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13.01.2005

08:11 Uhr

Wie eine Hamburger Privatbank unter den Nazis alles verlor und am Ende doch überlebte

Warburg oder der Mut eines jüdischen Bankiers

VonBernd Ziesemer (Handelsblatt)

Im Auftrag Adolf Hitlers konzentriert sich der Kölner Bankier Kurt von Schröder darauf, die jüdischen Bankiers aus der Reichsbank, den Aufsichtsräten der großen Unternehmen und aus allen einflussreichen Positionen in der Wirtschaft zu drängen.

DÜSSELDORF. Unter strenger Geheimhaltung bringt der Kölner Bankier Kurt von Schröder am 4. Januar 1933 in seiner Privatvilla am Stadtwaldgürtel zwei miteinander verfeindete Politiker zusammen: Adolf Hitler und den Deutschnationalen Franz von Papen. Den Rest der Geschichte kennen die meisten von uns noch aus den Schulbüchern. Wenige Wochen später stehen die beiden Gäste des Bankiers an der Spitze der neuen Reichsregierung, die Deutschland in die Diktatur und in den Krieg treibt. Nur wenige aber wissen, welche unrühmliche Rolle Hitlers diskreter Gastgeber in den Jahren nach dem Treffen spielt. Die Nazis ernennen von Schröder zum „Führer des deutschen Privatbankiergewerbes“. Sein Auftrag: Die „alteingesessenen Großbankjuden“ (so der Nazi-Ideologe Gottfried Feder) zu vertreiben und ihre Firmen zu „arisieren“.

Max M. Warburg (1867-1946) steht auf der Enteignungsliste der Nazis ganz oben: als einflussreicher Teilhaber der 1798 gegründeten Hamburger Privatbank M.M. Warburg & Co und als engagiertes Vorstandsmitglied des Hilfsvereins der Juden in Deutschland (seit 1927). Zunächst trauen sich die Nazis noch nicht an den angesehenen Kaufmann heran, weil sie eine Bankenkrise fürchten. Doch schon 1933 notiert der jüdische Bankier, der bis dahin als Philanthrop und Mäzen zu den angesehensten Mitgliedern der hanseatischen Kaufmannschaft gehörte, nach einem Besuch an der Wertpapierbörse bitter: „Viele Bekannte machen einen weiten Bogen, um mich nicht grüßen zu müssen.“

Im Auftrag Hitlers konzentriert sich von Schröder zunächst darauf, die jüdischen Bankiers aus der Reichsbank, den Aufsichtsräten der großen Unternehmen und aus allen einflussreichen Positionen in der Wirtschaft zu drängen. Die Hamburger Handelskammer, die Max Warburg noch kurz zuvor mit einer Goldmedaille geehrt hat, schließt ihn aus. Auch die Reichsbank, die viele Jahre auf seinen Rat hörte, entfernt den Bankier aus ihren Gremien. Gleichzeitig trocknen die Nazis das Geschäft von M.M. Warburg durch immer neue Gesetze und Verfügungen systematisch aus. Die Zahl der Kunden sinkt auf ein Drittel, obwohl Warburg seine Firma „wie eine Festung“ verteidigt. In der Schalterhalle in der Ferdinandstraße, direkt an der Binnenalster, beschäftigen sich die Bankbeamten schließlich nur noch mit der Abwicklung von alten Geschäften.

Ende September 1936 dekretiert Hitlers Reichsregierung die „vollständige Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft“. Von Schröder verschickt ein Jahr später einen Fragebogen an alle Privatbanken, um die „jüdische Versippung“ sämtlicher Inhaber, Gesellschafter und Kapitalgeber im Kreditgewerbe zu ermitteln. Gleichzeitig erhöhen die Nazis den Druck auf die wenigen verbliebenen Privatbankiers jüdischen Glaubens, ihr Eigentum an ausgesuchte Gefolgsleute des Regimes zu verkaufen. Max Warburg schreibt später über diese Zeit: „Es war eine Erstarrung, ein Absterben.

Bis zum November 1938 haben die Nazis 57 Prozent aller „jüdischen“ Privatbanken liquidiert und 18 Prozent „arisiert“, so der Historiker Albert Fischer. Die restlichen Banken verhandeln über Zwangsverkauf oder kämpfen verzweifelt um ihr Überleben. Schließlich veröffentlicht der Reichsanzeiger eine am 12. November erlassene Verordnung „zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“. Ab 1. Januar 1939 darf kein Jude mehr „Betriebsführer“ sein.

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