagert - in sogenannte Schattenbanken („shadow banking“). Auch heute noch sind Geschäfte in diesem Graubereich sehr einträglich und wachsen rasant.

Was versteht man überhaupt unter Schattenbanken?

Darunter fallen Unternehmen, die ähnliche Funktionen wie Banken wahrnehmen - aber im Gegensatz zu Banken fast keiner Kontrolle unterliegen. Sie bewegen sich in einer Schattenwelt oder Grauzone, daher der Name. Dazu gehören Geldmarktfonds, börsengehandelte Indexfonds und spezielle Zweckgesellschaften. Bekanntere Beispiele sind Hedgefonds oder Private-Equity-Firmen (externe Kapitalgeber, die Unternehmen außerbörslich Eigenkapital zur Verfügung stellen).

Wie groß ist dieser Graubereich?

Gigantisch. Zwischen 2002 und 2010 haben die Schattenbanken ihren Umsatz weltweit auf 46 Billionen Euro verdoppelt - das entspricht mindestens einem Viertel des globalen Finanzmarktes. Diese Zahlen nennen die Finanzaufseher des Financial Stability Board. In den USA bewegen die „Nichtbanken“ ein größeres Kreditvolumen als herkömmliche Banken. Für Deutschland beziffert die EU-Kommission den Anteil auf fünf Prozent, in Großbritannien auf 13 Prozent.

Der Trend zeigt nach oben. Wie arbeiten diese Unternehmen?

Schattenbanken sammeln Kapital ein, sind als Kreditvermittler tätig oder sichern Kredite ab. Dabei arbeiten sie vor allem mit Fremdkapital und nutzen oft Hebelwirkungen, um eine Summe zu vervielfachen. Diese Strategie gilt als risikoreich.

Warum sind Schattenbanken so gefährlich?

Weil sie sich oft sehr kurzfristig finanzieren. Das kann zu einem Kollaps führen, wenn viele Kunden auf einmal ihr Geld abziehen wollen („Bank-Run“). Schattenbanken machen Geschäfte mit wenig Kapital, aber einem hohen Schuldenanteil, was bei einer Krise einen hohen Schaden anrichten kann. Diese Unternehmen unterliegen nicht der Einlagensicherung und haben keinen Zugriff auf Notenbankgeld. Ungeordnete Insolvenzen könnten verheerende Folgen haben, warnt die EU-Kommission: „Schattenbanken und ihre Tätigkeiten können eine Reihe von Risiken bergen.“

Und wieso wird der Graubereich größer?

Es ist eine praktische Sache: Viele Geldhäuser nutzen Schattenbanken als Handelspartner, um Risiken loszuwerden. Beispielsweise ist eine Bank verpflichtet, ihre Kreditrisiken immer mit Eigenkapital abzusichern. Lagert sie diese Risiken in eine Zweckgesellschaft aus, kann sie diese Regel umgehen - unbemerkt von den Aufsehern. In der Finanzkrise brachte diese Geschäftspolitik Banken wie die Hypo Real Estate oder die IKB ins Taumeln. Aber auch in jüngster Zeit nimmt diese Tendenz wieder zu: Je mehr die EU Banken kontrolliert, desto größer ist der Anreiz, auszuweichen. Damit wächst wiederum das Risiko einer Krise - ein Teufelskreis.

Die Größe des Schattenbankensystems, zu dem Aktivitäten von Geldmarktfonds, Monoline-Versicherern und Zweckgesellschaften zählen, „kann zu Systemrisiken führen“ und „Marktreaktionen verstärken, wenn die Liquidität am Markt knapp ist“, heißt es in dem Bericht, der auf der FSB-Website veröffentlicht wurde.

Eine „angemessene Beobachtung und Regulierung für das Schattenbankensystem muss eingerichtet werden, um die Entwicklung von Risiken zu dämpfen“, erklärte die Organisation, die sich aus Aufsehern und Zentralbankvertretern zusammensetzt.

Die Regulierer haben im Gefolge des Zusammenbruchs von Lehman Brothers im Jahr 2008 versucht, das Eingehen exzessiver Risiken durch neue Regeln einzudämmen. Sorge bereitet ihnen jedoch, dass die Banken das Schattenbankensystem dazu nutzen könnten, um die Vorschriften der Aufseher zu umgehen.

Kommentare (5)

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AlexanderBerg

19.11.2012, 10:33 Uhr

67 Billionen? Das sind ja 4 Billionen mehr als das Weltinlandsprodukt. :-D

Account gelöscht!

19.11.2012, 10:43 Uhr

Des Pudels Kern liegt in der hemmungslosen Vermehrung der Fiatgeldmenge - bedingt durch das System des Fractional-Reserve-Bankings ohne Realwertdeckung mit einem gegenwärtigen Geldschöpfungspotential von 1:12 in Verbindung mit jahrzehntelanger Deregulierung, theoriewissenschaftlich begleitet durch die Elite unserer Akademiker.

Man muss sich klarmachen, dass in unserem gegenwärtigen System bereits die Nicht-Schattenbanken ein immenses, unkalkulierbares Risiko darstellen. Niemand hat heute mehr die sich täglich immens vermehrenden, globalen Finanzströme auch nur annähernd unter Kontrolle. Boom & Bust ist die zwingende, selbstzerstörerische Logik eines Systems, das keine Grenzen und keine Regeln mehr kennt, genährt durch die einzige Größe auf die in der Geschichte zu jeder Zeit Verlass war: Grenzenlose Gier. In einer auf´s Engst vernetzten Welt wird der nächste Bust eine Größenordnungen erreichen, die sich zur größten Bedrohung für die Menschheit entwickeln. Es geht um nicht weniger als alles. Die Apokalypse eines globalen Zusammenbruchs des Banken- und Geldsysems kann sich niemand vorstellen. Kriege wurden für so viel weniger geführt.

Noch wäre nicht alles verloren, das System ist nicht gottgegeben. Solange Menschen anderen Menschen Vorschriften machen können, gäbe es einen Ausstieg. Historiker werden sich eines Tages damit beschäftigen, dass solche rechtsraumübergreifende Regelungen nicht gefunden werden konnten. Der Mensch zerstört sich selbst - er kann nicht anders

abc

19.11.2012, 13:01 Uhr

@All: Es wird hier über Umsatz gesprochen. Also das tägliche Hin- und Her von Geldern. Es geht dabei nicht um Gewinne und auch nicht um Vermögen. Die Zahl ist daher völlig ohne Aussage und hat einzig den Zweck 'gruselig' zu klingen und unbedarfte Leser in die Irre zu führen. Man kann per Computer einen einzigen Euro (bzw. seine elektronische Entsprechung) billionenmal in einem Computer kreisen lassen ohne das irgendwelche Effekte hat. Weder negativ noch positiv, völlig ohne Risiko (ist ja nur ein einziger Euro), völlig ohne Auswirkung auf irgendwas und trotzdem kommt ein Billionen-Umsatz heraus.

@HB: Der Artikel ist praktisch inhaltsleer. Es wird nicht definiert warum Hedgefonds Schattenbanken sein sollen (Schattenbank = führt Bankdienstleistungen aus, hat aber keine Banklizenz, welche Bankdienstleistungen führen aber Hedgefonds aus?) und daher ist es für den Leser nicht nachvollziehbar warum nun Hedgefonds ein Problem sein sollen. Es wird konserquenterweise auch nicht gesagt was denn das Problem mit diesem Umsatz sein soll.

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