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18.10.2011

13:05 Uhr

US-Banken

Kann es ein zweites Lehman geben?

VonThorsten Giersch

Hollywood schickte vor kurzem seinen bislang aufwändigsten Lehman-Thriller in die deutschen Kinos. Der Film spielt mit der Angst: Könnte es ein zweites Lehman geben? Die Wahrscheinlichkeit steigt jedenfalls.

Sam Rogers (Kevin Spacey): Außen der abgezockte Banker, innen sensibel. PR

Sam Rogers (Kevin Spacey): Außen der abgezockte Banker, innen sensibel.

Zwei Top-Banker einer US-Investmentbank sitzen über den desaströsen Zahlen und fühlen, wie ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen wird. „Das ist so bizarr“, sagt der eine, „Ich glaube, ich bin in einem Traum.“

Der andere schüttelt leicht mit dem Kopf: „Mit kommt es eher so vor, als wären wir endlich aufgewacht.“

„Haben wir eine Art Notfallplan?“

„Nein, dafür gab es keine Veranlassung.“

„Womit wir uns in eine exponierte Lage gebracht haben.“

Eine Szene aus „Margin Call“, einem Film über die Pleite von Lehman Brothers, der vor kurzem in die deutschen Kinos kommt. Ein Film über die Wall Street, der Zuschauer hinter die Kulissen der Finanzbranche blicken lässt. Auge in Auge mit dem einstigen Lehman-CEO Dick Fuld.

Das ist interessant, aber nicht immer spannend. Wobei es für Hollywood bestimmt auch nicht leicht ist, die Wall Street dramatischer darzustellen als sie es in der Realität ohnehin schon ist. Und daran hat sich seit Lehman auch nichts geändert.

Jüngstes Beispiel: Ende September hat die Ratingagentur Moody’s gleich drei große US-Banken herabgestuft: die Bank of America, die Citigroup und Wells Fargo. Die Bonitätswächter befürchten, dass diese Banken im Notfall nicht noch einmal wie 2008 vom Staat gerettet werden. Das würde in letzter Konsequenz bedeuten: Ein zweites Lehman wäre vielleicht möglich.

Die Köpfe der Finanzkrise

Das Lehman-Desaster

Im Bankgeschäft geht es um mehr als Bilanzen und Zahlen. Beziehungen spielen an der Wall Street eine große Rolle. Das gilt nicht nur für das Verhältnis der Manager untereinander, sondern auch zur Politik. Die wichtigsten Spieler der Lehman-Pleite im Überblick.

Richard „Dick“ Fuld

Fuld war der mit Abstand dienstälteste CEO einer Großbank. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, führte er Lehman Brothers in den Abgrund. Er führte die Investmentbankvon 1994 bis zum 15. September 2008. Sein Spitzname lautet „Gorilla“. Er hatte sogar einen Plüsch-Affen in seinem Büro stehen.

Henry „Hank“ Paulson

Paulson war zur Zeit der Lehman-Pleite Finanzminister der USA. Ihn verband mit Fuld eine innige Feindschaft. Zuvor war Paulson unter anderem Chef des großem Lehman-Konkurrenten Goldman Sachs.

Timothy Geithner

Als Lehman Insolvenz anmelden musste, war Geithner Präsident der New Yorker Fed, hatte also auch schon damals eine wichtige Position. Legendär sind die Berichte, dass Geithner an dem entscheidenden Wochenende stundenlang nicht zu erreichen war. Heute ist er Finanzminister der USA.

Lloyd Blankfein

Er hat auch die Finanzkrise überlebt. Seit 2004 ist Blankfein Chef von Goldman Sachs und hat dafür gesorgt, dass die Investmentbank auch in schlimmsten Zeiten vergleichsweise gute Zahlen vorweisen konnte. Unvergessen sein Zitat aus dem Jahr 2009, dass er „Gottes Arbeit“ verrichte.

James Dimon

Auch „Jamie“ Dimon ist immer noch in Amt und würden. Der Chef von JP Morgan Chase darf sich noch mehr als Lloyd Blankfein als Krisengewinnler bezeichnen, denn sein Haus liefert üppige Gewinne. Dimon ist nicht nur CEO, sondern auch Chairman von JP Morgan.

John Thain

Der Mann mit dem superteuren Büro: Thain war von Dezember 2007 bis Januar 2009 CEO der Investmentbank Merill Lynch. Nach seinem Rücktritt sorgte er mit einer hohen Abfindung für Aufsehen. Er ließ sich mitten in der Finanzkrise für sehr viel Geld sein Büro ausstatten. Vorher war Thain Chef der Nyse und Präsident von Goldman Sachs.

Jimmy Cayne

Auch Jimmy Cayne ist eine Legende der Finanzkrise: Er kam 1969 zu Bear Stearns und wurde 1993 CEO. Zudem war Cayne Großaktionär der Bank und ein professioneller Bridge-Spieler. Das wurde ihm 2007 zum Verhängnis, als er sich während der Hedgefonds-Krise tagelang bei einem Bridge-Turnier aufhielt. Im Dezember 2007 erlitt die Firma den ersten Quartalsverlust ihrer Geschichte und wurde später von JP Morgan Chase aufgekauft. Im Januar 2008 musste Cayne zurücktreten und das Amt des CEO Alan D. Schwartz überlassen.

Charles “Chuck” Prince

Charles Prince war eines der ersten Opfer der Finanzkrise. Er musste seinen Posten als Chef der Citigroup bereits im November 2007 aufgeben. Prince hatte das Amt seiner Zeit vom Großen Sandy Weill übernommen.

Vikram Pandit

Gerade zu Beginn der Finanzkrise wurde Vikram Pandit CEO der Citigroup. Der gebürtige Inder leitet seit November 2007 die Geschicke der Bank und hat sie wieder in einigermaßen ruhiges Fahrwasser geführt.

Ken Lewis

Lewis war während der Finanzkrise Chef der Bank of America und musste 2010 zurücktreten. Für ihn rückte Brian Moynihan an die Spitze des gemessen am Vermögen größten Geldhauses der USA. Probleme hat ihm Lewis genug hinterlassen. Keine andere Bank gilt als so insolvenzgefährdet wie die Bofa.

Maurice Greenberg

2005 trat Greenberg als CEO des Versicherers AIG zurück, behielt die Fäden aber auch in Zeiten der Finanzkrise in der Hand.

Das sehen die beiden anderen Ratingagenturen, Standard & Poor’s und Fitch, nicht so. Auch Analysten und Investoren sind zum Großteil anderer Meinung als Moody's. Für sie gibt es genug Gründe dafür, warum es kein zweites Lehman Brothers geben wird. Die Investmentbank musste im September 2008 Insolvenz anmelden. Damals hatte die US-Regierung um Präsident Georg W. Bush und Finanzminister Henry Paulson entschieden, Lehman nicht zu retten. Die Folge waren Schockwellen an den Märkten, die auch andere Institute zu Fall brachten. Am Ende mussten die USA nicht nur eine, sondern mehrere Banken und vor allem den Versicherer AIG mit Milliardensummenstützen.

Kommentare (11)

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Account gelöscht!

29.09.2011, 10:35 Uhr

Lehman ist allgegenwärtig – nicht erst seit heute, sondern schon seit 3 Jahren. Die Ursache der größten Krise der Neuzeit, entstanden durch Leben auf Pump, wurde überhaupt nicht bekämpft, bzw. jetzt erst im Ansatz in Europa, sondern mit immer noch mehr Krediten vergrößert und lediglich hinausgeschoben.
Lehman ist heute nicht mehr nur eine Großbank, Lehmann sind heute ganze Staaten, die am Abgrund stehen, wegen der gigantischen Verschuldung, die nicht den geringsten Spielraum für einen halbwegs vernünftigen Staatshaushalt zulässt. Die guten Ansätze in Europa macht man schon wieder zunichte, indem man die überschuldeten Staaten mit weiteren Krediten versorgt, damit die Bürger die erforderlichen Einschnitte für eine finanzielle Genesung nicht erleiden müssen. Wie töricht!!
In den letzten 3 Jahren haben die Staaten weltweit ca.32,5 Bio. $ aufgewendet, natürlich alles auf Pump, um die Bankster zu retten, und um einen selbsttragenden Aufschwung zu erreichen. Jetzt sind die Retter zu Lehman geworden. Wegrechende Steuereinnahmen und explodierende Ausgaben für Soziales und Kapitaldienst ersticken jeglichen Ansatz auf eine wirtschaftliche Erholung bereits im Ansatz.
Rezession, dann Depression in Verbindung mit einer Hyperinflation, eine ganz neue Herausforderung, die die große Depression von 1929 bei Weitem in den Schatten stellen wird.
Außer, es gibt einen Reset im Finanzsystem und eine Trennung von Geschäfts- und Zockerbanken. Das wäre die Grundvoraussetzung für das Abwenden des Armageddon in den westlichen Industriestaaten.

Account gelöscht!

29.09.2011, 10:43 Uhr

.
Seit gut 1 bis 2 jahren ist nirgendwo mehr die Floskel,
-win win Situation-
zu lesen oder zu hören.

Also für geistigen Past copy Leser schreiber, hier eine Floskel von mir,

-Lost, Lost Situation-

Das genialere bei dieser Floskel, es betrifft auch alle nicht Beteiligten. Mal schauen wo ich das zuerst zu lesen oder zu hören bekommen.
.

Account gelöscht!

29.09.2011, 10:52 Uhr

Es ist nicht anders als früher: 1637, 1797, 1819, 1837, 1857, 1884, 1901, 1907, 1929, 1937, 1974, 1987. Alles wiederholt sich, immer wieder und wieder.

Die derzeitige Krise, das sind eigentlich alle vorherigen addiert. Das wäre die richtige Einschätzung der größten Krise der Neuzeit, von der wir gerade mal 5% sehen.

Warum redet davon niemand, weshalb wird alles totgeschwiegen?
Im Quartalsbericht der BIZ vom Juni 2008 geht hervor, dass die Bankster weltweit auf ca.600 Billionen Dollar absolut wertloser Papierschnipsel sitzen, aus den Bilanzen ausgelagert, um sie vor dem sofortigem Kollaps zu bewahren. http://www.bis.org/press/p080609_de.pdf

18,2 Billionen Euro faule Werte vergiften europäische Banken.
http://diepresse.com/home/wirtschaft/boerse/453406/182-Billionen-Euro-faule-Werte-vergiften-europaeische-Banken?from=gl.home_Wirtschaft

Die passende Überschrift dazu wäre z.B. „Lehman schon seit 3 Jahren in den westlichen Industriestaaten“

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