Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.03.2006

07:31 Uhr

Vorwurf der Preisabsprachen

EU attackiert Deutsche Börse

VonMichael Scheerer und Rolf Benders

Die Europäische Kommission vermutet Preisabsprachen unter den Börsen und dadurch überhöhte Gebühren. Sie fordert deshalb mehr Wettbewerb. Im schlimmsten Fall könnte das die Zerschlagung der Deutschen Börse AG bedeuten.

Die EU hat sich mit der Deutschen Börse angelegt. Es kracht. Illustration: Siegmar Münk

Die EU hat sich mit der Deutschen Börse angelegt. Es kracht. Illustration: Siegmar Münk

BRÜSSEL/FRANKFURT. EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy und EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes forderten die europäischen Börsenbetreiber gestern ultimativ auf, bis zum Sommer die Gebühren für grenzüberschreitende Transaktionen zu senken und mehr Wettbewerb bei der Abwicklung und Abrechnung des Wertpapierhandels (Clearing und Settlement) einzuführen. Ansonsten drohe eine Zwangsöffnung der Märkte für Wettbewerber. Auch Preisvorgaben durch Brüssel seien möglich, hieß es.

Die EU-Kommission hat den Verdacht, dass die Börsen ihre monopolähnliche Stellung missbrauchen, um bei Clearing und Settlement hohe Gebühren durchzusetzen. „Preisabsprachen sind nicht auszuschließen“, sagte ein Sprecher von EU-Wettbewerbskommissarin Kroes. Nach Angaben der Kommission liegen die Preise für grenzüberschreitende Transaktionen derzeit sechsmal so hoch wie beim inländischen Aktienhandel.

Der Vorstoß richtet sich vor allem gegen die so genannte Silo-Struktur einiger europäischer Aktienmarktplätze. Darunter versteht man Börsen, die alle Dienste rund um den Aktienhandel aus einer Hand anbieten. Betroffen ist vor allem die Frankfurter Börse mit ihrer Abwicklungstochter Clearstream und Eurex Clearing, aber auch die Börsen in Mailand und Madrid.

Die Brüsseler Pläne haben im Extremfall die gesetzliche Aufspaltung der Frankfurter Börse zur Folge. Für die Deutsche Börse könnte das bedeuten, dass sie bis zu einem Drittel ihrer Gewinne verlieren könnte. Die Dienstleistungen Abrechnung, Abwicklung und Wertpapierverwahrung sind bei der Deutschen Börse im Segment Clearstream gebündelt. Der Bereich hat 2005 rund 233 Mill. Euro oder 33 Prozent zum operativen Gewinn von 710 Mill. Euro beigetragen.

Brüsseler Finanzexperten warnen davor, die Börse zu einer Abgabe der Wertpapierabwicklung zu zwingen. „Ohne die Integration von Clearstream droht ein massiver Einbruch der Profitabilität“, so der FDP-Europaabgeordnete Wolf Klinz. Es sei „eigenartig“, so Klinz, dass die EU-Kommission derart hart reagiere. Die Behörde mache sich damit „zum Fürsprecher jener Kräfte, die den Marktwert der Deutschen Börse drücken wollen“.

Der aktuelle Vorstoß der Kommission geht zurück auf massive Beschwerden vor allem britischer, französischer und italienischer Bank- und Investmenthäuser. Sie kritisieren seit langem bereits das Preisgebaren an den Börsenplätzen mit integrierter Infrastruktur und fordern ein Aufbrechen der Silo-Struktur. Die Banken erhoffen sich vom Eingreifen der EU Preisvorteile im internationalen Aktienhandel und den Ausbau des eigenen Abwicklungsgeschäftes. Die Branche verweist auf das Vorbild USA, wo ein einziger landesweiter Abwicklungsanbieter existiert. In den USA betragen die Abwicklungskosten nur einen Bruchteil der europäischen Gebühren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×