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31.01.2010

11:31 Uhr

Herr Kostin, hat Russland das Schlimmste der Krise überstanden?

Kostin: Ja. Die Wirtschaft soll nach einer Prognose der Notenbank in diesem Jahr um bis zu sechs Prozent wachsen. Auch das Haushaltsdefizit ist 2009 mit sechs Prozent niedriger ausgefallen als erwartet.

Spüren Sie die Erholung auch in ihrem Kreditbuch?

Kostin: Nein. Die Kreditausfälle werden in den ersten sechs Monaten des Jahres noch zunehmen. Aber wir erwarten keine unangenehmen Überraschungen und werden unsere Rückstellungen vermutlich von 6,4 auf rund zehn Prozent erhöhen.

Wird es in Russland also kein Bankensterben geben?

Kostin: Nein, nicht wirklich. Viele haben erwartet, dass Russland durch die Krise ein Drittel seiner Banken verlieren würde. Das ist nicht passiert, weil russische Banken sich auf das Kreditgeschäft konzentriert und nicht spekuliert haben. Nur etwa vier Prozent mussten aufgeben, auch weil der Staat seine schützende Hand über den Bankensektor gehalten hat. Es gibt also immer noch zu viele Kredithäuser in Russland.

Braucht auch VTB mehr Kapital vom Staat?

Kostin: Wir haben nicht vor, mehr Geld vom Staat zu nehmen. Falls wir in drei oder vier Jahren mehr Kapital benötigen, werden wir uns das am Markt besorgen. Vielleicht können wir mit Zustimmung der Regierung den Staatsanteil von rund 85 Prozent wieder reduzieren.

Aber braucht Russland nicht mehr Privatbanken, wenn der Wandel zu einer Marktwirtschaft gelingen soll?

Kostin: Das ist richtig. Aber ausländische Banken können jede russische Bank kaufen. Es gibt bei uns keine Kapitalkontrollen wie in anderen Schwellenländern.

Ist der Finanzkapitalismus nach der Krise immer noch das Vorbild für Russland?

Kostin: Unsere Banken sind von Natur aus sehr verschieden von westlichen Instituten. Nur die VTB hat eine Investmentbank. Der Rest betreibt das nur Firmenkunden- und Retailbanking. Die jüngsten ObamaVorschläge haben deshalb keine Auswirkungen auf den russischen Bankensektor.

Aber wenn VTB jetzt mit internatio-nalen Großbanken wie Citigroup konkurrieren will, müssen Sie Ihr Geschäftsmodell doch auch über-denken?

Kostin: Wir arbeiten hauptsächlich für unsere Kunden, die Risiken aus dem Eigenhandel mit Anleihen sind sehr begrenzt. Wenn sich die Standards für internationale Investmentbanken ändern, müssen auch wir uns anpassen. So zahlen wir für unsere Tochter in London bereits die Bonussteuer. Außerdem werden in diesem Jahr eine Brokeragefirma in den USA eröffnen.

Auch Russland leidet darunter, dass ausländische Spekulanten ihr Geld mit "Carry trades" ins Land bringen. Warum begrenzt man den Kapitalzufluss nicht wie in Brasilien?

Kostin: Ministerpräsident Putin hat entschieden, dass wir die Kontrollen nicht wieder aufbauen können, nachdem wir sie gerade abgeschafft haben. Das würde das Vertrauen der Investoren zerstören.

Sie sehen also keine Blasenbildung in Russland wie in China?

Kostin: Nein. Der Aktienmarkt ist zwar kräftig gestiegen, viele Werte haben aber das Niveau vor der Krise noch nicht wieder erreicht. Es gibt also immer noch viele Firmen in Russland, die unterbewertet sind. Experten gehen davon aus, dass die Börse in diesem Jahr um rund 30 Prozent zulegen könnte.

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