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12.01.2012

06:22 Uhr

Schuldenkrise

Die Wut der Mini-Banken

VonChristian Panster

Kleine Finanzhäuser leiden unter neuen Regulierungsvorgaben stärker als große. Betroffene Banken beschweren sich, sie hätten ihre Angebote bereits einschränken müssen. Eine Spurensuche in der deutschen Provinz.

Filialleiter Heinz-Egon Behn vor der Raiffeisenbank im schleswig-holsteinischen Struvenhütten. Mit konservativen Tugenden behauptet sich die kleinste Bank in Deutschland als unabhängiges Institut. picture alliance/dpa

Filialleiter Heinz-Egon Behn vor der Raiffeisenbank im schleswig-holsteinischen Struvenhütten. Mit konservativen Tugenden behauptet sich die kleinste Bank in Deutschland als unabhängiges Institut.

FrankfurtStruvenhütten ist weit weg von Frankfurt. 427,33 Kilometer Luftlinie, um genau zu sein. Mit dem Zug dauert es etwa fünf Stunden in die Ebenen Schleswig-Holsteins, die letzten Meter mit dem Bus nicht mitgerechnet. In Struvenhütten gibt es keine riesigen Bankentürme und keine Probleme mit Kapitalerhöhungen; auch keine Protestler, auf deren Kapuzen-Pullis in bunten Lettern „Occupy Holstein“ steht. Stattdessen gibt es dort Kühe, sauber gefegte Gehwege – und Heinz-Egon Behn. Einen Mann mit Schnauzbart und gemusterter Krawatte. Mit seinem norddeutschen Dialekt klingt selbst das Wörtchen Krise, als sei es das Allerschönste.

Behn ist Chef der örtlichen Raiffeisenbank, der kleinsten, die es in Deutschland gibt. Zusammen mit Wolfgang Mohr ist er verantwortlich für sechs Mitarbeiter, die Putzfrau mitgezählt. Etwa 1000 Kunden hat die Bank, ihre Bilanzsumme beträgt 14 Millionen Euro. Die Zentrale ist gleichzeitig Filiale. Geldautomaten oder Kontoauszugsdrucker suchen die Kunden dagegen vergebens. In Struvenhütten scheint die Finanzwelt vor vielen Jahren stehengeblieben und deshalb noch in Ordnung zu sein. Doch der Schein trügt. Die Euro-Krise, die auch eine Krise der Finanzindustrie ist, ist längst im Land zwischen Nord- und Ostsee angelangt.

Welche Großbanken im Visier der Ratingagenturen sind

Italien

Standard & Poor's hat am Mittwoch den 21. September die langfristige Kreditwürdigkeit von sieben italienischen Instituten herabgestuft und deren Ausblick mit negativ bewertet. Darunter sind auch Größen wie Mediobanca und Intesa SanPaolo, die von der Bonitätsstufe „A+“ auf „A“ rutschten. Die Ratingagentur drohte, dass noch acht weitere Häuser abgewertet werden könnten - unter anderem die größte italienische Bank Unicredit. Die Herabstufung der Geldhäuser ist in diesem Fall eng verknüpft mit der Bewertung der Staatsbonität. Anfang der Woche stufte S&P Italien ebenfalls von „A+“ auf „A“ ab.

Frankreich

Ins Visier der Ratingagentur Moody's gerieten am 14. September zwei der drei französischen Großbanken. Die Kreditwürdigkeit der Crédit Agricole und der Société Générale wurde jeweils um eine Stufe auf „Aa2“ beziehungsweise auf „Aa3“ herabgestuft. Das entspricht immer noch einer sehr guten bis guten Bonität. Begründet wurde die Entscheidung mit den Engagements der Banken in Griechenland. Die Ratingagentur erwägt wegen der angeschlagenen Finanzmärkte eine weitere Abstufung der Noten. Beim Marktführer BNP Paribas wurde die Frist für die Überprüfung verlängert.

Griechenland

Während italienische und französische Banken trotz Herabstufung noch über eine gute Bonität verfügen, steht die Kreditwürdigkeit griechischer Geldhäuser seit dem Sommer auf „Ramschniveau“. Am Donnerstag den 22. September hat Moody's acht Institute nochmals um zwei Stufen herabgestuft - sie stehen aufgrund der Schuldenkrise und drohende Pleite des Landes kurz vor einem Zahlungsausfall. Die EmporikiBank, eine Tochter der französischen Credit Agricole, und die General Bank notieren nun bei „B3“, die National Bank, die EFG Eurobank, die Alpha-Bank, die Piräus Bank, die Attica Bank und die ATE bei „Caa2“.

USA

Nach Einschätzung von Moody's würde die US-Regierung eine aktuelle Bankenpleite möglicherweise nicht auffangen. Mit der Warnung ging eine Herabstufung einher: Die Ratingagentur attestierte der Bank of America, dem größten Geldhaus der USA, statt eines guten Ratings („A2“) nur noch ein befriedigendes („Baa1“). Auch Konkurrent Wells Fargo rutschte leicht von „A1“ auf “A2“ - immer noch eine gute Bonität.

Deutschland

DDie französische Société Générale rutschte im Moody's-Rating auf „Aa3“ - das entspricht der Bonität der Deutschen Bank. Von Standard & Poor's erhält Deutschlands größtes Geldhaus ein „A+“, von Fitch ein „AA-“. Die Einstufungen sprechen für eine gute bis befriedigende Bonität. Die Commerzbank als Nummer zwei erhält von den drei Ratingagenturen jeweils eine „befriedigende“ Beurteilung. Keine private deutsche Großbank wurde während der Zuspitzung der Euro-Krise in diesem Jahr in ihrer langfristigen Bonität herabgestuft.

Spanien, Portugal, Irland

SPANIEN, PORTUGAL und IRLAND: In den drei anderen PIIGS-Staaten neben Italien und Griechenland ist die Situation unterschiedlich. Moody's senkte die Bewertung der Anleihen von 30 spanischen Instituten im März dieses Jahres um eine oder mehr Stufen. Die beiden Großbanken Santander und BBVA waren von der Abstufung aber nicht betroffen. Ihre Bonität ist nach wie vor gut. Die größte portugiesische Bank, Caixa Geral de Depósitos, wurde dieses Jahr dagegen von allen drei Ratingagenturen jeweils zweimal abgestuft. Ihre Bonität wird durchgehend als befriedigend bewertet.

Die Kreditwürdigkeit mehrerer großer irischer Institute wie der Bank of Ireland oder der Allied Irish Banks wurde durch die Fast-Pleite des Landes 2010 von Moody's auf „Ramschniveau“ herabgestuft.

Die vielen Vorgaben der Regulierungsbehörden würden vor allem die kleinen Institute treffen, sagt Behn. Vorgaben, von Aufsehern ersonnen, um Krisen und Fehler in Zukunft zu vermeiden. Neue Anforderungen an das Eigenkapital der Kreditinstitute beispielsweise, Basel III genannt. Oder der Beipackzettel für Anlageprodukte; eingeführt, um die Kundschaft vor schlechten Beratern zu schützen. Er kostet Zeit – und vor allem Geld. Ob er tatsächlich hilft, ist dagegen umstritten.

Der Beipackzettel führe dazu, dass man als kleine Raiffeisenbank bestimmte Dinge wie das Aktiengeschäft nicht mehr anbiete, sagt Behn. Weil Aufwand und Risiko, bei Fehlern verklagt zu werden, einfach zu groß geworden seien. Beschweren will sich Behn darüber nicht. Dass die kleinen Geldhäuser für den Unsinn, den die großen Finanzkonzerne in den vergangenen Jahren verzapft haben, mitbüßen, das sagt er nicht. „Nur auf andere Institute zu zeigen, führt zu keiner Lösung.“

Kommentare (6)

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Adenauer

12.01.2012, 08:09 Uhr

Falls man wie in Italien seit 1.1.21012 Gesetz nur noch 1000,-- pro Tag von seinem Konto sich auszahlen lassen darf ist die kleine Bank vor Ort von großen Vorteil. Denn der Kunde, welcher etwas mehr Geld möchte, muß dann ja jeden Tag hingehen.

Agro

12.01.2012, 09:23 Uhr

Ist doch leider oft so, die Großen lässt man man murksen und die Kleinen löffeln die Suppe aus.

ursularenner

13.01.2012, 10:52 Uhr

Ich finde es merkwürdig, daß ein Mensch tadellos in ein Autogeschäft gehen kann, um sich für 100 T€ ein Auto zu kaufen. Er muß kein Gesprächsprotokoll ausfüllen, seine Vermögensverhältnisse nicht offenlegen,seine Risiko-bereitschaft nicht einstufen lassen, der Autoverkäufer braucht keine Sachkundeprüfung und muß keinen Risiko-katalog vorlegen. Und der Kunde käme auch nicht auf die Idee, später bei einem Unfall oder steigenden Spritpreisen den Autoverkäufer zu verklagen, er habe ihn nicht auf das Risiko hingewiesen, mit dem Auto einen Unfall zu bauen oder höhere Nebenkosten tragen zu müssen. Das alles ist nämlich der Fall, wenn derselbe Mensch - sagen wir - 5 T€ oder noch weniger anlegen will. Da geht die Politik plötzlich von einem völlig schwachsinnigen Kleinkind aus. Und reguliert wie verrückt. Das wird für alle Beteiligten teuer!

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