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08.12.2011

14:20 Uhr

Vereitelter Anschlag

Brief an Ackermann war eine „funktionsfähige Bombe“

Der Chef der Deutschen Bank ist einem Anschlag entgangen: Die Polizei hat bestätigt, dass die abgefangene Briefbombe funktionsfähig war. Der Vorfall sorgt für Empörung in Berlin - und schlägt sogar Wellen bis in die USA.

Ackermann-Anschlag

"Banker leben heute gefährlicher"

Ackermann-Anschlag: "Banker leben heute gefährlicher"

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FrankfurtDie Anzeichen für einen geplanten Briefbombenanschlag auf Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann verdichten sich: Der Brief an den ihn war nach Angaben des hessischen Landeskriminalamtes eine funktionsfähige Briefbombe. Das teilte die Behörde am Donnerstag mit.

In der am Vortag abgefangenen verdächtigen Briefsendung an Ackermann sei Pulver gefunden worden, das vermutlich entzündlich sei und in die Luft gehen könne. Es deute nichts auf einen „gewerblichen oder militärischen Sprengstoff hin“, sondern auf „Eigenbau“, etwa aus Feuerwerkskörpern, hieß es noch am Vormittag.

Der verdächtige DIN-A5-Umschlag war am Mittwochnachmittag bei der Deutschen Bank eingegangen und aufgefallen. Die Polizei nahm daraufhin die Ermittlungen auf. Nach Angaben der Frankfurter Polizei untersucht das Landeskriminalamt in Wiesbaden den Umschlag. Keine Stellungnahme gab es bislang dazu, wer hinter der Sendung stehen könnte. Bankenkreisen zufolge verstärkte die Deutsche Bank weltweit ihre Vorkehrungen. Demnach wird mehr Sicherheitspersonal eingesetzt.

Gefährliche Post - Anschläge mit Briefbomben

März 2011

Bei Briefbombenanschlägen auf Soldaten im italienischen Livorno und eine Pro-Atom-Organisation im Schweizer Kanton Solothurn werden drei Menschen verletzt. Eine weitere Briefbombe aus Italien geht im griechischen Hochsicherheitsgefängnis Korydallos bei Athen ein, wird aber entschärft. Italienische Anarchisten bekennen sich zu dem Anschlag auf das Gefängnis, auch die Tat in Livorno wird ihnen zugeschrieben.

Dezember 2010

In Rom lösen Paketbombenanschläge auf die Botschaften der Schweiz und Chiles Terroralarm aus. Zwei Menschen werden schwer verletzt. Zu den Taten bekennt sich wiederum eine italienische Anarchistengruppe. Wenige Tage später wird auch vor der griechischen Botschaft in Rom eine Paketbombe gefunden, die aber entschärft werden kann.

November 2010

Eine Serie von Briefbomben an Politiker in mehreren europäischen Ländern sorgt für Aufregung. Eine Sendung landet im Berliner Kanzleramt. Das an Angela Merkel adressierte Paket kann aber entschärft werden. Pakete mit Brandsätzen gehen auch an verschiedene Botschaften in Athen, darunter an die Vertretungen Deutschlands und der Schweiz. Griechische Linksextremisten bekennen sich zu der Serie.

Februar 2008

Bei der Explosion einer Paketbombe in München wird ein Mann schwer verletzt. Das Paket war an einen Autohändler adressiert. Die Hintergründe der Tat bleiben mysteriös.

Januar & Februar 2007

Ein Mann aus Cambridge verschickt sieben mit Nägeln und Glassplittern gefüllte Briefbomben an Verkehrsbehörden in England und Wales. Acht Menschen werden verletzt. Der Mann wollte nach eigenen Angaben gegen den „Überwachungsstaat“ protestieren.

Februar 2000

Der zu lebenslanger Haft verurteilte österreichische Bombenleger Franz Fuchs verübt im Gefängnis Selbstmord. Er hatte aus Fremdenhass von 1993 bis 1996 mit Rohr- und Briefbomben vier Menschen getötet und rund ein Dutzend verletzt. Prominentestes Opfer war Wiens damaliger Bürgermeister Helmut Zilk, dem eine Briefbombe eine Hand zerfetzte.

Mai 1998

Der als „Unabomber“ in den USA bekannte Paketbomben- Attentäter Theodore Kaczynski bekennt sich vor Gericht schuldig und erhält im Gegenzug lebenslange Haft statt der Todesstrafe. Er hatte über einen Zeitraum von 17 Jahren drei Menschen durch Bombenanschläge getötet und über 20 verletzt. Das Kürzel „Una“ steht für Universities und Airlines, wo die ersten Opfer beschäftigt waren.

Der Vize-Vorsitzende der FDP-Fraktion im Bundestag, Volker Wissing, sieht einen Zusammenhang zwischen den Anti-Banken-Protesten und dem versuchten Anschlag. „Für das Attentat tragen auch diejenigen Verantwortung, die Herrn Ackermann nicht fachlich, sondern menschlich-persönlich kritisiert haben“, sagte Wissing Handelsblatt Online. Ackermann werde in Deutschland nicht als Verantwortlicher eines Unternehmens, sondern als Symbolfigur einer Branche und all ihrer negativen Auswüchse gesehen. „Das Attentat auf Herrn Ackermann ist ein deutliches Warnsignal an alle, dass eine Versachlichung der Diskussion über die Banken und Finanzmärkte dringend geboten ist“, sagte Wissing.

Nach Ansicht des Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, muss der Anschlagsversuch „sehr ernst“ genommen werden. „Der Vorfall zeigt in erschreckender Deutlichkeit, wie wichtig politische Entscheidungen sind, die Finanzkrise zu beenden und wieder gesellschaftliche Beruhigung eintreten zu lassen“, sagte Wendt Handelsblatt Online. Es seien gerade ungewisse Zeiten und Abläufe, die bei manchen Menschen „völlig irrationale Ängste und Wutgefühle“ entstehen ließen. Die Ungewissheit darüber, ob es auch bei uns in Deutschland  zu einem Verlust an Wohlstand und sozialer Sicherheit kommen könnte, richte sich dann recht undifferenziert auf die Banken. „Das ist eine nicht ungefährliche Entwicklung“, warnte der Polizeigewerkschafter.

Ob jetzt gezielte Schutzmaßnahmen notwendig seien, müsse aus den Ermittlungen abgeleitet werden, sagte Wendt weiter. „Bislang scheint das eher nicht erforderlich zu sein, denn die vorhandenen Sicherheitssysteme haben funktioniert.“ Es wäre aber „völlig falsch, die ohnehin vorhandenen Ängste in der Bevölkerung noch durch Spekulationen anzuheizen, jetzt ist höchste Zeit für kluge Politik und die Wiederherstellung des Ansehens unserer Finanzinstitute“. Dazu müssten diese selbst aber auch „erkennbare Beiträge“ leisten.

Bankmitarbeiter zeigten sich empört über den Anschlagsversuch. „Es gibt immer wieder Leute, die denken, das wäre eine Lösung“, sagte Stefan Popp, als er am Morgen zur Arbeit kam. Als Mitarbeiter fühle er sich aber nicht bedroht. Bankenkreisen zufolge verstärkte die Deutsche Bank weltweit ihre Vorkehrungen. Demnach wird mehr Sicherheitspersonal eingesetzt. Die Commerzbank wollte sich nicht dazu äußern, ob sie nach dem Vorfall weitere Maßnahmen ergreifen will. „Bitte verstehen Sie, dass wir uns zu Sicherheitsfragen grundsätzlich nicht äußern“, sagte ein Sprecher der Bank.

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