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27.01.2011

07:00 Uhr

Unbeauftragte Bewertungen

Ratingriese Standard & Poor's umgarnt Aufseher

VonYasmin Osman

Standard & Poor's will Bonitätsnoten künftig auch ohne Auftrag vergeben, sagt der Deutschland-Chef dem Handelsblatt. Das soll die Rosinenpickerei eindämmen – denn bisher wählten Unternehmen und Banken gerne die Anbieter, von denen sie die besten Beurteilungen erwarten konnten.

Bürogebäude von Standard & Poor's in New York: Um das "Rating-Shopping" zu vermeiden, will die Agentur in Zukunft auch ohne Auftrag Bewertungen vergeben. Quelle: dpa

Bürogebäude von Standard & Poor's in New York: Um das "Rating-Shopping" zu vermeiden, will die Agentur in Zukunft auch ohne Auftrag Bewertungen vergeben.

FRANKFURT. Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) will wichtige Ratings künftig auch ohne Auftrag vergeben. „Wir betrachten das Thema unbeauftragte Ratings anders als in der Vergangenheit“, sagte der S&P-Deutschland-Chef Torsten Hinrichs im Handelsblatt-Interview. Das liege auch daran, dass die Aufsichtsbehörden bei Ratingagenturen andere Geschäftsmodelle sehen wollten als nur das der bezahlten Auftragsratings, so Hinrichs.

Mit diesem Schritt reagiert S&P auf das Problem des Rating-Shoppings. So wird die Unsitte von Unternehmen und Banken genannt, Ratingaufträge immer nur an die Anbieter zu vergeben, die sie am besten beurteilen. Dieses Rosinenpicken hatte vor der Finanzkrise zumindest dazu beigetragen, dass viele komplexe Wertpapiere viel zu gut benotet wurden. „Es ist schon unsere Intention, Rating-Shopping ein Stück weit zu begrenzen“, sagte Hinrichs.

Aufseher suchen Mittel gegen das Rating-Shopping

Den Regulierern brennt dieses Problem weltweit unter den Nägeln. Selbst der Internationale Währungsfonds (IWF) mahnte die Aufsichtsbehörden kürzlich, sie müssten etwas gegen Rating-Shopping unternehmen. In den USA mündeten erste Maßnahmen gegen Rating-Shopper bereits in Paragrafen. Auch die Europäische Kommission sucht nach möglichen Lösungen für das Problem.

Denn das aktuelle Geschäftsmodell der Ratingagenturen lädt zum Rosinenpicken geradezu ein: Das Rating zahlen die Unternehmen, die sich beurteilen lassen wollen. Meist lassen sie sich erst von allen Agenturen vorläufige Analysen zeigen und beauftragen dann nur die Bonitätsprüfer mit den günstigsten Urteilen.

So erfahren Anleger selten, wie kritisch die negativste Bewertung einer Ratingagentur ausfiel. Der IWF schlägt vor, dass Unternehmen auch ihre vorläufigen Ratings offenlegen. Die Europäische Kommission bringt in einem Konsultationspapier explizit unbeauftragte Ratings als Mittel gegen Rating-Shopping ins Spiel. „Meinungsvielfalt und Pluralität sind für die Aufsichtsbehörden und die Finanzmärkte wichtigere Güter als früher“, resümiert Hinrichs.

Doch ein Königsweg zeichnet sich bisher noch nicht ab – ein guter Zeitpunkt also, um die offene Debatte mit eigenen Vorschlägen zu beeinflussen. „Es ist zu diesem Zeitpunkt daher sicher nicht ungeschickt, da eine Duftmarke zu setzen“, kommentiert ein Branchenkenner den S&P-Vorstoß.

Der Ratingagentur kommt dabei ein Stimmungswandel unter den Aufsehern zugute. Vor der Finanzkrise beäugten zumindest europäische Regulierer ungefragte Ratings kritisch. Sie fürchteten vor allem, Ratingagenturen könnten Unternehmen so Ratingaufträge aufdrängen. Seit der Finanzkrise hat sich die Großwetterlage verändert: Nun steht der Kampf gegen zu gute Ratings im Vordergrund.

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