Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.05.2016

19:15 Uhr

Wall Street

Warum US-Banker nicht in den Knast gehen

VonFrank Wiebe

Eine neue Untersuchung zeigt, dass Banker fast immer der Strafverfolgung entgehen. In den USA sorgt das für Ärger in der Bevölkerung – und ist ein Thema im Wahlkampf.

„Die Schmutzigen sitzen an der Wall Street“ – Demonstranten der „Occupy Wall Street“-Bewegung hatten diesen Satz 2012 in New York auf Bürgersteige geschrieben. AFP; Files; Francois Guillot

Protestspruch in New York

„Die Schmutzigen sitzen an der Wall Street“ – Demonstranten der „Occupy Wall Street“-Bewegung hatten diesen Satz 2012 in New York auf Bürgersteige geschrieben.

New YorkIn den USA ist der Hass auf Banker groß. Eine ganze Generation von Studenten ist nach der Finanzkrise 2008 auf einem Berg von Studiendarlehen sitzen geblieben und hat zunächst kaum vernünftige Jobs gefunden. Diese jungen Leute stehen zum Teil bei den Geldhäusern in der Kreide, denen sie die miserable Jobsituation nach der Krise anlasten.

Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders orientiert sich mit seinen Attacken auf Goldman Sachs und andere US-Banken an der Bewegung „Occupy Wall Street“, die eine Weile der Finanzwelt New Yorks auf den Leib gerückt ist. Denn in weiten Teilen Amerikas vermissen die Bürger bei der Aufarbeitung der Finanzkrise und der zahlreichen Skandale danach vor allem eines: Bilder von Bankern, die in Handschellen abgeführt werden und in den Knast gehen.

Der Durst nach Gerechtigkeit wird nicht gestillt. Das „Wall Street Journal“ hat nachgerechnet. In 156 Verfahren, die das US-Justizministerium, die Wertpapier- oder die Derivateaufsicht gegen die zehn größten Banken eingeleitet haben, wurden bei 81 Prozent der Fälle gar keine einzelnen Banker zur Verantwortung gezogen. Nur 47 Banker mussten sich persönlich den Behörden stellen. Nur ein einziger Top-Manager war dabei, Garry Crittenden, ein früherer Finanzvorstand der Citigroup, der aber mit einer Geldbuße davonkam.

Die 10 zynischen Gebote für das Investmentbanking

Regel 1

Wir ziehen uns konservativ an. Keine Socken zu tragen ist verboten, sie zu tragen, ist angeraten.

Regel 2

Wem es zu stressig wird, soll besser nicht bleiben.

Regel 3

Du musst der letzte am Schreibtisch sein, egal wie spät es ist. Und früher da zu sein, als die anderen, wäre sogar noch besser.

Regel 4

Wendet euch nur an einen bestimmten Kontakt mit Fragen. Wer mich fragt – das fällt negativ auf.

Regel 5

Zieht niemals das Sakko/die Jacke aus. Wir sind hier im Investmentbanking.

Regel 6

Bringt euren Mentoren Frühstück mit.

Regel 7

Bringt ein Kissen mit ins Büro. Das macht die Übernachtung im Büro einfacher.

Regel 8

Versorgt das Team mit Snacks.

Regel 9

Habt eine Reserve-Krawatte oder einen -Schal dabei - vielleicht braucht euer Betreuer einmal eine Serviette.

Regel 10

Ein Zettel hängt aus, auf dem ihr eintragt, wann und warum ihr euren Schrebtisch für wie lange verlasst. Das ist wichtig gegen Ende des Praktikums.

Quelle

Quelle: E-Mail eines Barclays-Analysten in den USA an neue Praktikanten im Frühjahr 2015.

Die meisten Banker bekannten sich schuldig und zahlten eine Strafe von im Mittel 61.000 Dollar. Elf von ihnen stellten sich einem längeren Prozess. Aber nur fünf davon wurden tatsächlich verurteilt. Ein Händler bei UBS wurde für 27 Monate ins Gefängnis geschickt und gilt damit als Ausnahmefall einer harten Bestrafung.

Die Gründe für die seltenen Verurteilungen sind seit langem bekannt, aber unbefriedigend. Häufig ist schwierig, die Verantwortung für Fehlverhalten einer Bank eindeutig einem einzelnen Mitarbeiter zuzuordnen. Im Zusammenhang mit der Finanzkrise verlaufen auch die Grenzen zwischen Fehleinschätzung, mangelnder Sorgfalt und kriminellem Verhalten fließend. Das Strafrecht, mit dem allein Gefängnisstrafen zu erreichen sind, stellt zudem hohe Anforderungen an eine Verurteilung, es muss eine tatsächlich kriminelle Absicht nachgewiesen werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×