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08.12.2011

16:21 Uhr

Stresstest

Verkehrte Welt

VonOliver Stock

Deutsche Banken fallen reihenweise durch den Stresstest und beschweren sich darüber. Sie sollten lieber nachsitzen, anstatt sich beim Lehrer über den schwierigen Test zu beklagen.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online Pablo Castagnola

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online

Als ich das erste Mal bei einer Verlosung dabei sein wollte, habe ich gelernt: Einsendeschluss ist Einsendeschluss. Da hilft nichts. Und ich kann mich auch noch gut an die Nacht im Copyshop erinnern, als es darum ging, die Examensarbeit rechtzeitig abzugeben.

In unseren Banken hat solche Erfahrungen offenbar niemand gemacht. Anders kann ich mir das Gejammer über die Stichtagsregelung der Europäischen Bankenaufsicht EBA nicht erklären, das vor allem von NordLB und Helaba und den sie begleitenden Politikern kommt. Beide Landesbanken hatten zum Stichtag, den die EBA festgelegt hat, zu wenig hartes Eigenkapital. Da beißt keine Maus einen Faden ab. Also fallen sie folgerichtig durch den Stresstest. Von einem "dilettantischen" und "selbstherrlichen" Vorgehen der EBA können eigentlich nur die reden, die nicht gewohnt sind, sich an Termine zu halten.

Das Ganze wäre ja nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht hinter dem Gejammer eine Wahrnehmung steckte, die aus einer Welt stammt, die keine Finanzkrise mit anschließendem Schuldendebakel kannte. Eine Wahrnehmung, die nicht wahrhaben will, dass sich die Welt seither gedreht hat. Dass es nicht mehr die Prüfkandidaten sind, die bestimmen, wann sie worin geprüft werden, sondern dass es die Aufseher sind, die das nach eigenem Fahrplan entscheiden. Dass es auch nicht mehr in jeden Fall die Auftraggeber sind, die über die Veröffentlichung eines Ratings entscheiden, sondern dass sich manchmal die Agenturen herausnehmen, selbst zu bestimmen, wann sie welche Note beispielsweise an ein Land oder eine Bank verteilen. Zu den wenigen wirklichen Errungenschaften, die nach der Finanzkrise Wirklichkeit geworden sind, gehört die zunehmende Unabhängigkeit der Aufseher. Und ich drücke all denjenigen die Daumen, die schlechter bezahlt und mit weniger Personal ausgestattet sind als diejenigen, die sie kontrollieren sollen, und die trotzdem effektiv ihrer Arbeit nachgehen wollen.

Ich meine deswegen: Hören wir nicht zu sehr auf die Kritiker an EBA und Ratingagenturen, die uns weismachen wollen, dass es nicht an den Kandidaten liegt, wenn sie durch die Prüfung fallen, sondern dass der Fehler beim Prüfer liegt. Diese Kritiker und nicht wir sind es, die in einer verkehrten Welt leben.

Kommentare (3)

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Fat_Bob_ger

08.12.2011, 18:25 Uhr

Endlich einmal ein Kommentar, der den Nagel auf den Kopf trifft. Das gilt für die gesamte Diskussion zur Schuldenkrise. Da beschweren sich alle möglichen Personen über Kreditratings, die dann auch noch zur Unzeit kommen. Da schafft es kein Land der EU (oder gibt es vielleicht doch eins?), in den letzten 20 Jahren einen ausgeglichenen Haushalt zu präsentieren und dann beschwert man sich, wenn einem die GELB-ROTE Karte gezeigt wird. Da nimmt man wissentlich Konstruktionsfehler beim Euro in Kauf und wischt berechtigte Kritik beiseite, um dann für sein Fehlverhalten Sündenböcke zu präsentieren (Sub-Prime, Ratingagenturen, Gierbanken, Giermilliardäre, böse USA, böses Deutschland...).

Der erste Bankenstresstest war zu lasch, der jetzt soll zu streng sein.... Naturgemäß ist es sehr schwer in 12 Monaten aus einem Sumpfloch herauszukommen, in das man seit 20 Jahren tief hineingefahren ist. Wenn eine Dt. Bank mit 1,5% Kapital 100% bewegt, hat man einen Hebel von knapp 70, eine EK-Rendite von 25% und ein MAXIMALES Risiko, wenn etwas schiefgeht. Da hilft es auch nicht eine Kernkapitalquote von 9% herbeizurechnen, die hat bei der Lehmanpleite auch niemand interessiert. Unsere Politik hat dies zugelassen, damit unsere Banken auf dem Weltmarkt "mitspielen" können. Seit 2003 wissen die dt. Banken, dass sie ein Problem haben. 8 Jahre müssten reichen, um die Bilanz zu sanieren. Aber 25% Rendite sind verlockend. Ich sehe auch keinen Unterschied zw. öffentlichen (Landes-)Banken und priv. Geschäftsbanken. Alle die meinen eine Verstaatlichung des Bankensektors wäre die Lösung, haben nicht begriffen, dass wir eine Staatschuldenkrise haben, die jede Art von Banken in den Abgrund reißen kann.

LJA

08.12.2011, 22:06 Uhr

Hat Herr Stock eigentlich mitbekommen, dass die EBA den Stichtag nach eigenem Gusto einfach verlegt hatte. Dadurch wurde aus dem Test, der eigentlich die Zukunftsfähigkeit der Banken untersuchen sollte, plötzlich eine Vergangenheitsbewertung auf der Basis von was-wäre-wenn Annahmen, mit sehr begrenzter Aussagekraft.
(Man stelle sich vor, ein Arzt sagt zum Patienten: "Hätten Sie sich Ende März am Atomkraftwerk Fukushima aufgehalten, dann ginge es Ihnen jetzt aber ganz schlecht. Macht 50 Euro." Ja, toll...und wie geht´s mir jetzt ?)
Wen so etwas erfreut, der gehört möglicherweise zu den Aktionären Deutscher Privatbanken, die jetzt eine weitere Gelegenheit sehen, zum Sturm auf das Sparkassensystem zu blasen.

Mazi

14.12.2011, 10:55 Uhr

Ja, die Banken haben Fehler gemacht.
Ja, sie haben aufgrund der BAFin-Regeln zuviel Honig geschleckt und zuviele Staatskredite im Bestand.

Das muss bereinigt werden. Einmal müssen die BAFin-Regeln auf den Prüfstand und zum anderen die Staatskredite abgestoßen werden.

Ratingagenturen hin Ratingagenturen her. Aber sie haben das Thema angepackt, die BAFin nicht.

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