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09.05.2012

12:46 Uhr

Urteil zu Dresdner Kleinwort

Commerzbank muss Bankern Millionen-Boni zahlen

VonMichael Maisch

Mehr als 50 Millionen Euro muss die Commerzbank Investmentbankern der Dresdner Kleinwort zahlen. Das hat ein Londoner Gericht entschieden. In dem Prozess hatte auch Coba-Chef Blessing ausgesagt.

Die Commerzbank muss Investmentbankern der Dresdner Kleinwort Millionen Boni auszahlen. dpa

Die Commerzbank muss Investmentbankern der Dresdner Kleinwort Millionen Boni auszahlen.

LondonDie Commerzbank muss ehemaligen Investmentbankern der Dresdner Kleinwort mehr als 50 Millionen Euro an Prämien auszahlen. Das hat ein Londoner Gericht entschieden. Die teilverstaatlichte Commerzbank hatte den Bankern des Instituts die Auszahlung verweigert. Die Commerzbank, die im Spätsommer 2008 die Dresdner Bank übernommen hatte, ist Rechtsnachfolger der inzwischen liquidierten früheren Investmentbank. Die zweitgrößte deutsche Bank behält sich Rechtsmittel vor.

In London erregt der Prozess großes Aufsehen, weil Großbritannien gerade erneut in einer hitzigen Debatte über Banker-Boni steckt. Erst im Januar hatte Premierminister David Cameron kritisiert, die Sonderzahlungen und Leistungsprämien an die Investmentbanker seien „außer Kontrolle geraten“.

Schattenbanken

Ein großes Problem der Finanzkrise

Vor fünf Jahren hat die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers die Welt in Schock versetzt. Viele Banken hatten Risiken ausgelagert - in sogenannte Schattenbanken („shadow banking“). Auch heute noch sind Geschäfte in diesem Graubereich sehr einträglich und wachsen rasant.

Was versteht man überhaupt unter Schattenbanken?

Darunter fallen Unternehmen, die ähnliche Funktionen wie Banken wahrnehmen - aber im Gegensatz zu Banken fast keiner Kontrolle unterliegen. Sie bewegen sich in einer Schattenwelt oder Grauzone, daher der Name. Dazu gehören Geldmarktfonds, börsengehandelte Indexfonds und spezielle Zweckgesellschaften. Bekanntere Beispiele sind Hedgefonds oder Private-Equity-Firmen (externe Kapitalgeber, die Unternehmen außerbörslich Eigenkapital zur Verfügung stellen).

Wie groß ist dieser Graubereich?

Gigantisch. Zwischen 2002 und 2010 haben die Schattenbanken ihren Umsatz weltweit auf 46 Billionen Euro verdoppelt - das entspricht mindestens einem Viertel des globalen Finanzmarktes. Diese Zahlen nennen die Finanzaufseher des Financial Stability Board. In den USA bewegen die „Nichtbanken“ ein größeres Kreditvolumen als herkömmliche Banken. Für Deutschland beziffert die EU-Kommission den Anteil auf fünf Prozent, in Großbritannien auf 13 Prozent.

Der Trend zeigt nach oben. Wie arbeiten diese Unternehmen?

Schattenbanken sammeln Kapital ein, sind als Kreditvermittler tätig oder sichern Kredite ab. Dabei arbeiten sie vor allem mit Fremdkapital und nutzen oft Hebelwirkungen, um eine Summe zu vervielfachen. Diese Strategie gilt als risikoreich.

Warum sind Schattenbanken so gefährlich?

Weil sie sich oft sehr kurzfristig finanzieren. Das kann zu einem Kollaps führen, wenn viele Kunden auf einmal ihr Geld abziehen wollen („Bank-Run“). Schattenbanken machen Geschäfte mit wenig Kapital, aber einem hohen Schuldenanteil, was bei einer Krise einen hohen Schaden anrichten kann. Diese Unternehmen unterliegen nicht der Einlagensicherung und haben keinen Zugriff auf Notenbankgeld. Ungeordnete Insolvenzen könnten verheerende Folgen haben, warnt die EU-Kommission: „Schattenbanken und ihre Tätigkeiten können eine Reihe von Risiken bergen.“

Und wieso wird der Graubereich größer?

Es ist eine praktische Sache: Viele Geldhäuser nutzen Schattenbanken als Handelspartner, um Risiken loszuwerden. Beispielsweise ist eine Bank verpflichtet, ihre Kreditrisiken immer mit Eigenkapital abzusichern. Lagert sie diese Risiken in eine Zweckgesellschaft aus, kann sie diese Regel umgehen - unbemerkt von den Aufsehern. In der Finanzkrise brachte diese Geschäftspolitik Banken wie die Hypo Real Estate oder die IKB ins Taumeln. Aber auch in jüngster Zeit nimmt diese Tendenz wieder zu: Je mehr die EU Banken kontrolliert, desto größer ist der Anreiz, auszuweichen. Damit wächst wiederum das Risiko einer Krise - ein Teufelskreis.

Um Punkt 10.30 Uhr begann Richter Robert Owen im Saal 15 des altehrwürdigen Royal Courts of Justice in der Londoner City mit der Verlesung des mit Spannung erwarteten Urteils. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Beklagten die strittigen Summen an die Kläger ausbezahlen müssen.“ Damit ist klar, dass die Commerzbank Boni im Wert von 52 Millionen Euro an 104 ehemalige Investmentbanker auszahlen muss.

Im Gegensatz zur Commerzbank ist Richter Owen der Meinung, dass durch das Versprechen des ehemaligen Dresdner-Kleinwort-Chefs Stefan Jentzsch und die anschließenden Bonusbriefe ein verbindlicher Vertrag zustande gekommen ist. Die Commerzbank will wenn möglich in Berufung gehen.

„Wir haben das Urteil zur Kenntnis genommen und behalten uns vor, Rechtsmittel einzulegen“, sagte ein Sprecher. Die Bank ist nach wie vor davon überzeugt, „dass es richtig war, die Boni zu reduzieren, nachdem das Investment-Banking von Dresdner Kleinwort 2008 einen Verlust von 6,8 Milliarden Euro ausgewiesen hat“.

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„Das Urteil hat nichts mit dem aktuellen Streit um Bankerboni zu tun“, meint Mark Levine von der Kanzlei Mishcon de Reya, einer der Anwälte der klagenden Banker. Die Dresdner habe die Boni versprochen, um nach den Verkauf an die Commerzbank einen gefährlichen „Massenexodus“ zu verhindern.

Kommentare (23)

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Koboldo

09.05.2012, 12:22 Uhr

Dieses Urteil ist Wirtschaftskrieg auf englisch! Wie kann man ein Unternehmen zwingen, trotz aufgelaufener Verluste, Boni zu zahlen, obwohl diese Boni an eine Bedingung geknüpft waren?
Very cool kann man dazu nur sagen! Revision zwingend!

Account gelöscht!

09.05.2012, 12:39 Uhr

Selbstverständlich muss die Commerzbank zahlen. Stellen Sie sich doch nur einmal vor: die hätten ja auch einen Verlust von 7 oder 8 oder noch mehr MRD Euro können. Das haben sie sich redlich verdient.
Mein Gott, in was für einer Welt leben wir mittlerweile.

kuac

09.05.2012, 12:41 Uhr

Kein Wunder wenn man solche Nachrichten liest, dass man politisch nach links driftet. Wer regiert die Welt? Anscheinend nicht die gewählten Politiker, sondern die Finanzbranche. Warum akzeptiert die Finanzbranche ihre Verluste nicht, wie jeder normale Mensch oder Unternehmer?

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