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31.10.2011

08:50 Uhr

Umstrittene Versicherungen

Was ist ein CDS-Kontrakt noch wert?

VonAndrea Cünnen, Jörg Hackhausen, Jan Mallien, Michael Maisch

Politikern ist der umstrittene CDS-Markt schon lange ein Dorn im Auge. Nun dürften Investoren, die sich vor einem griechischen Schuldenschnitt abgesichert haben, leer ausgehen. Die Frage ist, ob das richtig ist.

Die Ratingagentur Fitch wird den Schuldenschnitt als Zahlungsausfall bewerten. dapd

Die Ratingagentur Fitch wird den Schuldenschnitt als Zahlungsausfall bewerten.

Am Markt für Kreditausfallversicherungen ist die Verunsicherung groß. Der Grund: Die privaten Gläubiger müssen bei Griechenland nach den Beschlüssen des jüngsten EU-Gipfels einen Schuldenschnitt um die 50 Prozent hinnehmen. Doch die Credit Default Swaps (CDS) genannten Kreditausfallversicherungen auf Griechenland greifen voraussichtlich nicht.

Bei CDS sichern sich Investoren bei anderen Investoren vor dem Zahlungsausfall eines Schuldners ab und zahlen dafür jährlich eine Prämie. Sie profitieren aber nicht nur bei einem Zahlungsausfall, sondern auch dann, wenn die CDS-Prämien steigen und sie so ihren Schutz teuer an andere Investoren weiterverkaufen können. Das ist vielen Politikern schon lange ein Dorn im Auge.

Bei Griechenland verzichten die privaten Gläubiger freiwillig auf einen Teil ihres Geldes. Dabei hat der Verband International Swaps and Derivatives Association (ISDA), der entscheidet, wann Zahlungen aus CDS-Verträgen fällig werden, schon im Juli gewarnt: Eine freiwillige Umschuldung löse kein sogenanntes Kreditereignis aus. Dies bestätigte er in der vergangenen Woche erneut. So gehen Analysten einhellig davon aus  – auch wenn die endgültige Entscheidung noch nicht gefallen ist – dass Investoren keine Ansprüche aus CDS geltend machen können.

Die Kritiker der ISDA klagen jetzt, dass der Verzicht der Griechenland-Gläubiger nur auf dem Papier freiwillig sei. Tatsächlich habe die EU den Banken die Pistole auf die Brust gesetzt. Aus diesem Grund werden wohl auch die Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch den Schuldenschnitt als Zahlungsausfall bewerten. Eine entsprechende Bestätigung dafür gibt es bereits von Fitch.

„Wenn ein CDS-Kontrakt jetzt nicht ausgelöst wird, dann ist er nichts mehr wert“, kritisiert deshalb Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. „Marktwirtschaftliche Prinzipien würden außer Kraft gesetzt“. Das könnte schädliche Nebenwirkungen für den gesamten Markt für Staatsanleihen haben, warnt Burghof: Wenn die Investoren keine Möglichkeit mehr hätten, sich gegen Zahlungsausfälle von Krisenstaaten effizient abzusichern, drohe die Bereitschaft nachzulassen, künftig überhaupt in Staatsanleihen zu investieren. Für Bert Flossbach, Vorstand der Vermögensverwaltung Flossbach & von Storch sind die „erzwungenen freiwilligen Umschuldungen eigentlich das Ende der CDS“.

Auch für Anthony Peters, Stratege von Swissinvest ist es ein Unding, dass die Besitzer von CDS-Kontrakten leer ausgehen: Das sei so, als ob eine Feuerversicherung sage: „Ja, Sie hatten in Ihrem Haus Feuer unter dem Dach, aber die Grundmauern stehen noch, deshalb bezahlen wir nichts.“

Kommentare (4)

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Thomas-Melber-Stuttgart

31.10.2011, 09:11 Uhr

Es reicht doch schon aus, wenn ein versicherter Gläubiger den Schuldenschnitt nicht mitmachen will und seinen Schaden der "Versicherung" meldet.

Mazi

31.10.2011, 09:39 Uhr

Das ist ja wohl eine Frage der Rechtssicherheit.

Sachlich ist klar, dass Griechenland nicht mehr zahlen kann und auch kein neues Geld erhält um Altschulden abzulösen.

Die Gläubiger sollen gezwungen werden auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten.

Stellen Sie sich nur einmal vor, dass die Häuslebauer zu ihrer Bank gingen, sie von der Bank freudig mit der Nachricht begrüßt würden, dass die Bank auf die Hälfte ihrer Forderung verzichtet.

Unvorstellbar, sachlich aber vergleichbar.

Dass das für die CDS massgebliche Schadensereignis nicht eingetreten sein soll erschüttert das Rechtssystem in ihren Grundfesten. Rechtssicherheit und damit die Werthaltigkeit der Verträge ist nicht mehr staatlich garantiert.

Wie groß muss die Schieflage eines "Versicherers" sein, dass sich die Politik vor diesen Karren spannen liess. Es wird sicherlich noch staatsanwaltschaftlich untersucht, wer sich hier für die Marktmanipulation, bzw. wegen Beihilfe zu verantworten hat.

Moika

31.10.2011, 10:10 Uhr

Das ist eigentlich nicht der Knackpunkt. Das Problem ist doch, daß es für einen Anleiheschein nicht nur ein CDS, sondern gleich fünf und mehr geben kann. Ein Schaden kann aber nur einmal reguliert werden.

Mit der Masse der CDS hat man aber teilweise versucht, negative Entwicklungen zu suggerieren, die so gar nicht vorhanden sind - immer getreu des Mottos: Viele Fliegen können nicht irren...

Zu oft geht es bei den CDS eben nicht um sinnvolle wirtschaftliche Handlungen, sondern um einen rein spekulativen Effekt. Und da hat nicht nur Blessing recht.

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