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18.11.2015

06:43 Uhr

Tom Keatinge über Terror-Finanzierung

Grenzenloser Schrecken für 25.000 Euro

VonKatharina Slodczyk

Die G20-Staaten wollen die Geldquellen von Terroristen versiegen lassen. Doch für die Angriffe des IS sind nicht viele Mittel nötig. Im Interview spricht ein Finanzierungsexperte auch über die Verantwortung von Banken.

Haupteinnahmequellen der Terroristen

Öl-Geschäfte und Erpressungsgelder: So finanziert sich der Islamische Staat

Haupteinnahmequellen der Terroristen : Öl-Geschäfte und Erpressungsgelder: So finanziert sich der Islamische Staat

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Zwei Jahrzehnte hat Tom Keatinge bei JP Morgan gearbeitet. Vor knapp zwei Jahren wechselte er zu der führenden sicherheitspolitischen Denkfabrik Royal United Services Institute (RUSI) in London. Er ist dort Experte für Terror-Finanzierung und Direktor des Centre for Financial Crime and Security Studies.
Die Terrorangriffe in Paris wirken nicht nur gut organisiert, sondern auch gut finanziert – woher kam Ihrer Ansicht nach das Geld dafür?
Das ist unklar. Wir kennen die genauen Quellen nicht. Wir gehen aber davon aus, dass es eine Kombination aus Finanzierungsquellen war – dass einerseits einige, die daran beteiligt waren und der Organisation IS nahestehen, ihre eigenen Finanzmittel nutzten. Andererseits gab es wohl andere, die beteiligt waren, und Geld von der IS oder IS-Sympathisanten bekamen. Wir reden aber nicht über riesige Summen.

Was würden Sie schätzen, haben die Angriffe gekostet?
Auf Basis dessen, was solche Angriffe in der Vergangenheit kosteten, würde ich von etwa 25.000 Euro ausgehen, die nötig waren für die die Mietautos, um zwischendurch Wohnungen anzumieten etc. Zum Vergleich: Die Terrorangriffe in London am 7. Juli 2005 haben schätzungsweise 10.000 Pfund (derzeit etwa 14.000 Euro) gekostet und die Anschläge in New York im September 2001 etwa 500.000 Dollar (derzeit etwa 470.000 Euro).

Der ehemalige Banker ist Experte für Finanzquellen von Terror-Organisationen. privat

Tom Keatinge

Der ehemalige Banker ist Experte für Finanzquellen von Terror-Organisationen.

Die IS-Dschihadisten in Syrien und dem Irak nehmen nach Schätzungen der US-Regierung alleine durch den Schmuggel von Erdöl fast zwei Millionen Dollar pro Tag ein. Dazu kommen Steuereinnahmen, Lösegelder, Spenden und anderes mehr. Wie bringt die IS das Geld dahin, wo es gebraucht wird?
Die Organisation agiert in einem sehr engen System – abseits der etablierten Banken. Es ist auch davon auszugehen, dass die nationalen Banken sich der Risiken bewusst sind, wenn sie der Organisation IS in Geldangelegenheiten helfen würden. Keine Bank will mit Terrorgruppen zusammenarbeiten. Es sind eher die Geldüberweisungsdienstleister wie Western Union, die Gefahr laufen, dass sie dabei möglicherweise eine deutlich größere Rolle spielen und auch das Hawala-System, also der Geldtransfer über Vertrauensleute ohne die Nutzung von Banken. Freunde, Familie oder Sympathisanten nutzen diese Möglichkeiten im großen Stil, um Geld an IS-Kämpfer zu schicken. Dafür spricht einiges.

Die Namen hinter dem Horror von Paris

Identifizierung der Attentäter

Seit den Anschlägen von Paris arbeiten die französischen und belgischen Sicherheitsbehörden an der Identifizierung der getöteten Attentäter und möglicher Unterstützer. Ein Überblick über die bisher Identifizierten. (Quelle: Reuters)

Getötet: Abdelhamid Abaaoud

Mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge von Paris. Der Belgier aus dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek wurde eigentlich in Syrien vermutet. Am Donnerstag teilte die Staatsanwaltschaft mit, er sei bei der Razzia und anschließenden Schießerei am Mittwoch im Pariser Stadtteil Saint-Denis ums Leben gekommen. Offenbar wurde er erschossen.

Getötet: Ismail Omar Mostefai

Der Franzose mit algerischen Wurzeln war am Angriff auf die Konzerthalle Bataclan mit 89 Toten beteiligt. Mostefai lebte zeitweise in der Region von Chartres, südwestlich von Paris. Geboren wurde er in Courcouronnes im Süden der französischen Hauptstadt. Sein Name wurde von den Sicherheitsbehörden bereits 2010 auf eine Liste möglicher radikaler Islamisten gesetzt. Die türkische Regierung hat nach eigenen Angaben Frankreich im Dezember 2014 und im Juni 2015 wegen Mostefai kontaktiert, aber erst nach den Anschlägen eine offizielle Anfrage aus Frankreich erhalten.

Getötet: Samy Amimour

Der Franzose war ebenfalls am Angriff auf das Bataclan beteiligt. Er lebte in Drancy in der Nähe des nördlichen Pariser Stadtteils Saint-Denis, wo es am Mittwoch zu einer Schießerei mit einer mutmaßlichen zweiten Islamisten-Zelle kam. Amimour wurde seit Ende 2013 international gesucht. Seit Oktober 2012 wurde er von den Behörden beobachtet, weil der Verdacht bestand, er könnte sich in den Jemen absetzen.

Getötet: Fouad Mohamed Aggad

Er ist einer der drei Männer, die das Blutbad in der Konzerthalle Bataclan anrichteten. Der 23-Jährige kam aus dem französischen Straßburg und hatte vor den Anschlägen in Syrien gekämpft. Gemeinsam mit Amimour und Mostefaï hatte Aggad 89 Menschen in der Konzerthalle getötet. Als die Polizei das Gebäude stürmte, sprengte er sich in die Luft.

Getötet: Brahim Abdeslam

Der Franzose lebte in Belgien. Er sprengte sich vor dem Café Comptoir Voltaire in die Luft. Bruder des noch immer gesuchten Verdächtigen Salah Abdeslam.

Getötet: Bilal Hafdi

Einer der drei Angreifer auf das Pariser Fußballstadion Stade de France. 20 Jahre jung.

Unklar: Ahmad Al Mohammad

Bei einem weiteren Selbstmordattentäter beim Stade de France wurde ein Pass auf den Namen Ahmad Al Mohammad, 25 Jahre alt, aus dem syrischen Idlib gefunden. Die Fingerabdrücke des Mannes passen zusammen mit denen eines Flüchtlings, der unter dem Namen im Pass im Oktober 2015 in Griechenland registriert worden war. Über den dritten Selbstmordattentäter am Stade de France ist bisher nichts bekannt.

Gesucht: Salah Abdeslam

Der in Brüssel geborene Franzose wird verdächtigt, einen schwarzen VW Polo gemietet zu haben, der bei den Attacken in Paris eingesetzt wurde. Der Anwalt Xavier Carette sagte dem belgischen Sender RTBF, er sei am Sonntagmorgen von Paris nach Brüssel zurückgekehrt, nachdem er von der französischen Polizei auf dem Weg drei Mal gestoppt worden sei. Abdeslam wird auch Wochen nach dem Anschlag in Mitteleuropa vermutet.

Die großen internationalen Banken spielen eine kleinere Rolle?
Sie spielen insoweit eine Rolle, als dass etliche der IS-Kämpfer aus westlichen Staaten ihre Girokonten bei diesen Banken haben. Man könnte daher grundsätzlich die Informationen, die diese Banken über die Kontoinhaber haben, im stärkeren Maße nutzen, um verdächtige Personen und fragwürdige Geldbewegungen aufzuspüren. Das setzt allerdings voraus, dass man den Banken mehr Informationen an die Hand gibt.

Was haben sie da konkret im Sinn?
Bisher ist es so, dass die nationalen Sicherheitsorganisationen die Banken in der Regel erst dann kontaktieren, wenn sie eine verdächtige Person konkret mit Namen kennen. Die Behörden müssten aber eher den Kontakt suchen und die Banken gezielt mit Informationen unterstützen, ihnen sagen, was Ermittlungen ergeben haben, um dann gezielt nach verdächtigen Mustern oder Auffälligkeiten in den Bankdaten zu suchen.

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