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20.02.2012

10:03 Uhr

Studie über Gesundheit

Wenn Banker ihren Körper missbrauchen

VonRolf Benders

120-Stunden-Wochen, zuviel Alkohol und leere Pizzakartons unterm Schreibtisch: Investmentbanker lassen sich einer Studie zufolge ausbeuten und leben im ständigen Krieg mit ihrem Körper.

Endlos-Spirale aus Arbeit: Investment-Banker an der Wall Street werden praktisch permanent im Dienst gehalten. dpa

Endlos-Spirale aus Arbeit: Investment-Banker an der Wall Street werden praktisch permanent im Dienst gehalten.

New YorkSie gelten als die globale Hochleistungselite. Die Investmentbanker der Wall Street machen das Unmögliche möglich, zu jeder Zeit. Und sie sind die heimliche, geldgesteuerte Macht, die die Welt in Wahrheit regiert. So werden sie nicht nur von den Protestlern der Occupy-Wall-Street-Bewegung gesehen, so sehen sie sich auch nur allzu gerne selbst. Tatsächlich aber sind viele von ihnen kranke, teilweise alkohol- und tablettenabhängige Büroknechte, mit stinkenden Sportklamotten und leeren Pizzakartons unter dem Schreibtisch, die sich und ihren Körper in regelmäßigen 120-Stunden-Wochen selbst zugrunde richten.

Das ist jedenfalls das Bild, dass eine neue Studie der University of Southern California zeichnet. „Das ist das schmutzige kleine Geheimnis der Wall Street“, sagt die Autorin der Studie, Managementprofessorin Alexandra Michel, dem Handelsblatt.

Und Michel weiß, wovon sie redet. Bevor sie die akademische Laufbahn einschlug, hat sie selbst drei Jahre bei Wall-Street-Primus Goldman Sachs Firmen bei Fusionen und Übernahmen (M&A) betreut. Die zurückliegenden neun Jahre ihres Lebens hat sie dann vier Gruppen von Neueinsteigern ins M&A-Geschäft bei zwei nicht genannten Wall-Street-Häusern dabei beobachtet, wie sie mit den enormen Ansprüchen der Firma, der Kunden und an sich selbst zurechtzukommen versuchten. Die dabei entstandene Studie ist ein ernüchternder Beleg dafür, dass hinter den Stahl- und Glasfassaden von Downtown Manhattan der strahlende, kerngesunde und erfolgreiche Investmentbanker aus den Imagebroschüren der Banken die Ausnahme von der Regel ist.

Tipps für die richtige Work-Life-Balance

Hören Sie auf Ihren Biorhythmus!

Nicht jeder arbeitet zu jeder Zeit gleich effektiv. Manche haben Ihre Hochphase zwischen 7 und 10 Uhr, andere haben erst nach dem Mittagessen Ihr Leistungshoch. Versuchen Sie, im Rahmen der Möglichkeiten, auf Ihren persönlichen Rhythmus zu achten und planen Sie so Ihren Tagesablauf. Legen Sie beispielsweise wichtige Termine in Ihre persönlichen Leistungsphasen.

Gönnen Sie sich Pausen!

Egal, ob Sie körperlich oder geistig arbeiten: Die Leistung des Körpers lässt nach ca. 1,5 Stunden nach. Ein Mehr an Arbeit bedeutet in diesem Zustand nicht ein Mehr an Leistung und Effizienz. Gönnen Sie sich regelmäßige Pausen. Machen Sie z. B. vor oder nach dem Mittagessen einen kurzen Spaziergang und tanken Sie zwischendurch immer wieder frische Luft. Das füllt Ihre Kraftreserven auf.

Permanente Erreichbarkeit vermeiden!

Sie müssen rund um die Uhr per Handy erreichbar sein oder jeden Tag alle E-Mails lesen und beantworten? Diese Regeln erlegt man sich meist selbst auf – es geht aber auch anders. Schalten Sie öfter mal am Feierabend oder am Wochenende Ihr Handy aus. Sortieren und beantworten Sie Ihre E-Mails nach Wichtigkeit. Manche Antworten können schon mal ein bisschen warten.

Delegieren Sie Aufgaben weiter!

Wollen Sie am liebsten immer alles selbst machen? Lernen Sie, richtig zu delegieren. Sie gewinnen damit Zeit und können sich um wichtige Aufgaben und Projekte kümmern. Außerdem steigern Sie die Motivation und Zufriedenheit Ihrer Mitarbeiter, wenn Sie sie gemäß Ihren Fähigkeiten und Potenzialen einsetzen und Verantwortung abgeben.

Achten Sie Ihre Grenzen und lernen Sie, Nein zu sagen!

Jeder hat seine eigenen Grenzen der Belastbarkeit. Nein zu sagen oder eine Aufgabe abzugeben, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern zeigt die Fähigkeit, sich und seine Ressourcen richtig einschätzen zu können.

Regelmäßige Bewegung!

Bewegung ist eines der wirksamsten Mittel, um das Gleichgewicht zwischen Körper und Seele zu halten. Sie müssen dabei kein Leistungssportler werden: Schon dreimal wöchentlich eine halbe Stunde Bewegung oder moderater Sport wie Walking, oder Fahrradfahren helfen Ihnen, den nötigen Abstand zu den Alltagsproblemen zu bekommen. Integrieren Sie Bewegung in Ihren Arbeitsalltag: Nutzen Sie z. B. Treppen statt Aufzüge oder schauen Sie persönlich beim Kollegen im nächsten Büro vorbei, statt den Telefonhörer in die Hand zu nehmen.

Sorgen Sie für Entspannung!

Wenn es Ihnen schwer fällt, den Arbeitsalltag loszulassen, dann können Entspannungstechniken Sie unterstützen, besser zur Ruhe zu kommen und abzuschalten. Versuchen Sie es z. B. mit autogenem Training, progressiver Muskelentspannung, Tai Chi oder Yoga.

Ernähren Sie sich gesund!

Wer sich gesund ernährt, kann sich besser konzentrieren und ist leistungsfähiger. Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend frischem Gemüse und Obst. Nehmen Sie Ihre Mahlzeiten ohne Hektik und Stress ein. Das gilt nicht nur für die Mahlzeit in Ihrer Mittagspause, sondern auch für Frühstück und Abendessen.

Vereinbaren Sie Termine mit sich selbst!

Im beruflichen Alltag sind wir es gewohnt, unsere Zeit zu terminieren. Wenn Sie das Gefühl haben, immer wieder Abstriche bei der Freizeit zu machen, dann vereinbaren Sie Termine mit sich selbst für Aktivitäten oder Ihre Hobbys, die Ihnen Spaß machen. Planen Sie sich diese Termine fest ein, bis Sie diese gewohnheitsmäßig in Ihren Alltag integriert haben. Bei losen Vereinbarungen besteht immer die Gefahr, dass Sie anderen „wichtigeren“ Prioritäten zum Opfer fallen.

Warten Sie nicht bis zum Zusammenbruch!

Es ist kein Zeichen von Stärke, so lange zu arbeiten, bis Sie umfallen. Sprechen Sie Ihren Vorgesetzten lieber an, wenn die Grenzen erreicht sind und Sie merken, dass die Überlastung zum Normalzustand wird. Denken Sie nicht erst über Work-Life-Balance nach, wenn der Zusammenbruch schon vor der Tür steht. Nehmen Sie Warnsignale wie Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Schmerzen ernst und reagieren Sie schon bei ersten Anzeichen von Überbelastung. Sagen Sie die weniger wichtigen Termine ab und verbringen Sie wieder einen Nachmittag mit Ihren Liebsten – so tanken Sie wieder auf.

Quelle: Haufe Akademie

„60 Prozent der Banker richten sich und ihren Körper nach vier bis sechs Jahren schlicht selbst zugrunde“, so Michel. Mit Alkohol oder Pillen unterdrückte chronische Leiden seien nicht selten. Diese Gruppe sei in „ständigem Krieg“ mit ihrem Körper. „Ich wache manchmal morgens auf, und wenn ich an den Vortag denke, wünschte ich, es wäre alles nur ein böser Alptraum“, zitiert die Studie einen Investmentbanker anonym.

Die Studie beschreibt, wie die Investmentbanken ihre jungen Angestellten systematisch mit kostenlosen Mahlzeiten, Fitnesstudiozugang, Wäscheservice und rund um die Uhr verfügbaren Sekretärinnen praktisch permanent im Dienst halten.

Tipps für das Zeitmanagement

Mails

Mails nur zu festen Zeiten beantworten, z.B. von 9 bis 10 Uhr und von 15 bis 16 Uhr.

Quelle: Sonia Flöckemeier (Unternehmercoaches) und Nathalie Henke, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Telefon

Bei wichtigen Aufgaben das Telefon auch mal klingeln lassen oder den Anrufbeantworter einschalten.

 

Aufgabenliste

Schon morgens eine Liste erstellen, was an einem Tag erledigt werden muss. Dabei zwischen wichtigen und unwichtigen Aufgaben trennen.

Details

Sich bei Recherchen nicht zu sehr in Details verheddern.

Freiraum

Den Kollegen signalisieren, dass man bestimmte Zeiten braucht, um Aufgaben ohne Störung zu bearbeiten.

Zeitpuffer

Zeitpuffer einplanen, falls eine Aufgabe mehr Zeit kostet als ursprünglich geplant.

Konferenzen

Konferenzen nicht zu sehr in die Länge ziehen. Genau überlegen: Was muss besprochen werden? Welche Punkte? Wie lange?

Pausen

Feste Ruhephasen einplanen, zum Beispiel für Pausen oder für das Mittagessen.

Arbeitszeiten

Die Arbeitszeiten klar definieren – und nicht von vornherein die Abendstunden und die Wochenenden mit einplanen.

Nichts aufschieben

Unangenehme Aufgaben sofort bearbeiten und nicht vor sich herschieben.

Konsequenz

Entscheidungen treffen – und nicht immer wieder alles neu abwägen.

Delegieren

Wenn es geht, Aufgaben an andere delegieren.

Vertrauen

Darauf vertrauen, dass Kollegen die Aufgaben genauso gut erledigen können wie man selbst.

Entwicklung

Für Chefs: Zeit für strategische Weiterentwicklung des Unternehmens einplanen!

Gutes Beispiel

Führungskräfte sollten in Fragen des Zeitmanagements mit gutem Beispiel vorangehen und nicht – zum Beispiel durch kurzfristige Auftragsänderungen – zu viel Druck aufbauen.

Auswege suchen

Wenn die Arbeitsbelastung zu hoch ist, sollten Chefs und Mitarbeiter gemeinsam überlegen, wie Abhilfe geschaffen werden kann.

Experten

Viele Unternehmen holen sich Rat von externen Beratern, die das Zeitmanagement beobachten und Tipps für Verbesserungen geben.

Work-Life-Balance

Nicht das ganze Leben auf den Job konzentrieren, sondern Zeit für Sport und Treffen mit Freunden einplanen.

Organisation

Die Ablage gut organisieren, damit Unterlagen nicht stundenlang gesucht werden müssen.

Warnzeichen

Zeichen der Überforderung ernst nehmen und dagegen ansteuern.

Kommentare (12)

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Account gelöscht!

20.02.2012, 11:18 Uhr

Daher ist ja auch der Verdienst überproportional. Genau wie bei einem Profi-Sportler - man hat ja nur eine eingeschränkte Lebensarbeitszeit um seine Schäfchen ins trockene zu bringen !

ehem_Intern

20.02.2012, 11:36 Uhr

"Permanente Erreichbarkeit vermeiden!

Sie müssen rund um die Uhr per Handy erreichbar sein oder jeden Tag alle E-Mails lesen und beantworten? Diese Regeln erlegt man sich meist selbst auf – es geht aber auch anders. Schalten Sie öfter mal am Feierabend oder am Wochenende Ihr Handy aus. Sortieren und beantworten Sie Ihre E-Mails nach Wichtigkeit. Manche Antworten können schon mal ein bisschen warten."

Genau! Erklären Sie mal Ihrem Associate/VP/MD, dass Sie im Handelsblatt gelesen haben, dass man ab 20:00 Uhr seinen Blackberry ausschalten soll. Aber bitte filmen Sie die Reaktion und laden es auf Youtube hoch ich bin schon gespannt.

Veritas

20.02.2012, 12:09 Uhr

Beruhigend zu wissen, dass unser Finanzsystem aus Alkohol- und Pillenabhängigen besteht. Aber überraschend ist das jetzt nicht wirklich.
Kein Wunder das die Banker nicht mehr hinterfragen was sie da machen, sondern einfach nur so funktionieren wie es ihnen Ackermann und Konsorten vorgeben...Zombies mit Schlips.

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