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09.03.2016

17:11 Uhr

Trotz Zinstief

Genossenschaftsbanken mit Milliardengewinn

Deutschlands Volks- und Raiffeisenbanken haben trotz anhaltender Niedrigzinsen und teurer Regulierung im vergangenen Jahr 2,1 Milliarden Euro Gewinn gemacht. Vor allem das Kundengeschäft half ihnen dabei.

Die Genossenschaftsbanken erwirtschafteten 2015 einen Milliardengewinn. dpa

Volks- und Raiffeisenbanken

Die Genossenschaftsbanken erwirtschafteten 2015 einen Milliardengewinn.

FrankfurtDie Volks- und Raiffeisenbanken können sich über ihren Gewinn von gut zwei Milliarden Euro im abgelaufenen Jahr nicht richtig freuen. „Losgelöst von diesen guten Zahlen ist die Stimmung in der ein oder anderen Genossenschaftsbank richtig schlecht“, sagte Uwe Fröhlich, der Präsident des Branchenverbands BVR, am Mittwoch in Frankfurt. Grund seien die steigenden Belastungen durch regulatorische Vorgaben und die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Immer mehr kleinere Institute seien deshalb überfordert und müssten mit benachbarten Banken fusionieren. „Ein erfolgreiches Genossenschaftsbankenmodell wird zu Strukturreformen getrieben.“

Im vergangenen Jahr sank die Zahl von Volks- und Raiffeisenbanken, Sparda-Banken, PSD Banken und genossenschaftlichen Sonderinstituten um 26 auf 1021. Im laufenden Jahr geht Fröhlich von weiteren 40 bis 50 Fusionen aus, womit die Zahl der Geldhäuser unter 1000 fallen würde. Auch in den Folgejahren seien 30 bis 50 Zusammenschlüsse zu erwarten. „Das ist ein Konsolidierungsprozess, der nicht ohne Schmerzen abläuft“, betonte Fröhlich. „Da haben wir als Verband gut zu tun, die Schäfchen zusammenzuhalten.“

Die Erwartungen an die EZB

Was die EZB bisher getan hat

Die Zinsen im Euroraum wurden unter EZB-Chef Mario Draghi quasi abgeschafft, der Leitzins liegt seit September 2014 mit 0,05 Prozent nur noch knapp im positiven Bereich. Zusätzlich kauft die Notenbank seit dem 9. März 2015 in großem Stil Staatsanleihen und andere Wertpapiere. 60 Milliarden Euro nimmt die EZB dafür in die Hand - Monat für Monat. Im Dezember verlängerte der EZB-Rat dieses Programm („Quantitative Easing“/QE) um ein halbes Jahr bis mindestens März 2017. Das viele billige Geld soll über Geschäftsbanken in Form von Krediten bei Verbrauchern und Unternehmen ankommen und die Wirtschaft ankurbeln.

Warum die EZB nachlegen will

Oberstes Ziel der EZB sind stabile Preise - und die definieren Europas Währungshüter bei einer Teuerungsrate von knapp unter zwei Prozent. Doch davon ist die Inflation trotz der Geldflut der Notenbank weiterhin meilenweit entfernt. In Deutschland drückte der erneute Absturz der Ölpreise die jährliche Teuerungsrate im Februar nach vorläufigen Zahlen auf Null. Im Euroraum fielen die Verbraucherpreise erstmals seit einem halben Jahr sogar wieder: Die Inflationsrate ging auf minus 0,2 Prozent zurück. Das dürfte die EZB nach Einschätzung von Commerzbank-Analyst Christoph Weil bestärken, ihre eigenen Inflationsprognosen zu senken: „Dies macht den Weg frei für weitere expansive Maßnahmen.“

Was die EZB noch tun kann

Viele Ökonomen gehen davon aus, dass die Währungshüter den Strafzins nochmals verschärfen, den Banken bezahlen müssen, wenn sie kurzfristig Geld bei der Notenbank parken. Seit Dezember liegt er bei 0,3 Prozent. Möglich wäre auch eine Staffelung dieses Zinses je nach Höhe der Einlagen. Müssen Banken mehr für das Bunkern von Liquidität zahlen - so die Theorie - bringt sie das eher dazu, das Geld als Kredit an Verbraucher und Unternehmen weiterzureichen. Theoretisch könnte die EZB auch das Volumen ihrer monatlichen Wertpapierkäufe aufstocken oder Grenzen aufweichen, die im Rahmen ihres QE-Programms eingezogen wurden - wie die, dass die Zentralbank nicht mehr als 33 Prozent der Anleihen eines Staates kaufen darf. Solche Schritte sind im EZB-Rat aber wesentlich umstrittener als das Thema Strafzinsen.

Was die Maßnahmen bringen - und was nicht

Ökonomen raten zu mehr Besonnenheit: Hauptgrund für die niedrige Inflation sei der Absturz der Ölpreise - und der sei zugleich ein Konjunkturprogramm. „Der niedrige Ölpreis lässt der Inflation keinen Raum zum Atmen. Doch die Lage ist nicht so gravierend, wie die Gesamtrate glauben macht“, kommentierte KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner die jüngsten Inflationszahlen. Und da die Finanzmärkte eine Erholung der Rohölpreise erwarteten, sei für 2017 im Durchschnitt eine Inflationsrate von rund zwei Prozent wieder realistisch. „Deshalb sollte die EZB über die aktuelle Flaute hinwegsehen“, riet Zeuner. „Vor allem eine weitere Absenkung des bereits negativen Einlagensatzes erscheint mir per Saldo wenig wirksam.“

2015 profitierten die Genossenschaftsbanken von Zuwächsen im Kredit- und Wertpapiergeschäft und konnten die Belastungen durch rekordniedrige Zinsen damit fast vollständig kompensieren. Unter dem Strich fiel der Jahresüberschuss um ein Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Im laufenden Jahr werde der Gewinn vermutlich erneut leicht sinken, erklärte Fröhlich, allerdings nach wie vor auf „auskömmlichem Niveau“ liegen. Da im Anschluss immer mehr höher verzinste Kredite und Anlagen auslaufen, rechnet der BVR-Präsident ab 2017 dann mit stärkerem Gegenwind, wie er bereits Ende 2015 im Reuters-Interview angekündigt hatte.

Viele Wechsel von Großbanken zu Genossen

Laut Fröhlich profitieren die Genossenschaftsbanken derzeit davon, dass einige Großbanken ihr Filialnetz zusammenstreichen und sich zunehmend aus der Fläche zurückziehen. Viele Kunden und Mitarbeiter würden deshalb zu Volks- und Raiffeisenbanken wechseln. „Es ist interessant, wie viele Initiativbewerbungen wir derzeit kommen, insbesondere aus dem Großbankensektor.“ Gut ausgebildete Mitarbeiter, etwa im Firmenkundengeschäft oder in der Vermögensverwaltung, nehme die Gruppe gerne auf. Die HVB hat in den vergangenen Jahren etwa die Hälfte ihrer Filialen geschlossen, die Deutsche Bank will ab Herbst rund 200 Niederlassungen dichtmachen.

Fröhlich warnte die EZB, den Strafzins für Bank-Einlagen bei der Notenbank noch weiter in den negativen Bereich zu drücken. Es gebe eine Grenze, ab der es sich für Institute lohne, das Geld nicht mehr zur EZB zu tragen sondern es stattdessen in eigenen Tresoren zu bunkern. "Die Zahl ist nicht mehr allzu weit entfernt." Aktuell verlangt die EZB einen Strafzins von 0,3 Prozent, wenn Institute über Nacht Geld bei ihr parken.

Von

rtr

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