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12.10.2011

11:37 Uhr

Wiebes Weitwinkel

Ein Banküberfall der anderen Art

Die Politik scheint das Risiko zu scheuen, eine Bank Pleite gehen zu lassen. Im Zuge der Rettungsmaßnahmen droht eine Welle von Verstaatlichungen. Das ist möglicherweise der Preis für den Erhalt der Euro-Zone.

Die Firmenzentrale der Deutschen Bank in Frankfurt. AFP

Die Firmenzentrale der Deutschen Bank in Frankfurt.

DüsseldorfBei einem Banküberfall geht es üblicherweise darum, der Bank Geld abzunehmen. Aber zurzeit fühlen sich einige Banken überfallen, weil die Politik ihnen unter Zwang Geld aufdrängen will. Denn mehr Kapital heißt bei gleichem Gewinn, dass die Eigenkapitalrendite sinkt. Und wenn das frische Kapital in Form von Aktien aufgenommen werden muss, wird der Anteil der bisherigen Aktionäre am Gewinn "verwässert", also verringert. Allein schon die Drohung einer Kapitalerhöhung setzt daher die Kurse der Bankaktien unter Druck. Je niedriger der Kurs, desto teurer wird aber die Kapitalerhöhung. So entsteht eine gefährliche Abwärtsspirale, die schon längst vor den jüngsten, konkreteren Plänen zur Zwangsbeglückung der Banken eingesetzt hat. 

Trotzdem ist der Weg grundsätzlich richtig. Denn es zeichnet sich ab, dass die Steuerzahler der starken Euro-Länder nicht zu grenzenlosen Garantien für schwächere Staaten bereit sind. Letztlich hat Europa aber nur die Wahl, die Staaten - und damit indirekt auch die Banken - oder direkt die Banken zu "retten", das heißt, funktionsfähig zu erhalten. Denn, wie der britische Ökonom Charles Goodhart bemerkt hat: Wenn ein Versorger wirtschaftlich pleitegeht, dann lässt der Staat auch nicht zu, dass Strom und Wasser abgeschaltet werden, sondern übernimmt im Notfall den Betrieb in Eigenregie. Für die Wirtschaft eines Landes ist ein funktionierendes Bankensystem aber ebenso wichtig wie Wasser und Strom. Es führt daher kein Weg daran vorbei, Banken im Vorfeld eines möglichen Staatsbankrotts - wie er in Griechenland droht - möglichst gut gegen die Folgen zu wappnen. Oder sie im Notfall, wie jetzt die belgisch-französische Dexia, von Staats wegen aufzufangen. 

Frank Wiebe ist Handelsblatt-Kolumnist. Quelle: Pablo Castagnola

Frank Wiebe ist Handelsblatt-Kolumnist.

Man darf sich aber über die Konsequenzen keine Illusionen machen: Möglicherweise beschreitet Europa gerade einen Weg, der in der Verstaatlichung eines großen Teils seines Finanzsystems endet. 

Zunächst fragt sich aber, welcher Weg zur Zwangsbeglückung der Banken der richtige ist. Der Stufenplan, den die Bundesregierung offenbar vor Augen hat, ist grundsätzlich richtig: Zuerst sollten die Banken den privaten Kapitalmarkt anzapfen. Danach wären erst einmal die Nationalstaaten zuständig. Und erst wenn die auch nicht mehr helfen können - weil ihnen zum Beispiel selbst die Insolvenz droht -, ist der Europäische Rettungsschirm dran. 

Die zweite Frage lautet: Welche Art von Kapital soll aufgenommen werden? Aktienkapital kann sehr teuer werden, wie die eingangs beschriebene Abwärtsspirale deutlich macht. Daher ist es für Banken, die noch stark genug sind, attraktiv, auf andere Formen auszuweichen, durch die ihre bisherigen Aktionäre möglichst wenig geschädigt werden. Hier sind nachrangige Anleihen denkbar oder Papiere, die zunächst wie Anleihen funktionieren, sich bei Unterschreiten bestimmter Kennzahlen aber automatisch in Aktien umwandeln. Diese Papiere sind allerdings heute auch sehr teuer, falls sie im Moment überhaupt zu platzieren wären. Außerdem sind sie oft nicht sonderlich transparent. Damit bleibt unsicher, wie weit Finanzaufsicht und Märkte sie anerkennen und was genau im Rettungsfall passiert. Der dritte Weg wären stille Beteiligungen. Sie wären aber noch schwerer privat zu platzieren als nachrangige Anleihen.

Klar ist aber: Wenn der Staat als Kapitalgeber einspringen muss, sollte er sich selbst zum Aktionär machen - auch wenn das, wie jetzt bei der Dexia, im Endeffekt auf eine Verstaatlichung hinausläuft. Denn nur so hat der Steuerzahler eine Chance, später möglicherweise bei einer Privatisierung einen Gewinn zu erhalten. Anders wäre eine Beteiligung dem Wähler kaum zuzumuten. Nur so wäre es auch zu rechtfertigen, wenn "Europa" die Banken einzelner Länder auffängt, die das selbst nicht mehr schaffen. 

Was würde aber tatsächlich bei einem Schuldenschnitt in Griechenland passieren? Der griechische Staat wäre dann kaum noch ein glaubhafter Retter für seine eigenen Banken, eher schon der Rettungsschirm. In jedem Fall dürften die Banken des Landes weitgehend in öffentlichem Besitz landen. Und einige andere europäische Banken werden den Staat als Großaktionär bekommen, vielleicht schon im Vorfeld der Umschuldung. 

Trotz aller Beteuerungen und Hoffnungen der Politiker kann es nach einem Schuldenschnitt sehr schnell zu einer Ansteckung anderer Länder oder zumindest ihrer Banken kommen. In dem Falle ist nicht auszuschließen, dass bald ein noch größerer Teil des europäischen Finanzsystems in staatlicher Hand landet, jedenfalls für einige Jahre. Das ist zwar unerfreulich, aber möglicherweise der Preis dafür, die Euro-Zone zusammenzuhalten. Jedenfalls dann, wenn man auf den Weg verzichten will, mittels einer kastrierten Notenbank und unentwirrbarer gemeinsamer Schulden auf europäischer Seite die Probleme wegzudrücken, bis sie dann doch mit noch größerer Wucht wieder an die Oberfläche kommen. 

Von

fw

Kommentare (3)

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Fortunio

12.10.2011, 12:02 Uhr

Das ganze nennt sich "Staatsmonopolitischer Kapitalismus" STAMOKAP. Alle alte SPD´ler und alt-linksgrünen Kämpen wie Schröder, Steinbrück ,J.Fischer und andere wissen was das ist und betrachten die anzusteuernde Lage als Vorstufe zum "Sozialismus" wie immer dieser sich auch präsentieren wird.

mike22

12.10.2011, 14:55 Uhr

Herr Wiebe, bitte seien Sie doch so nett und erklären dem einfachen Volk warum es so unerfreulich ist, wenn die sog. systemrelvanten und alternativlos geretteten Banken in öffentlich-rechtlicher Hand sind. Ich könnte mir vorstellen, dass es für ca. 99% der europäischen Steuerzahler kaum besser kommen könnte!

markus8680

14.10.2011, 06:26 Uhr

dank an die AMERIKANISCHEN Ratingagenturen !!! dank denen wird Europa in seinen Grundpfeilern erschuettert ! die Politiker schauen zu ! wann wird dieser Ratingsnonsens endlich gestoppt ? - erst wenn NIEMAND mehr als kreditwuerdig deklariert wird und alles am Boden ist??

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