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10.11.2016

16:19 Uhr

Studie der Bankenaufsicht EBA

Wie neue Bilanzregeln die Banken belasten

VonYasmin Osman

Banken drohen neue Belastungen: Ab 2018 müssen Kreditrisiken anders bilanziert werden. Das zwingt Banken zu einer höheren Risikovorsorge und könnte etwa Folgen für das Kreditgeschäft bei der Immobilienfinanzierung haben.

Werden private Baufinanzierungen bald teurer? Neue Bilanzvorschriften könnten vor allem die Immobilienfinanzierung belasten. dpa

Teures Eigenheim

Werden private Baufinanzierungen bald teurer? Neue Bilanzvorschriften könnten vor allem die Immobilienfinanzierung belasten.

FrankfurtBilanzierungsvorschriften gelten als trockene Materie. Doch die neuen internationalen Bilanzregeln, die 2018 eingeführt werden, dürfte für die Banken spürbare Folgen haben. Sie zwingen die Banken zu einer deutlich höheren Risikopuffern im Kreditgeschäft und belasten spürbar die Eigenkapitalquoten der Institute. Das belegt eine Auswirkungsstudie der EU-Bankenaufsichtsbehörde EBA, die am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Für die gleichen Kredite müssen die Institute danach im Durchschnitt etwa 18 Prozent mehr Risikovorsorge als Schutz vor Kreditausfällen buchen als bisher. Das belastet die Eigenkapitalquoten, die im Durchschnitt um 0,6 Prozentpunkte sinken dürften. Es ist die erste breite Untersuchung über die Folgen der neuen Bilanzstandards für europäische Banken. Die EBA hatte dazu eine repräsentative Auswahl von knapp 60 Banken aus 20 Mitgliedsstaaten befragt.

So haben deutsche Banken beim Stresstest 2016 abgeschnitten

EZB-Bankenstresstest - die Szenarien

Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) hat 51 große Banken aus 15 europäischen Ländern unter die Lupe genommen. Sie prüfte mit der Europäischen Zentralbank eine ganze Reihe von Kennzahlen und testeten wie sich diese in verschiedenen Szenarien bis 2018 entwickeln dürften.

Zum einen spielte die EBA durch, wie es den Banken gehen wird, falls die Vorhersagen der Europäischen Kommission zur Konjunktur in den nächsten Jahren eintreten (Basisszenario). Zum anderen testeten sie die Institute auch im Szenario einer sehr viel schlechteren wirtschaftlichen Entwicklung (Adverses Szenario).

So haben die neun geprüften deutschen Banken abgeschnitten:

Bayerische Landesbank

Kernkapitalquote (2015): 11,99 %

Kernkapitalquote nach Basisszenario (2018): 12,41 %

Kernkapitalquote nach adversem Szenario (2018): 8,34 %

Differenz 2015 vs adv. Szenario 2018 (in Basispunkten): -365

Commerzbank

Kernkapitalquote (2015): 12,13 %

Kernkapitalquote nach Basisszenario (2018): 13,13 %

Kernkapitalquote nach adversem Szenario (2018): 7,42 %

Differenz 2015 vs adv. Szenario 2018 (in Basispunkten): -471

Dekabank

Kernkapitalquote (2015): 13,50 %

Kernkapitalquote nach Basisszenario (2018): 14,17 %

Kernkapitalquote nach adversem Szenario (2018): 9,53 %

Differenz 2015 vs adv. Szenario 2018 (in Basispunkten): -397

Deutsche Bank

Kernkapitalquote (2015): 11,11 %

Kernkapitalquote nach Basisszenario (2018): 12,08 %

Kernkapitalquote nach adversem Szenario (2018): 7,80 %

Differenz 2015 vs adv. Szenario 2018 (in Basispunkten): -332

Landesbank Baden-Württemberg

Kernkapitalquote (2015): 15,98 %

Kernkapitalquote nach Basisszenario (2018): 15,58 %

Kernkapitalquote nach adversem Szenario (2018): 9,40 %

Differenz 2015 vs adv. Szenario 2018 (in Basispunkten): -658

Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale

Kernkapitalquote (2015): 13,11 %

Kernkapitalquote nach Basisszenario (2018): 14,42 %

Kernkapitalquote nach adversem Szenario (2018): 10,10 %

Differenz 2015 vs adv. Szenario 2018 (in Basispunkten): -301

Norddeutsche Landesbank

Kernkapitalquote (2015): 12,09 %

Kernkapitalquote nach Basisszenario (2018): 13,16 %

Kernkapitalquote nach adversem Szenario (2018): 8,62 %

Differenz 2015 vs adv. Szenario 2018 (in Basispunkten): -347

NRW.Bank

Kernkapitalquote (2015): 42,54 %

Kernkapitalquote nach Basisszenario (2018): 39,44 %

Kernkapitalquote nach adversem Szenario (2018): 35,40 %

Differenz 2015 vs adv. Szenario 2018 (in Basispunkten): -714

Volkswagen Financial Services AG

Kernkapitalquote (2015): 11,67 %

Kernkapitalquote nach Basisszenario (2018): 12,90 %

Kernkapitalquote nach adversem Szenario (2018): 9,55 %

Differenz 2015 vs adv. Szenario 2018 (in Basispunkten): -211

Die neuen Bilanzregeln, im Fachjargon IFRS 9 genannt, gelten neben den geplanten strengeren Kapitalvorschriften für Banken als wichtigster Belastungsfaktor für das Kreditgeschäft. Der Grund: Bislang müssen Banken erst dann eine Risikovorsorge für einen Kredit bilden, wenn sie konkret Verluste erleiden. Ab 2018 müssen die Institute bei jedem Kredit sofort abschätzen, wie hoch die potenzielle Verlustgefahr auf Sicht von einem Jahr ist. Sie müssen also vorausschauender als bislang Gefahren bilanzieren. Je langfristiger ein Kredit ist, desto stärker wirkt sich dieser Wechsel aus. Die private Immobilienfinanzierung dürfte das ganz besonders treffen, denn dort sind die Darlehen besonders langfristig.

Wenn die Banken aber mehr Risikopuffer für das Kreditgeschäft berücksichtigen müssen, belastet das natürlich auch die Eigenkapitalausstattung. Die EBA geht davon aus, dass die Eigenkapitalquote, die ein wichtiges Abbild für Stärke und Stabilität einer Bank ist, im Durchschnitt um 0,6 Prozentpunkte sinken würde.

Es gibt Banken, die sich längst auf die Umstellung der Bilanzregeln eingestellt haben. Die Aareal Bank etwa betont, dass sie in ihren Risikomodellen die potenzielle Verlustgefahr, den so genannten Expected Loss, bereits berücksichtigt. Doch das gilt nicht für alle Institute. Die EBA hat aus ihrer Umfrage den Eindruck gewonnen, dass kleinere Banken in ihren Vorbereitungen im Vergleich zu größeren Banken hinterherhinken. „Die EBA ist davon überzeugt, dass es wichtig ist, dass große wie kleine Banken nicht unterschätzen, wie viel Arbeit bei der Umsetzung von IFRS 9 anfällt“, warnt die Behörde in ihrer Untersuchung.

Der Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht

Wer wurde geprüft?

Die Aufseher in London haben 51 große Banken aus 15 europäischen Ländern unter die Lupe genommen. Sie stehen zusammen für rund 70 Prozent der Bilanzsumme im europäischen Bankensektor. Ausgewählt wurden Institute, die die Finanzstabilität in Europa gefährden könnten, wenn sie ins Straucheln geraten. Aus Deutschland mussten sich neun Banken dem Stresstest stellen, darunter die Deutsche Bank und die Commerzbank.

Wie wurde geprüft?

Die Aufseher nahmen eine ganze Reihe von Kennzahlen unter die Lupe und prüften, wie sich diese in verschiedenen Szenarien bis 2018 entwickeln dürften. Zum einen spielte die EBA durch, wie es den Banken gehen wird, falls die Vorhersagen der Europäischen Kommission zur Konjunktur in den nächsten Jahren eintreten. Zum anderen testeten sie die Institute auch im Szenario einer sehr viel schlechteren wirtschaftlichen Entwicklung.

Was wird veröffentlicht?

Die EBA bereitet für die Veröffentlichung umfangreiches Material vor. Zahlenkolonnen, Tabellen und Analysen sollen die Ergebnisse des Stresstests darstellen. Anders als bei vorangegangenen Prüfungen wird diesmal aber keine Bank durchfallen – diese Kategorie gibt es schlichtweg nicht. Auch zu einer möglichen Lücke beim Eigenkapital wird sich die EBA nicht konkret äußern.

Was soll der Stresstest dann überhaupt?

Nach Darstellung der EBA geht es vor allem darum, den verschiedenen Aufsichtsbehörden für den Sektor Datenmaterial zur Verfügung zu stellen, dass dann mit jeder einzelnen Bank durchgesprochen werden soll. Zudem lässt sich aus den Zahlen durchaus einiges über die Verfassung des jeweiligen Instituts ablesen. Gerade professionelle Anleger werden sich die Daten deshalb genau vorknöpfen.

Welche Banken werden besonders beäugt?

Im Fokus stehen zum einen italienische Institute. Sie sitzen auf einem riesigen Berg fauler Kredite. Allein das Institut Banca Monte dei Paschi di Siena (BMPS), die älteste Bank der Welt und einer von fünf italienischen Stresstestteilnehmern, hat zweifelhafte Kreditforderungen in zweistelliger Milliardenhöhe in den Büchern. Die Kurse von Bank-Aktien in Italien sind seit Jahresbeginn um mehr als die Hälfte gefallen, was die Institute weiter unter Druck setzt. Große Aufmerksamkeit ist aber auch der Deutschen Bank gewiss. Diverse Skandale, Probleme im Investmentbanking vor dem Hintergrund der Niedrigzinsen sowie der aufwändige Konzernumbau belasten Deutschlands größte Bank. Wer den Aktienkurs verfolgt, bekommt den Eindruck, dass das Institut auf Anleger inzwischen geradezu abschreckend wirkt.

Warum kommt die Veröffentlichung an einem späten Freitagabend?

Die Aufseher vermeiden damit eine direkte Reaktion der Wertpapiermärkte. Um 22 Uhr sind die Börsen nicht nur in Europa geschlossen sondern auch in den USA, die für manche der getesteten Banken ein wichtiges Geschäftsfeld sind.

Die neuen Bilanzstandards vor allem bei der Risikovorsorge dürften sich auch auf die Kreditvergabe auswirken. Etwa 60 Prozent der befragten Banken sagen, dass sich die strengeren Standards auf die Preise, die Laufzeit und auf die Vergabestandards auswirken werde. Nur 28 Prozent der Banken rechnen mit keinen Auswirkungen, weil sie ihre Preise und die Vergabestandards längst im Kreditgeschäft berücksichtigen.

Die EBA will nun noch einmal tiefer in die Analyse einsteigen. „Wir werden schon bald eine zweite Umfrage beginnen. Sie wird auf die erste aufbauen und wir werden die Banken um präzisere Schätzungen bitten“, sagte der EBA-Regulierungsexperte Angel Monzon, dem Handelsblatt. Bei der aktuellen Studie hatten Banken bei den Auswirkungen oft Bandbreiten angegeben, aus denen die EBA dann jeweils Mittelwerte abgeleitet hat.

Es ist unklar, ob diese Mittelwerte die Realität treffen, oder ob die Folgen auch noch etwas härter ausfallen könnten: Zwar rechnen die Banken im Mittel nur mit einem Anstieg der Risikovorsorge von 18 Prozent, doch immerhin 86 Prozent von ihnen hatten angegeben, dass die Risikopuffer auch bis zu 30 Prozent ansteigen könnten. Und bei den Kapitalquoten hatten Banken ebenfalls nur im Durchschnitt mit einer Belastung um 0,6 Prozentpunkte gerechnet - doch 79 Prozent von ihnen halten auch eine Belastung von 0,75 Prozentpunkte für möglich.

Kommentare (1)

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Herr Heinz Keizer

10.11.2016, 17:32 Uhr

Die großen Risiken bei Staatsanleihen brauchen nach wie vor nicht mit EK hinterlegt werden.

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