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20.01.2016

18:03 Uhr

Terrorismus

Die Deutsche Bank und die RAF

VonJakob Blume, Martin Dowideit, Michael Maisch

DNA-Spuren von Linksterroristen wecken Erinnerungen an ein dunkles Kapitel der Geschichte von Deutschlands größter Bank. Der Mord an Vorstandschef Alfred Herrhausen ging auf das Konto der RAF – und war nicht der einzige.

Das Wrack von Herrhausens Limousine nach dem Bomben-Attentat auf den Deutsche-Bank-Chef am 30. November 1989. dpa

Attentat auf Herrhausen

Das Wrack von Herrhausens Limousine nach dem Bomben-Attentat auf den Deutsche-Bank-Chef am 30. November 1989.

Düsseldorf/FrankfurtHandelsblatt-Redakteurin Marietta Kurm-Engels erlebte den Anschlag hautnah. Kurz nach halb neun am 30. November 1989 jault Lesko auf, der Schäferhund ihres Nachbarn. Laut, herzzerreißend, angsterfüllt, so wie es sonst nur Menschen tun. Dann eine Explosion – ohrenbetäubend. Das Haus vibriert. Scheiben zerspringen, Glühbirnen lösen sich aus der Fassung, Garagentore werden eingedrückt, Vasen zerschellen auf dem Boden. Dann ist da nur noch Stille, als halte die Welt den Atem an, schrieb sie einmal viele Jahre später.

Ein Schlachtruf der linksextremen Szene aus den 1980er-Jahre war mitten in Bad Homburg Wirklichkeit geworden: „Wer das Geld hat, hat die Macht, bis es unterm Auto kracht.“ Unbekannte Mitglieder der sogenannten „dritten Generation“ der Roten Armee Fraktion (RAF) hatten den Mercedes von Alfred Herrhausen in die Luft gejagt. Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank war sofort tot. Ein Jahr später folgte ein Anschlagsversuch auf ein Rechenzentrum der Deutschen Bank in Eschborn vor den Toren Frankfurts, dort stellte die Polizei DNA-Spuren von Daniela Klette fest, die dieser dritten RAF-Generation zugerechnet wird.

Das Geschichtskapitel „Deutsche Bank und der Terror“ ist jetzt wieder in Erinnerung gerufen. Ermittler haben die genetischen Fingerabdrücke von Daniela Klette, Ernst-Volker Wilhelm Staub und Burkhard Garweg an einem Geldtransporter sichergestellt, der vor mehr als einem halben Jahr überfallen wurde. Es sind laut Staatsanwaltschaft Verden dieselben Fingerabdrücke, die schon 1993 bei einem Sprengstoffanschlag auf die im Bau befindliche Justizvollzugsanstalt im hessischen Weiterstadt gefunden wurden. Auch im Dezember vergangenen Jahres soll das Trio der dritten RAF-Generation vergeblich versucht haben, einen Geldtransporter zu überfallen – wohl um den eigenen Lebensunterhalt finanzieren zu können, wie die Staatsanwaltschaft vermutet.

Vita Alfred Herrhausen

1967

Herrhausen wird Finanzchef des Stromversorgers VEW (später in Eon aufgegangen).

1952

Nach dem Studium der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre wird Herrhausen Direktionsassistent bei Ruhrgas. 1955 promoviert er und wechselt zum Versorger VEW in Dortmund.

1967

Herrhausen wird Finanzchef des Energieversorgers VEW (später in RWE aufgegangen).

1969

Deutsche-Bank-Chef F. Wilhelm Christians holt Herrhausen ins Bankgeschäft. Zwei Jahre später wird Herrhausen Vorstandsmitglied der Deutschen Bank.

1985

Herrhausen löst Wilfried Guth als einen der beiden Vorstandssprecher der Deutschen Bank ab. Als Aufsichtsrat etwa von Daimler-Benz übt Herrhausen großen Einfluss auf die deutsche Industrielandschaft aus.

1988

Im Mai wird Herrhausen als erster Bankier seit Hermann Josef Abs (1957 bis 1967) alleiniger Chef der Deutschen Bank.

1989

Herrhausen wird durch einen Bombenanschlag ermordet. In einem Brief bekennt sich die Rote-Armee-Fraktion zum Attentat. Die Täter konnten bis heute nicht ermittelt werden.

Dennoch weckt die Nachricht Erinnerung an eine Zeit, als Wirtschaftsführer ins Visier von Terroristen rückten. Vergehen sich islamische Terroristen derzeit an Touristen und Stadtbewohnern, standen zu Zeiten der RAF exponierte Führungsfiguren im Visier der Angriffe.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten – 1984 flog ein konspiratives Treffen in Frankfurt auf, Staub und fünf weitere RAF-Terroristen wurden verhaftet – hatten die dritte Generation der Linksextremisten ihren Kampf gegen das „Kapital“ und  den „militärisch-industriellen Komplex“ aufgenommen.

Erste prominentes Opfer war der Chef der Motoren- und Turbinenunion (MTU), Ernst Zimmermann. Eine junge Terroristin gab sich als Postbotin aus – so gelangten Mitglieder der namentlich kaum bekannten „Kommando-Ebene“ in Zimmermanns Wohnhaus. Sie fesselten Zimmermann und seine Ehefrau. Dann richteten sie den geknebelten Wirtschaftsboss mit einem gezielten Kopfschuss hin. „Die RAF schießt wieder“ titelte der „Spiegel“ damals.

Mit diesen Fotos fahndete die Polizei nach den RAF-Terroristen Burkhard Garweg, Ernst-Volker Wilhelm Staub und Daniela Klette. Nun haben sie wieder Spuren hinterlassen. ap

Historische Fahndungsfotos

Mit diesen Fotos fahndete die Polizei nach den RAF-Terroristen Burkhard Garweg, Ernst-Volker Wilhelm Staub und Daniela Klette. Nun haben sie wieder Spuren hinterlassen.

Etwas mehr als ein Jahr später, im Juli 1986, war Siemens-Vorstand Karl Heinz Beckurts das Ziel der RAF-Terroristen. Sie deponierten einen Sprengsatz auf einer Straße zwischen München und dem Vorort Straßlach. Als der BWM von Beckurts die Stelle passierte, detonierte die 30-Kilo-Bombe in einer 20 Meter hohen Feuersäule. Beckurts und sein Chauffeur starben.

Zum ersten Mal setzten die Linksterroristen auf eine fernzündende Bombe ein, Ermittler sprachen damals von einem „Novum“. Im Oktober des gleichen Jahres erschossen Vermummte den hochrangigen Diplomaten Gerold von Braunmühl, als dieser in Bonn aus einem Taxi ausstieg. Dabei kam höchstwahrscheinlich jene Waffe zum Einsatz, mit der schon BDI-Präsident Hanns-Martin Schleyer ermordet wurde.

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