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06.02.2004

08:23 Uhr

Streit um Höhe des Schadens

Silverstein beharrt auf doppelter Entschädigung

VonOliver Stock

In New York beginnt der Prozess um das World Trade Center. Wie viel müssen die Versicherer zahlen?

ZÜRICH. In New York beginnt in der nächsten Woche der teuerste Prozess der Versicherungsgeschichte. Auf der einen Seite steht dabei Larry Silverstein, Anführer eines Konsortiums, das das World Trade Center (WTC) gemietet hatte. Seine Gegner sind jene 22 Versicherer, die finanziell für den Einsturz der beiden Zwillingstürme nach dem Anschlag vom 11. September 2001 geradestehen sollen. Sie werden angeführt von der Schweizerischen Swiss Re, die knapp ein Viertel des Risikos trägt.

Drei Tage vor Prozessbeginn am Montag zeigen sich beide Seiten unversöhnlich. Zwar will aus Sorge, die Geschworenen gegen sich aufzubringen, niemand offiziell Stellung beziehen. Hinter den Kulissen wird jedoch deutlich, dass keine Seite bereit ist, auch nur einen Millimeter ihrer Position aufzugeben. Die Versicherer wollen die zugesagte Deckungssumme von 3,55 Mrd. $ an Silverstein zahlen – aber nicht einen Cent mehr. Der 73-jährige New Yorker Immobilienmogul gibt sich damit nicht zufrieden. Er ist der Meinung, dass es am 11. September nicht nur einen Anschlag gegeben habe, sondern zwei: Im Abstand von 16 Minuten seien zwei Flugzeuge in die Türme gestürzt. Daraus konstruiert Silverstein zwei Schadensfälle und verlangt die doppelte Entschädigungssumme: 7,1 Mrd. $.

Wer Recht hat, sollen die Geschworenen des Bundesgerichts vom südlichen Distrikt New York entscheiden. Ein Urteil zu finden wird dadurch erschwert, dass Silverstein – mit einer Ausnahme – nur über vorläufige Versicherungspolicen verfügt. Seine Immobilien- Gruppe hatte sechs Wochen vor dem Anschlag den WTC-Komplex durch einen 99-jährigen Pachtvertrag übernommen. Die Versicherer hatten ihm zwar zugesagt, im Schadensfall einzuspringen, aber Policen waren bis zum 11. September nur in einem Fall ausgestellt: Die deutsche Allianz-Gruppe hatte ihren Vertrag mit dem neuen Pächter bereits unter Dach und Fach. Sie trägt laut Presseangaben 432,6 Mill. $ der Schadensumme – vorausgesetzt, Silverstein akzeptiert die Allianzsicht, dass der Anschlag nur ein Ereignis darstellt. Darüber streiten beide Parteien in einem gesonderten Verfahren.

Gegenüber den anderen Versicherern behauptet Silverstein, dass sie die Absicht hatten, ihre endgültigen Policen so zu vereinbaren, wie es ein Formular der Travelers-Versicherungsgruppe vorsieht. Dort lässt die Definition von „Schadensereignissen“ Interpretationsspielraum zu. Die Versicherer dagegen berufen sich auf ein Policen-Muster von Willis of New York, dem Versicherungsmakler Silversteins. Darin ist ausdrücklich davon die Rede, dass auch eine Serie ähnlicher Schadensfälle nur als ein Ereignis zu behandeln sei.

In einem ersten Prozess, der im September des vergangenen Jahres zu Ende gegangen war, konnten sich drei Versicherungsunternehmen mit ihrer Sicht der Dinge durchsetzen. Bei der Hartford Financial Services Group, der St. Pauls Cos. sowie der britischen Royal Sun & Alliance, die zusammen mit 112 Mill. $ beteiligt sind, war klar, dass die Willis-Police zugrunde gelegt werden sollte. Handschriftliche Ergänzungen im Vorvertrag ließen nach Ansicht eines Bundesbezirksrichters keinen anderen Schluss zu. Swiss Re und die andern Beteiligten sehen in seinem Entscheid einen wichtigen Etappensieg.

Während aber damals ein einzelner Richter über die Angelegenheit entschied, befasst sich jetzt ein Geschworenengericht mit dem Fall. Beobachter glauben, dass das Urteil der Laienjury emotionaler ausfallen könnte, das heißt „zu Gunsten Manhattans“. Das würde Silverstein entgegenkommen, der wiederholt bekräftigt hat, dass er „Ground Zero“ wieder aufbauen möchte, dafür aber mindestens 7,1 Mrd. $ von den Versicherern braucht.

Die Versicherer setzen dem eine betont nüchterne Sicht der Dinge entgegen: Es gehe einzig und allein darum, ob das Travellers-Muster oder das Willis-Muster für die Beurteilung des Schadens maßgeblich sei. Entscheiden die Geschworenen für die Travelers-Version, geht der Prozess in eine zweite Phase, in der dann festgestellt wird, ob es sich bei dem Anschlag um ein oder zwei Ereignisse handelte. Bislang hoffen die Versicherungen noch, um die Verlängerung herumzukommen. Falls es anders läuft, dürfte sich der Prozess mindestens bis ins nächste Jahr hinziehen – zumal ein Vergleich unwahrscheinlich ist. Swiss Re hatte vor Monaten betont: „Wir sind auf der Basis eines Ereignisses zu Gesprächen bereit.“

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