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27.08.2012

20:09 Uhr

Stressszenarien der Banken

Für die Rückkehr der Drachme planen 30 bis 70 Mitarbeiter

VonElisabeth Atzler

Deutsche Banken bereiten sich auf den Ernstfall vor: Sie spielen minutiös die Rückkehr der Drachme durch und basteln an Notfallplänen für den Euro-Ausstieg der Griechen. Die Kreditinstitute müssen sich wappnen.

Griechenlands Wirtschaftslage ist prekär. Reuters

Griechenlands Wirtschaftslage ist prekär.

FrankfurtKommt er, oder kommt er nicht? Wenige wünschen den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone, oft als Grexit bezeichnet, herbei. Doch auszuschließen ist er nicht. Deshalb bereiten sich deutsche Banken auf den Ernstfall vor. „Die großen Banken denken darüber nach, wie sie reagieren müssen“, sagt Daniel Kapffer, Experte für Risikomanagement und Partner der Unternehmensberatung Accenture. „Allein schon weil die aufsichtsrechtlichen Bestimmungen sagen: Die Banken sollen sich Stressszenarien ausdenken und diese entlang der ganzen Wertschöpfungskette prüfen.“ Das könne auch der Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone sein.

Einige Kreditinstitute haben die Proben für eine Rückkehr der griechischen Drachme längst gestartet. „Erste Banken haben vor 12 bis 18 Monaten begonnen, sich mit der Frage zu beschäftigen, und inzwischen detaillierte Pläne ausgearbeitet“, sagt Bernd Richter, Partner der Beratungsfirma Capco. „Meist wird, je nach Größe der Bank, ein Team von 30 bis 70 Mitarbeitern eingeweiht.“ Für die Umstellung, möglicherweise nur ein Wochenende, gäbe es teils eine Planung mit Minutenvorgaben.

Griechenlands Hausaufgaben

Bereits abgehakt

Mit dem Sparpaket im Februar wurde der Mindestlohn von 751 auf 586 Euro gesenkt. Auch das Arbeitslosengeld wurde gekürzt, von 461,50 auf 322,34 Euro. Zugleich wurden die Lohnzuschüsse abgeschafft und die Löhne der Staatsbediensteten eingefroren. Lohnverhandlungen werden nicht mehr auf Branchen-, sondern auf Betriebsebene geführt. Renten wurden um rund ein Fünftel gekürzt.

Im Kampf gegen die überbordende Bürokratie wurde die Anwaltspflicht bei Hauskäufen abgeschafft. Auch die Anwaltsgebühren wurden gesenkt. Alle Rentenkassen wurden zwangsvereinigt, Kostenobergrenzen für Verwaltung und Personal eingeführt.

Schon 2010 wurden die Benzin-, Heizöl- und Alkoholsteuer um jeweils zehn Prozent angehoben. Auch eine Solidaritätsabgabe auf Einkommen wurde eingeführt; sie soll bis 2103 erhoben werden. Die Mehrwertsteuer wurde von 21 auf 23 Prozent heraufgesetzt. Auch das Renteneintrittsalter wurde angehoben, wobei es noch keine einheitliche Regelung für alle Berufe gibt.

Ins Stocken geraten

Die Steuereinnahmen entwickeln sich schlechter als erwartet. Im ersten Halbjahr blieben sie um fast eine Milliarde Euro hinter dem Ziel zurück. Da die Wirtschaftsleistung 2012 um mehr als sieben Prozent statt der geplanten 4,7 Prozent einzubrechen droht, dürfte das Defizitziel verfehlt werden. Eigentlich soll die Neuverschuldung von 9,3 Prozent im Jahr 2011 auf 7,3 Prozent gedrückt werden.

Der Stellenabbau im öffentlichen Dienst kommt langsamer als geplant voran. Ursprünglich sollten 30.000 von 700.000 Bedienstete gehen, deren Löhne und Gehälter etwa zwei Drittel des Staatshaushalts verschlingen. Tatsächlich fielen nur 6500 Stellen wegen, vorwiegend durch Vorruhestand. 2011 sollte nur eine von fünf frei werdenden Stellen wieder besetzt werden, tatsächlich waren es zwei.

Die Öffnung abgeschotteter Berufe - von Taxiunternehmen, Speditionen, Apotheken, Optikern, Maklern, Buchhaltern bis hin zu Tankstellen - kommt nicht voran. Sie wurde zwar beschlossen, um die Beschäftigung zu erhöhen. Allerdings steht das bislang nur auf dem Papier.

Erste positive Ergebnisse

Die Produktion lag im Juni nach über drei Jahren stetigen Schrumpfens erstmals wieder über dem Niveau des Vorjahresmonats. Die Unternehmen stellten 0,3 Prozent mehr her als im Vorjahresmonat. Im Vergleich zum Vormonat gab es mit 4,0 Prozent den zweiten Anstieg in Folge. Die Industrie steuert etwa 15 Prozent zur Wirtschaftsleistung Griechenlands bei.

Auch das Bruttoinlandsprodukt ist im ersten Quartal erstmals seit Krisenausbruch wieder etwas gewachsen. Während die Exporte wieder zulegen, fallen die Importe wegen der schwachen Binnennachfrage.

Die Arbeitskosten sinken seit 2009 spürbar, allein 2011 um sechs Prozent. Das erhöht die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Nach fünf Rezessionsjahren in Folge sagt die EU-Kommission für 2013 eine stabile Wirtschaftsleistung voraus.

Bisher kursieren in der Europäischen Union keine Absichten, einen Grexit zu forcieren. Doch die Wirtschaftslage Griechenlands ist prekär. Ende vergangener Woche reiste der griechische Premier Antonis Samaras nach Berlin und Paris, um für eine Lockerung der Sparauflagen zu werben. Tatsächlich fallen Entscheidungen über Griechenland frühestens beim EU-Gipfel Mitte Oktober.

„Heißer Herbst“ für die Euro-Retter - Der Fahrplan in der Krise

Ende September/Anfang Oktober

Die „Troika“ der internationalen Kreditgeber Griechenlands will ihren neuesten Bericht über die Fortschritte bei den Reformen veröffentlichen. Die Analyse der Experten von EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) ist Grundlage für die Auszahlung der nächsten Kredittranche an Athen.

8. Oktober

Treffen der Euro-Finanzminister.

18. und 19. Oktober

EU-Gipfel in Brüssel. Dort könnten die Euro-Retter entscheiden, ob Athen weitere Kredite und möglicherweise mehr Zeit für sein Sparprogramm erhält oder ob der Geldhahn zugedreht wird. Im letzteren Fall droht Griechenland der Staatsbankrott mit anschließendem Euro-Austritt.

Doch die Kreditinstitute müssen sich wappnen. „Es gehört dazu, dass Banken das Szenario durchspielen, selbst wenn sie es für unwahrscheinlich halten“, sagt Dirk Müller-Tronnier, Bankenexperte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young.

Kommentare (8)

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Edelzwicker

27.08.2012, 20:48 Uhr

Deutsche Banken bereiten sich auf den Ernstfall vor
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Wie kann das denn sein, wo doch gerade in den letzten Tagen überall in Politik und Medien Durchhalteparolen verbreitet werden? Das ist doch sicher nicht im Sinne der Euro-Maniker, die unter Federführung von Schäuble bereits gemeinsam mit Frankreich an der Abschaffung von nationalen Souveränitätsrechten basteln. So geht das aber nicht! Kann man diesen defätistischen Banken nicht den Mund verbieten - ein für allemal natürlich, ... und alternativlos sowieso?

Account gelöscht!

27.08.2012, 21:33 Uhr

Wahrscheinlich ist auch der Bundeskanzlerin Frau Merkel klar, dass sich die griechische Wirtschaft nur unter der Drachme erholen kann. Das Problem ist, wie kann ein geordneter Übergang vom Euro in die Drachme erfolgen.

Nehmen wir dazu an, das Bundesverfassungsgericht kippt den ESM und den Fiskalpakt am 12.09.2012. Was wird als nächstes geschehen. Brüssel wird eine neue Formel für den ESM und den Fiskalpakt finden müssen. Das braucht Zeit. Deshalb verzögert sich auch der Bericht der EU-Troika bis zum Oktober / November. Dazu passt, dass die Bundeskanzlerin Frau Merkel den EU-Vertrag ändern möchte. Nun stellt sich die Frage: Was soll in Brüssel geändert werden?

Nun, was wird aus Griechenland. Möglicherweise werden die griechischen Banken angewiesen, pro Person nur einen bestimmten Betrag von max. 10.000,- Euro auszubezahlen. Der Rest wird in Drachme ausbezahlt. Damit könnten die Banken funktionstüchtig bleiben. Sollten Banken in die Schieflage geraten, könnte die EU mit Krediten die griechischen Banken unterstützen.

Bleibt Griechenland im Euro-Raum wird alles noch sehr viel schlimmer und kostspieliger ablaufen. Dann wird der Horizont in Griechenland so schnell nicht mehr hell scheinen.

In den USA steht die baldige Präsidentschaftswahl an. Nächstes Jahr findet die Bundestagswahl in Deutschland statt. Diese Ereignisse können und dürfen das notwendige Handeln in Europa nicht lähmen.

Radiputz

27.08.2012, 21:33 Uhr

Ach kommen Sie, verehrter Edelzwicker, man muß die Dialektik im Prozeß politischer Entscheidungsfindung und deren Terminierung kennen. Einerseit werden potjomkische Dörfer aufgestellt, andereseits im Hintergrund an der Demontage gebastelt.
Griechenland wird aussteigen, nur nicht heute und auch nicht nächste Woche. Im September wahrscheinlich auch nicht, der Oktober ist eher ebenfalls unwahrscheinlich. Es wird der November sein und zwar zeitlich etwas nach der US-Wahl. Im Dezember haben wir dann eine Euro-Zone ohne Griechenland.
Daruf können Sie einen "Edelzwicker" trinken.
Die Rebsorte ist zwar etwas außer Mode gekommen, ich habe sie als ein dem Elsass Benachbarter immer ganz gerne getrunken.
Prost.

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