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19.01.2005

10:39 Uhr

Wie ein „Mädchen für alles“ im Ersten Weltkrieg das Überleben der Stuttgarter Privatbank sicherte

Das Fräulein-Wunder von Ellwanger & Geiger

VonPeter Köhler

Im Februar 1912, inmitten eines gesunden Konjunkturaufschwungs, eröffnen die Notariatspraktikanten Wilhelm Ellwanger und Eugen Geiger ein Geschäft zur „Vermittlung von Hypotheken und Geldangelegenheiten“. Die Neugründung unter dem Namen Ellwanger & Geiger in der Hirschstraße im Zentrum Alt-Stuttgarts floriert, die durch Hypotheken abgesicherte Darlehensgewährung fällt im Schwabenland auf fruchtbaren Boden.

STUTTGART. Es ist eine entspannte und ertragreiche Zeit; Geldgeschäfte betreiben die Herren Ellwanger und Geiger „ganz privat und sehr persönlich“, gerne auch in den benachbarten Weinstuben „Bay“ oder „Engele Buck“. Nur zwei Jahre später droht der Erfolgsstory unvermittelt das frühe Ende. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 und der Generalmobilmachung im ganzen Land muss Herr Geiger als Reserveoffizier sofort einrücken. Sein Weggefährte Ellwanger wird zunächst als siebter Sohn seiner Familie freigestellt. Doch 1916 folgt der zweite Schock, auch Ellwanger muss in die Schützengräben an der Westfront, die nur 300 Kilometer Luftlinie von Stuttgart entfernt ist. Normalerweise wäre die Bank damit führungslos untergegangen.

Jetzt aber schlägt die Stunde von „Fräulein Emma Kayser.“ Die als „weibliche Arbeitskraft“ geführte Dame – heute wäre die Bezeichnung Sekretärin vielleicht treffend – war die einzige Angestellte neben den beiden Inhabern. Sie will nicht mitansehen, wie das Bankhaus verloren geht und koordiniert die Rettung. Das „Mädchen für alles“ wird über Nacht zur Krisenmanagerin. Mit einem ausgeklügelten Korrespondenzsystem hält sie Kontakt zu den Chefs an der Front. In unzähligen Feldpostbriefen werden Verträge versandt, Geschäftsbriefe verfasst und unterschriftsreife Dokumente auf den Weg in Richtung Verdun gebracht. Werden beide Unterschriften benötigt, sorgt sie für die Weiterleitung von einem zum anderen Frontabschnitt. Man kommt, so gut es eben ging, über die Runden, und wie durch ein Wunder kehren beide Inhaber Ende 1918 beziehungsweise im Februar 1919 unversehrt „aus dem Feld“ zurück.

Wenn Mario Caroli, einer von zwei persönlich haftenden Gesellschaftern, heute zurückblickt, hält er die Tugenden von „Fräulein Kayser“ immer noch für zeitgemäß. „Sie war ausdauernd, loyal und verlässlich. Diese Eigenschaften schätzen wir nach wie vor.“ Caroli bedauert, dass das Andenken an die tapfere Angestellte an der Heimatfront nur durch mündliche Überlieferung aufrechterhalten wird. „Leider sind alle Unterlagen im Zweiten Weltkrieg verbrannt.“ Kein Bild, kein Lebenslauf, keine Beschreibung – das Fräulein existiert nur im Gedächtnis. Allerdings will Caroli der Sache noch einmal auf den Grund gehen. Für ein geplantes Buch zum Bankhaus werde man in einem neuen Anlauf „tief in die Archive“ blicken.

So eng wie im Ersten Weltkrieg wird es für das Bankhaus nie mehr werden. Die Hyperinflation 1923 überlebt Ellwanger & Geiger ebenso wie den Bombenhagel im Juli 1944 und die Plünderung der Tresore durch die Besatzungstruppen Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch das zyklische Auf und Ab der Immobilienmärkte meistert die Bank, „da wir härter am einzelnen Objekt arbeiten und ganz genau hinsehen“, sagt Caroli.

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