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08.06.2017

16:15 Uhr

Strafzinsen bei Volksbanken

Der Kunde merkt es doch

VonFelix Holtermann

Die Zeit der kostenlosen Konten ist vorbei, Schuld ist die EZB. Soweit, so in Ordnung. Nicht in Ordnung ist, dass ausgerechnet Volksbanken und Sparkassen ihre Kunden in die Irre führen. Ein Kommentar.

Die Genossenschaftsbanken pochen auf ihre besondere Rolle im Bankensystem. dpa

Volksbank in Baden-Württemberg

Die Genossenschaftsbanken pochen auf ihre besondere Rolle im Bankensystem.

DüsseldorfDie Diskussion um die drohenden Strafzinsen zeigt: Volksbanken, aber auch viele Sparkassen, nehmen ihre Kunden offenbar für nicht ganz voll. Dabei pochen gerade die genossenschaftlichen und kommunalen Institute auf ihre Vorbildfunktion für ein bodenständiges, seriöses Bankwesen. Diese sollten sie dann aber auch ernstnehmen.

Es ist zunächst eine Provinzposse, aber eine von Bedeutung: Die Volksbank Reutlingen hat Strafzinsen von 0,5 Prozent für Girokonten ab dem ersten Euro und für Tagesgeldkonten ab dem 10.000. Euro eingeführt. So steht es im Preisaushang. Als das bekannt wird, rudert das Institut zurück, spricht von einer „prophylaktischen“ Vorsorge „zum Beispiel für den Fall, dass ein Neukunde eine Million Euro bei uns anlegen will“.

Zumutungen durch die Hintertür einzuführen, und sich im Anschluss davon zu distanzieren: Dass so kein seriöses Banking aussieht – geschenkt. Wie die Verbraucherzentrale betont, müssen Preisaushänge „klar und wahr sein“ und dürfen nicht in die Irre führen. Kunden sollten sich darauf verlassen können, was in der Preisliste steht, statt auf die Kulanz des Beraters vertrauen zu müssen, dass ihnen die geltenden Gebühren schon großmütig erlassen werden.

Gebührenärger bei Volksbanken: Jetzt kommen die Strafzinsen

Gebührenärger bei Volksbanken

Jetzt kommen die Strafzinsen

Es ist ein Tabubruch: Immer mehr Volks- und Raiffeisenbanken erheben Minuszinsen. Die gelten nicht mehr nur für Millionäre – Sparer zahlen teilweise schon ab dem ersten Euro drauf. Und das dürfte erst der Anfang sein.

Vielleicht sehen wir gerade das Platzen eines Testballons. Mit einem ähnlichen Muster sind schon andere Institute aufgefallen. Viele Volksbanken und Sparkassen haben das Geldabheben verteuert und sind nur zum Teil zurückgerudert. Andere werben weiter mit positiven Zinsen, obwohl sie so kräftig an der Gebührenschraube gedreht haben, so dass vom Zinsplus nichts mehr übrig bleibt. Und die Sparkasse Soest testete sogar ein ominöses Entgelt von zwei Cent je Mausklick für Onlinekunden, bevor das Dementi kam. Dass ausgerechnet Volksbanken und Sparkassen immer häufiger zu derlei Experimenten greifen, ist unverständlich und deutet auf fehlende Kontrolle durch die Eigentümer hin.

Die Volksbank Reutlingen hätte einen einfachen Weg gehen können. Sie hätte klare Grenzen einziehen können, wie andere Banken auch: Strafzinsen erst ab einem Vermögen von 500.000 Euro, dann aber in jedem Fall, zum Beispiel.

Die profitabelsten und unprofitabelsten Sparkassen-Regionen 2016

Sparkassen-Verbände

Die mehr als 400 Sparkassen in Deutschland sind in 12 regionalen Verbänden organisiert. Eine viel beachtete Messgröße für die Profitabilität der Sparkassen ist das Betriebsergebnis vor Ergebnis im Verhältnis zur Bilanzsumme. Der Sparkassenverband Westfalen-Lippe hat über die erwarteten Gewinne im Jahr 2016 diverser Verbände informiert.

Platz 1

Ostdeutscher Sparkassenverband

Bilanzsumme 2015:
112 Milliarden Euro

Erwartetes Betriebsergebnis 2016 gemessen an der durchschnittlichen Bilanzsumme:
1,04 Prozent (Vorjahr: 1,15 Prozent)

Quelle: SVWL, OSV

Platz 2

Sparkassenverband Westfalen-Lippe

Bilanzsumme der Mitglieder 30.6.2016:
126 Milliarden Euro

Erwartetes Betriebsergebnis 2016 gemessen an der durchschnittlichen Bilanzsumme:
0,95 Prozent (Vorjahr: 1,08 Prozent)

Quelle: SVWL

Platz 3

Sparkassenverband Schleswig-Holstein

Bilanzsumme der Mitglieder 2015:
37,6 Milliarden Euro

Erwartetes Betriebsergebnis 2016 gemessen an der durchschnittlichen Bilanzsumme:
0,88 Prozent (2014: 0,89 Prozent)

Quelle: SVWL, SGVSH

Platz 4

Sparkassenverband Baden-Württemberg

Bilanzsumme der Mitglieder 2015:
178,6 Milliarden Euro

Erwartetes Betriebsergebnis 2016 gemessen an der durchschnittlichen Bilanzsumme:
0,84 Prozent (2015: 0,97 Prozent)

Quelle: SVWL, SVBW

Platz 5

Bayerischer Sparkassenverband

Bilanzsumme der Mitglieder 2015:
193 Milliarden Euro

Erwartetes Betriebsergebnis 2016 gemessen an der durchschnittlichen Bilanzsumme:
0,82 Prozent (2015: 0,95 Prozent)

Quelle: SVWL, SVB

Platz 11

Rheinischer Sparkassen- und Giroverband

Bilanzsumme der Mitglieder 2015:
154 Milliarden Euro

Erwartetes Betriebsergebnis 2016 gemessen an der durchschnittlichen Bilanzsumme:
0,69 Prozent

Quelle: SVWL, SVB

Platz 12

Hanseatischer Sparkassen- und Giroverband

Bilanzsumme der Mitglieder 2015:
54 Milliarden Euro

Erwartetes Betriebsergebnis 2016 gemessen an der durchschnittlichen Bilanzsumme:
0,65 Prozent

Quelle: SVWL, DSGV

Fakt ist: Niemand wird den Banken vorwerfen können, die Minuszinsen der Europäischen Zentralbank irgendwann auch an die Kunden weiterreichen zu müssen. Die Frage ist, wie das geschieht. Die genossenschaftlichen und kommunalen Institute haben in der Tat eine Vorbildfunktion – und eine gesellschaftliche Verantwortung.

Die wahrzunehmen hieße etwa, Strafzinsen wie Gebühren einfach zu gestalten und transparent auszuweisen. Statt in die Irre zu führen und im Nachhinein abzuwiegeln. Das wäre bodenständiges Banking, das die Kunden für voll nimmt.

Kommentare (7)

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Herr Heinz Keizer

08.06.2017, 18:13 Uhr

Solche Tricksereien sind völlig daneben und Genossenschaftsbanken sollten sich nicht dafür hergeben. Was ist das für ein Vorstand, der etwas beschließt und dann nicht dazu steht. Ich war zu meiner aktiven Zeit als Bankkaufmann (nicht Banker) gegen kostenlose Kontoführung, also Quersubventionierung der Kosten. Das ist aber auch dem starken Konkurrenzkampf in D geschuldet.

Herr Jürgen GAST

08.06.2017, 19:18 Uhr

In Geldfragen ist der größte Teil der deutschen Bevölkerung völlig überfordert.

Und leider nicht nur da, dass weiß auch die Kanzlerin. Ansonsten hätte sie nicht soviel Zuspruch bei so vielen offenen Fragen und Risiken für das Land.

Infrastruktur, Renten, Pflege, EU, Euro, Migration, Flüchtlingskrise, Terror, Anschläge, Übergriffe und Kriminalität durch Zuwanderer, IS und die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Was funktioniert eigentlich noch?

Ach ja, die Wirtschaft. Mit unseren vielen Überstunden.

Zu Glück sind da noch die Babyboomer am Werk.

Und dann.

Klar, die Zuwanderung löst das Problem und den demographischen Wandel.

An der Dummheit der Menschen verdienen sich die Schlauen dumm und dämlich.

© Amin Bellaghnach
(*1985), Maschinenbaustudent

Herr Georg Kipp

08.06.2017, 20:23 Uhr

Gibt es in Deutschland tatsächlich auch seriöse Banken?

Das Flaggschiff "Deutsche Bank" hat in den letzten 10 Jahren unzählige Milliarden an Strafzahlungen für Fehlverhalten leisten müssen, das es überhaupt nicht nachvollziehbar ist, wieso das "Institut" noch eine Banklizenz hat.

Commerzbank verkauft Kreditforderungen aus laufend ordnungsgemäß bedienten Verträgen mit ihren Kunden einfach so an dritte weiter, Geht's noch? seriös geht ganz anders -und das Genossenschaftler und Sparkassen bodenständig und Kundennah arbeiten, ist schon seit Jahrzehnten Geschichte.

Und erst die Santander Consumer Bank!
Das Service-Personal tritt gern sehr selbstbewusst auf, ist jedoch völlig unqualifiziert und kennt sich weder mit einschlägigen SEPA Vorschriften, noch sonst mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen im Banksektor aus. Im Telefonsupport wird gern gedroht und, wenn das nicht verfängt, einfach aufgelegt.

Schriftliche Eingaben sind dann folglich der einzig erfolgversprechende Kommunikationskanal, am besten per Einschreiben. Eine Antwort bekommt man zwar nicht, auch wenn man das von einem solchen "Institut" erwarten darf, aber der Misstand, wie unberechtigte Gebührenforderungen scheint vorerst behoben. Aber, wer weis, vielleicht probieren sie es ja in 2-3 Jahren erneut.
Ein Rätsel wie so eine unprofessionell arbeitende Firma hier zu Lande eine Banklizenz erhalten kann.

Da lohnt ein Blick über die Grenzen, jenseits dieser ist, so weit meine Erfahrung, das gebaren von Banken ungleich Kundenfreundlicher. Der Kontostand ist zur Bedienung einer Lastschrift zu gering? die Bank schickt eine SMS, mit der Bitte bis 15:30 Uhr für Deckung zu sorgen! -Nein, keine deutsche Bank.

Die EU muß europäischen Kunden ein Anrecht auf Bankkonten in anderen europäischen Ländern gesetzlich freistellen, wenn schon Europa, dann nicht nur für Konzerne! Das Geldwäsche-Argument taugt, angesichts der über 30 Milliarden per Cum-Ex gerade auch von deutschen Banken ergaunerten Euronen, sicherlich nicht.

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