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17.02.2006

21:34 Uhr

Überschuldete US-Bürger

„Mach mich schuldenfrei!“

VonTobias Moerschen

Kreditberatung ist in den USA ein großes Geschäft geworden. Doch überschuldete Bürger werden häufig von Beratern gleich noch einmal abgezockt. Das neue US-Konkursgesetz unterstützt den Beraterbedarf enorm.

Quelle: dpa

HB NEW YORK. Steven Burman hat die Nase voll. „Diese Branche ist so dermaßen heruntergekommen“, schimpft der 39-jährige Schuldenberater mit den stark gegelten Haaren. „Kleine Krauter wie ich haben keine Chance mehr gegen die großen Geschäftemacher“, klagt der Gründer und Chef der New Yorker Zwei-Mann-Firma Credit Advocate Counseling Corp (CACC). Burman berät seit Mitte der 90er-Jahre Leute, denen ihre Kreditkartenschulden über den Kopf wachsen. Doch das Telefon, das „früher pausenlos klingelte“, bleibt still. Schuld sind laut Burman die großen Kreditberatungsfirmen, die in New Yorks U-Bahn, im Fernsehen und Internet aggressiv für ihre Dienste werben.

Kreditberatung ist in den USA ein großes Geschäft geworden – und oft ein schmutziges. Wo bis Mitte der 90er-Jahre alteingesessene, lokale Verbände und Leute wie Burman die Branche prägten, dominieren heute US-weit tätige Firmen mit ihren riesigen Call-Centern. Fast alle neuen Anbieter tragen das Vertrauen erweckende Attribut „gemeinnützig“, viele jedoch zu Unrecht. Vor wenigen Wochen schloss die US-Steuerbehörde IRS 20 der größten Schuldenberatungen, weil sie sich das „Non-Profit“-Gütesiegel und damit Steuerfreiheit erschwindelt hatten. 50 Prozent des Marktes liegen seitdem lahm, meldet die Zeitung „Washington Post“. Und die Steuerfahnder ermitteln weiter.

Paradoxerweise fast gleichzeitig mit den Enthüllungen hat der US-Gesetzgeber die Schuldenberatung enorm aufgewertet: Laut dem neuen US-Konkursgesetz müssen Amerikaner erst zum Berater gehen, bevor sie ihren privaten Bankrott erklären können. Damit wächst der Beratungsbedarf enorm. Nach Schätzungen der Notenbank hatten die Amerikaner zum vergangenen Jahresende Kreditkartendarlehen von 801,3 Mrd. Dollar ausstehen. Darauf zahlen die meisten Kartenbesitzer zehn bis zu 30 Prozent Zinsen - also mehr als 80 Mrd. Dollar jedes Jahr! Unter ihrer Schuldenlast brechen seit 2003 jedes Quartal etwa 400 000 US-Bürger finanziell zusammen.

Zu beraten gibt es also mehr als genug. Und an verlockenden Angeboten der Schuldenmanager herrscht auch kein Mangel. In Werbespots berichten Hausfrauen, Rentner und Arbeitslose freudestrahlend, wie ihnen geholfen wurde. „Ich kann’s kaum glauben! Jetzt bekomme ich nicht mehr Dutzende Rechnungen jeden Monat, sondern nur eine, und die ist viel niedriger“, jubelt auf der Internetseite von American Debt Management die angebliche Kundin Jeanne Thompson. Darunter lockt die Schaltfläche „Mach mich schuldenfrei“ zum Anklicken.

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