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17.01.2007

20:21 Uhr

US-Finanzinvestor Cerberus kauft Bawag

Das Schweigen des Höllenhundes

VonOliver Stock

Vor einem Monat kaufte der US-Finanzinvestor Cerberus die österreichische Bawag. Dass der Name Bawag klangvoll sei, kann sein Chef John Snow nicht im Ernst gemeint haben. Die viertgrößte Bank des Landes war nach Bekanntwerden von Milliardenverlusten haarscharf an der Pleite vorbeigeschrammt. Nun herrscht Rätselraten über die sonderbaren Beteiligungen der österreichischen Bawag.

Der Chef des Finanzinvestors Cerberus, John Snow, gibt den stillen Genießer. Er freut sich öffentlich über die Neuerwerbung Bawag, hält sich aber bedeckt, was deren Zukunft angeht. Foto: dpa Quelle: dpa

Der Chef des Finanzinvestors Cerberus, John Snow, gibt den stillen Genießer. Er freut sich öffentlich über die Neuerwerbung Bawag, hält sich aber bedeckt, was deren Zukunft angeht. Foto: dpa

WIEN. Der Mann gerät ins Schwärmen: Einen „klangvollen Namen“ habe er sich da zugelegt, sagt er und meint die österreichische Bawag. Dann streicht sich John Snow, Chef des US-Finanzinvestors Cerberus, den die mythologisch bewanderten Wiener nur den „Höllenhund“ nennen, mit der Hand übers spärliche Haar. Am Gelenk blinkt noch kurz ein Kupferarmband auf, wie es die Indianer getragen haben. Und schon entschwindet Snow aus der Sichtweite der Kameras ins weltweite Cerberus-Reich. Vielleicht nach Japan, wo sich der Finanzinvestor ebenfalls eine Bank zugelegt hat. Oder zurück in die USA, wo Snow einst Finanzminister war und wo Cerberus als eine der ersten Taten unter seiner Führung gerade die Autobank von General Motors gekauft hat.

Snows Auftritt vergangene Woche in Wien und seine wenigen Worte geben der Finanzgemeinde seither zu denken. Ein Höllenhund als Sphinx. Wie lässt sich das Rätsel lösen? Dass der Name Bawag klangvoll sei, kann Snow nicht im Ernst gemeint haben. Die mit 1,4 Millionen Privatkunden viertgrößte Bank des Landes war nach Bekanntwerden von Milliardenverlusten haarscharf an der Pleite vorbeigeschrammt und hatte dabei ihren Besitzer, den österreichischen Gewerkschaftsbund arg in Mitleidenschaft gezogen. Vor einem Monat schließlich verkaufte die Gewerkschaft die Problembank für 3,2 Milliarden Euro an den US-Finanzinvestor.

Oder sollte Snow mit „klangvoll“ etwa auf eine der schönsten Beteiligungen der Bawag eingegangen sein? Der Bank gehört seit 2002 der in den roten Zahlen wirtschaftende Klavierbauer Bösendorfer. Das 1828 gegründete Unternehmen war bereits 1966 einmal in amerikanische Hände gefallen. Der damalige Investor Arnold Habig, Präsident von Kimball International mit Sitz in Indiana, hatte sich beeilt, den Österreichern zu erklären, dass seine Ururgroßeltern einst von Wien nach Indiana ausgewandert seien und Bösendorfer somit praktisch in österreichischem Besitz bleibe. 35 Jahre später wollten die Amerikaner von ihrer Österreich-Verwandtschaft dann nichts mehr wissen. In einer, wie es damals hieß, „politisch-patriotischen Kraftanstrengung“ wurde die Bawag und damit wieder echte Wiener Besitzer von Bösendorfer. Das hob die Stimmung, die Finanzlage allerdings nicht. Um Verluste auszugleichen und nicht zu verstummen, brauchen die verstimmten Klavierbauer jetzt möglicherweise erneut eine Finanzspritze von 1,5 Millionen Euro von ihren Eigentümern.

Snow, der eher in Milliarden als Millionen denkt, belastet das nicht sonderlich, weswegen er bei seinem Trip nach Wien nicht vergisst, wie einst Habig verwandtschaftliche Andeutungen über seine Beziehungen zu den Klavierbauern zu machen. Er teilt mit, dass seine Frau Klavier spiele. „Vermutlich bald auf einem Bösendorfer.“ So etwas fällt, das weiß Snow genau, bei den Wienern auf fruchtbaren Boden. Er selbst spiele übrigens lieber Golf, fügt er hinzu, was die Wiener schon weniger interessiert. Zu den anderen Beteiligungen kommt kein Ton von Snow. Bevor die Wettbewerbshüter den Bawag-Kauf nicht abgenickt haben, womit für April gerechnet wird, schweigt der Cerberus-Boss wie ein Grab.

Dabei gäbe es eine Menge zu erzählen. Etwa über die zweitschönste Beteiligung der Bawag: die am Schuhproduzenten Stiefelkönig. Sie stammt aus einem „Kreditengagement“, wie es zurückhaltend heißt und womit umschrieben wird, dass es Stiefelkönig wohl nicht mehr geben würde, wenn die Bawag nicht vor drei Jahren ihre Kredite an dem Schuhproduzenten in Eigenkapital umgewandelt hätte und damit zum Besitzer wurde. Weil Snow lieber Slipper trägt und keine Auskunft über die Vorlieben seiner Frau gibt, und weil der Schuhhersteller den angepeilten Turnaround im vergangenen Jahr wohl doch verpasst hat, rechnet Stiefelkönig-Chef Toni Kampelmühler jetzt damit, bald einen neuen Eigentümer präsentiert zu bekommen. Stiefelkönig ist die Nummer zwei im österreichischen Schuhmarkt, die Österreich-Tochter des deutschen Schuhfabrikanten Deichmann die Nummer drei. Hat Deichmann vielleicht Interesse? Ein Sprecher der deutschen Unternehmensgruppe winkt ab. „Kein Thema“, sagt er.

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