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14.09.2012

13:22 Uhr

Skandalhändler Adoboli

„Wie die meisten Zocker hat er Chaos verursacht“

In London beginnt die Hauptverhandlung gegen Kweku Adoboli. Der Ex-UBS-Händler habe mit „betrügerischer Zockerei“ 2,3 Milliarden Dollar verspielt, meint die Staatsanwältin. Die Protagonisten des Prozesses im Überblick.

Kweku Adoboli ist der Sohn einer ghanaischen Diplomatenfamilie. Reuters

Kweku Adoboli ist der Sohn einer ghanaischen Diplomatenfamilie.

LondonDer frühere UBS-Händler Kweku Adoboli hat nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft bei der Schweizer Großbank 2,3 Milliarden Dollar in betrügerischer Absicht verzockt. „Wie die meisten Zocker hat er geglaubt, er habe das goldene Händchen“, sagte Staatsanwältin Sasha Wass vor den zwölf Geschworenen im Londoner Southwark Crown Court. „Und wie die meisten Zocker hat er Chaos und Desaster für sich und seine Umgebung verursacht, als es schief ging.“ In einer Phase habe er sogar einen Verlust von fast zwölf Milliarden Dollar riskiert. Adoboli hat die Vorwürfe des Betrugs und der Falschbuchführung in jeweils zwei Fällen zurückgewiesen.

Der 32 Jahre alte Händler, der vor rund einem Jahr festgenommen wurde, habe aufgehört sich als professioneller Investmentbanker zu benehmen und sei statt dessen zu einem reinen Spieler geworden, sagte die Staatanwältin. Er habe sich immer mehr einer Casino-Mentalität hingegeben, gutes Geld schlechtem nachgeworfen und so die Existenz der Bank aufs Spiel gesetzt.

Adoboli sei es darum gegangen, seinen Bonus zu erhöhen und seinen Status und seine Karriereaussichten innerhalb der Bank zu verbessern. Dafür habe er, so die Staatsanwältin weiter, seine Handels-Limiten überschritten und das durch fiktive Transaktionen verheimlicht. Und er habe seine Vorgesetzten angelogen.

Der Angeklagte
Beinahe auf den Tag genau vor einem Jahr wurde der junge UBS-Händler Kweku Adoboli an seinem Arbeitsplatz verhaftet. Sein Lebenslauf liest sich wie der Tausender junger Investmentbanker, die das Versprechen vom schnellen Geld und vom aufregenden Job auch nach der Finanzkrise Jahr für Jahr in die Londoner City zieht. Adobolis Privatschule in Ackworth im nordenglischen Yorkshire ließen sich seine Eltern 26.000 Pfund im Jahr kosten. Danach besuchte er die angesehene Universität in Nottingham.

2002 stieg der Sohn einer ghanaischen Diplomatenfamilie als Trainee bei der UBS ein und arbeitete sich in nur fünf Jahren bis zum Direktor einer einflussreichen Handelsabteilung nach oben. Adoboli ist erst 32 Jahre alt, aber für ihn schien sich der Traum vom Investment-Banking bereits erfüllt zu haben. Bis zu 600.000 Pfund verdiente er nach Schätzungen britischer Medien in guten Jahren und lebte in einem teuren Loft im Ost-Londoner Szenestadtteil Shoreditch.

Die spektakulärsten Betrugsfälle der Finanzbranche

Oktober 2010: Jerome Kerviel

Ex-SocGen-Händler Jerome Kerviel wird zu fünf Jahren Haft verurteilt, zwei davon auf Bewährung. Ein Gericht befindet ihn der Veruntreuung, des Computermissbrauchs und der Fälschung schuldig. Kerviel hatte ohne Legitimation Positionen im Volumen von 50 Milliarden Euro aufgebaut - mehr als der Börsenwert der Bank. Es kostete 4,9 Milliarden Euro, um diese wieder aufzulösen. Den Verlust soll Kerviel seinem Arbeitgeber zurückzahlen.

April 2010: Evan Dooley

Der Händler Evan Dooley von MF Global wird wegen Betrugs angeklagt, nachdem er 141 Millionen Dollar mit Weizen-Futures verzockt hatte. Der Vorfall wurde im Dezember 2009 bekannt, als die US-Aufsichtsbehörden dem Brokerhaus eine Strafe von zehn Millionen Dollar wegen unzureichender Risikokontrollen aufbrummten.

Juni 2009: Steve Perkins

Der Händler Steve Perkins vom Londoner Brokerhaus PVM Oil Futures häuft nach einer Reihe unautorisierter Geschäfte einen Verlust von fast zehn Millionen Dollar an. Seine Spekulationen sollen den Ölpreis weltweit nach oben getrieben haben.

Februar 2009: Alexis Stenfors

Der in London ansässige Merrill-Lynch-Devisenhändler Alexis Stenfors erhält ein mindestens fünfjähriges Berufsverbot. Er soll seine Handelspositionen wissentlich falsch bewertet haben, um Verluste zu verschleiern. Der Bank brockte er Abschreibungen in Höhe von 456 Millionen Dollar ein.

Juli 2006: Bullen und Ficarra

David Bullen und Vince Ficarra, zwei ehemalige Händler der National Australia Bank , werden nach einem Betrugsskandal zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Nach Überzeugung des Gerichts hatten sie mit Falschbuchungen ihre Boni retten und Verluste verschleiern wollen. Die Bank kostete das 187 Millionen Dollar.

März,April 2006: Brian Hunter

Der Hedgefonds Amaranth Advisors LLC fährt nach fehlgeschlagenen Wetten auf Erdgaspreise unter dem Händler Brian Hunter einen Verlust von 6,4 Milliarden Dollar ein. Der Hedgefonds bricht wenig später zusammen.

Februar 2002: John Rusnak

Die Allied Irish Bank wirft dem Devisenhändler John Rusnak vor, bei der US-Tochtergesellschaft Allfirst einen Verlust von 691 Millionen Dollar verursacht zu haben. Er selbst strich zwischen 1997 und 2001 rund 850.000 Dollar an Gehalt und Boni ein. Rusnak wird zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Juni 1996: Yasuo Hamanaka

Das japanische Handelshaus Sumitomo Corp erleidet einen Verlust von 2,6 Milliarden Dollar, der auf jahrelange nicht autorisierte Kupfer-Spekulationen zurückgeht. Dafür verantwortlich gemacht wird der Händler Yasuo Hamanaka, der gefeuert und später zu acht Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Sein Spitzname war „Mr. Fünf Prozent“ - sein Team soll zu den Boomzeiten fünf Prozent des weltweiten Kupferhandels kontrolliert haben.

September 1995: Toshihide Iguchi

Die japanische Daiwa-Bank verliert 1,1 Milliarden Dollar nach unautorisierten Geschäften des Anleihehändlers Toshihide Iguchi, der zum Management in den USA gehört. Er wandert 1996 ins Gefängnis.

Februar 1995: Nick Leeson

Barings, eine der ältesten Investmentbanken in Großbritannien, bricht zusammen. Auslöser ist ein Verlust von 1,4 Milliarden Dollar im Derivatehandel durch den Händler Nick Leeson in Singapur. Leeson muss ins Gefängnis. Barings wird wenig später an die niederländische ING für ein Pfund verkauft.

Jetzt fragen sich nicht nur Freunde und Kollegen, sondern die gesamte Branche: Was ging da schief? Wie wurde aus dem Jungen, der im Internat in Ackworth stellvertretender Schulsprecher war, der Zocker, der 2,3 Milliarden Dollar verspielt haben soll? War es die Sucht nach noch höheren Boni, oder wollte Adoboli Verluste verschleiern? Erst im Laufe der Verhandlung werden die Details der Affäre ans Licht kommen.

Der junge Trader arbeitete eigentlich in einem eher langweiligen Bereich des Investment-Bankings. Ähnlich wie Jérôme Kerviel, der der französischen Société Générale mit seinen Betrügereien 2008 Verluste von 4,9 Milliarden Euro bescherte, verdiente auch Adoboli sein Geld in der Abteilung „Delta One“. Sein Job war es, Derivate zu konstruieren, die die Entwicklung bestimmter Aktienindizes möglichst genau abbilden. Dabei jonglieren die Trader zwar mit großen Summen, aber jedes Geschäft muss durch ein Gegengeschäft abgesichert werden. Damit bleiben die Risiken für die Bank überschaubar.

Adoboli soll allerdings mit Hilfe von Futures große, nicht abgesicherte Wetten auf Aktienindizes wie den S&P 500 in den USA oder den deutschen Dax abgeschlossen haben. Um diese Risiken zu verbergen, soll er ein Netz aus simulierten Absicherungsgeschäften geflochten haben. Dabei kam ihm zugute, dass er einst selbst in der Abteilung arbeitete, die für die Abwicklung dieser Deals zuständig war. Adoboli hat bereits auf nicht schuldig plädiert. Wird er dennoch verurteilt, drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft.

Kommentare (4)

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Mazi

14.09.2012, 16:01 Uhr

Die hier gewählte Sprache erscheint mir disqualifizierend für die Vortragenden Personen.

Jeder, der etwas mit dem Investmentbanking vertraut ist, muss wissen, dass kein Händler in einer Bank mit buchhalterischen Aufgaben betraut ist.

Es ist auch darauf hinzuweisen, dass Banken Für ihre Investmentbanking-Bereiche speziell diese jungen Zockertypen bewusst aussucht und als Händler einstellt. Sie nehmen solche Exzesse billigend in Kauf. Dies ist bei allen führenden Handelsbanken weltweit gleich. Wenn dennoch die Controllingabteilungen der Bank nicht in der Lage waren, evt. fehlerhaftes Verhalten zeitnah zu erkennen, so sind die Vorgesetzten seitens der jeweiligen Bankenaufsicht zur Rechenschaft zu ziehen.

Eine derart große Schieflage, wie hier im Raum steht, zu verursachen ohne dass das Management davon Kenntnis gehabt haben soll, halte ich für unmöglich und wirft auf diese kein rechtes Licht.

Wenn hier die Anklagebank besetzt sein soll, dann nicht ausschließlich mit diesem jungen Mann.

esm

14.09.2012, 18:03 Uhr

So sehe ich das auch. Z. B. Herr Jain und Herr Ackermann, sowie die anderen CEO Topkonsorten inklusive der Profs. für Banken und Finanzierung haben versagt.

Wozu hat man den Sch..ß in der roten John Hull Fibel den gelernt? Dazu erzieht man die jungen Studenten zu gnadenlosem Konkurrenzdenken und brainwashed sie mit der Homo Economicus Denke. Kann bei 7Mrd. Menschen auf dem Planeten nicht mehr funktionieren. Es ist Zeit die Sättigung in den westlichen Ländern zu verstehn.

svebes

14.09.2012, 18:43 Uhr

@MAzi, da gebe ich Ihnen recht. Da gehören gleich noch die Chefs dazu, Wie hat der Jain gesagt, die waren 2-3Etagen unter mir angesiedelt, davon kann ich nichts wissen. Neben diesem Zocker, der sich mit seinem Chef aus Amiland nach London geschlichen hat, müssen auch die Etagen oberhalb haften. Nur so lernen die.

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