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26.02.2013

16:14 Uhr

Wildwuchs in Bilanzen

EU-Bankenaufsicht ist alarmiert

Einer Studie der EU-Bankenaufsicht zufolge driften die Risikobewertungen von Banken weit auseinander. Der Knackpunkt: Von den Bilanzrisiken hängt auch ihr Eigenkapitalbedarf ab. Nun gilt es den Wildwuchs zu bekämpfen.

Die Bankenhochhäuser in Frankfurt am Main. dpa

Die Bankenhochhäuser in Frankfurt am Main.

LondonDie EU-Bankenaufsicht EBA will den Wildwuchs beim Umgang mit Risiken in den Bilanzen der Institute stoppen. EBA-Chef Andrea Enria erklärte am Dienstag bei der Vorstellung einer Studie zu dem Thema, eine genauere Offenlegung der Bewertungsmethoden der Banken werde nicht ausreichen, um die Zweifel von Investoren und Analysten in die Zuverlässigkeit der Banken auszuräumen. "Die verbleibende Streuung ist signifikant und erfordert weitere Untersuchungen - und möglicherweise aufsichtliche Lösungen."

Bei der Studie unter 89 Banken in 16 Ländern Europas hatte sich nach vorläufigen Ergebnissen herausgestellt, dass die Institute gleichartige Risiken in den Bankbüchern oft völlig unterschiedlich bewerten. Allein unter den größten 20 Banken klaffen die Ergebnisse weit auseinander.

Wie sich die Politikum um eine sichere Finanzwelt bemüht

Machen die Vorschläge das Finanzsystem sicherer?

Die Fraktion der Befürworter einer Zerschlagung von Banken bekommt Zulauf. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist überzeugt, dass eine Abspaltung bestimmter Risikogeschäfte das Bankensystem sicherer machen kann. Auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann sieht das so, er räumt allerdings ein: „Die Krux wird sein, die zu isolierenden Geschäfte klug auszuwählen.“ Die Präsidentin der Finanzaufsicht Bafin, Elke König, sieht in einem Trennbankenmodell gute Ansätze, Aber kein Allheilmittel: „Eine strukturelle Trennung allein reicht nicht, um systemische Risiken aus der Welt zu schaffen.“ Bankenvertreter weisen darauf hin, dass in den vergangenen Jahren vor allem Spezialinstitute strauchelten - Universalbanken nicht.

Welche Banken wären überhaupt betroffen?

In jedem Fall würde es die Deutsche Bank am härtesten treffen. Der am Mittwoch auf den Weg gebrachte Gesetzesentwurf wird daher auch „Lex Deutsche Bank“ genannt. Nach Angaben des Finanzministeriums würden zehn bis zwölf Institute in Deutschland unter die vom Kabinett geplanten Regelungen für Trennbanken fallen.

Wie sind die Aussichten für Schäubles Plan?

Wegen der neuen politischen Verhältnisse im Bundesrat könnten die von SPD und Grünen geführten Länder das Vorhaben erheblich verzögern. Danach hängt alles vom Ausgang der Bundestagswahl im Herbst ab. Sollte die SPD danach im Bund mitregieren, wird sie voraussichtlich versuchen, Schäubles Entwurf zu verschärfen.

Ist Deutschland mit seinen Plänen Vorreiter in Europa?

Ja und Nein:

Ja, weil die Bundesregierung schneller als die EU ist. Schon 2014 soll das Gesetz in Kraft treten. Die EU ist noch nicht so weit: EU-Kommissar Michel Barnier hat für September einen Gesetzesvorschlag angekündigt. Dem müssen das Europaparlament und die EU-Staaten zustimmen, was ein bis zwei Jahre dauern dürfte. In Frankreich wird auch bereits ein Gesetz vorbereitet, das aber nicht so weitgehend ist wie in Deutschland.

Nein, Deutschland ist kein Vorreiter, könnte man auch sagen. Denn auf EU-Ebene werden sogar noch radikalere Ideen diskutiert werden.

Wie will die EU die Banken krisenfest machen?

Ebenfalls mit der Abtrennung riskanter Geschäfte vom klassischen Bankgeschäft. Das empfahl eine EU-Expertengruppe unter Leitung des finnischen Notenbankchefs Erkki Liikanen im Oktober. Ziel ist, Steuerzahler vor Verlusten zu schützen, wenn sich ein Institut an den Finanzmärkten verspekuliert.

Wie unterscheiden sich die deutschen von den EU-Plänen?

Die Liikanen-Gruppe will, dass Großbanken nicht nur ihr Geschäft mit Aktien oder Derivaten auf eigene Rechnung (Eigenhandel) abspalten, sondern auch den Handel im Auftrag von Großkunden wie Unternehmen (Market Making). So weit geht Bundesfinanzminister Schäuble nicht: Institute könnten weiter im Auftrag von Kunden den Handel mit bestimmten Wertpapieren sicherstellen. Das deutsche Modell fordert keine komplette Aufspaltung der Bank. Leicht verschieden sind die Schwellen, ab wann Banken die Regeln erfüllen müssen: In der EU, wenn ihre Investmentbanksparte mindestens 15 Prozent der Bilanzsumme oder Vermögenswerte von über 100 Milliarden Euro umfasst. In Deutschland ab 20 Prozent oder 100 Milliarden Euro.

Werden die Vorschläge auf EU-Ebene Gesetz werden?

Die Liikanen-Gruppe hat nur Empfehlungen abgegeben. EU-Kommissar Barnier kündigte an, auf dieser Basis ein Gesetz auszuarbeiten. Er scheint die strikte Trennung aber kritisch zu sehen: Sie könnte ein Nachteil gegenüber US-Banken sein und das fragile Wirtschaftswachstum in Europa behindern. „Es ist klar, dass wir die Auswirkungen auf die Realwirtschaft beachten müssen“, sagte Barnier jüngst in einer Rede.

Gemessen am Anteil der Risiken und Ausfälle im Bankbuch an der Bilanzsumme hat die EBA Differenzen von bis zu 46 Prozent ausgemacht. Das alarmiert die Aufseher, weil von den Bilanzrisiken (RWA) unter anderem ihr Eigenkapitalbedarf abhängt. Je weniger Risiken sie ausweisen, desto weniger Kapital brauchen sie, um sich gegen Ausfälle abzusichern.

Die Hälfte des Unterschieds lässt sich der Studie zufolge noch durch unterschiedliche Maßstäbe der Aufseher in einzelnen Ländern und die abweichenden Strukturen des Kreditbestandes der Banken erklären. Die andere Hälfte liegt an den teils riesigen Unterschieden in den Risikomodellen der Banken. Sie können für die Risikoberechnung entweder einen von den Aufsehern vorgegebenen Standardansatz verwenden oder - mit Zustimmung der Aufsichtsbehörde - eigene Modelle entwickeln, die ihr Risiko vermeintlich besser widerspiegeln. Auch deutsche Geldhäuser wie die Deutsche Bank und die Aareal Bank hatten ihre Eigenkapitalquoten durch solche Modelle aufgebessert.

Doch Experten warnen, dass viele Banken hier zu weit gehen könnten und ihre Kreditrisiken künstlich kleinrechneten. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht war in einer Studie unter 16 Banken weltweit zu ähnlichen Ergebnissen gekommen wie die EBA.

Der Generalsekretär des Ausschusses, Wayne Byres, äußerte am Dienstag in Südkorea Verständnis für den Unmut von Anlegern, die die Risikoberechnungen derzeit kaum durchschauen könnten. Neben einer Offenlegung der Bewertungsmethoden könne eine striktere Aufsicht helfen. Das sei zwar teuer, sagte Byres, "aber auch mangelndes Vertrauen in die Eigenkapitalausstattung von Banken ist kostspielig".

So ist die Bankenaufsicht organisiert

Nationale Behörden

Bei der Kontrolle der Banken in Europa sind derzeit in erster Linie die nationalen Behörden entscheidend.

EBA

Seit Anfang 2011 gibt es auf europäischer Ebene zwar die EBA (European Banking Authority) in London. Die Behörde hat allerdings kaum Durchgriffs- und Weisungsrechte.

Bafin und Bundesbank

In Deutschland sind die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) und die Deutsche Bundesbank für die Überwachung verantwortlich. Die Notenbank ist für die operative Aufsicht zuständig, die Bafin übernimmt die Verantwortung für die hoheitlichen Maßnahmen.

EZB

Nach einem Beschluss des Euro-Gipfels vom Juni soll es künftig eine mächtige europäische Aufsicht geben, und zwar von der Europäischen Zentralbank (EZB).

Nun will die EBA zunächst mit Banken und Aufsehern in den einzelnen Ländern sprechen, um aufzuklären, warum die Risiken so unterschiedlich bewertet werden. Nach Risiken im Kreditbuch will sie bis Ende des Jahres auch die Handelsbücher unter die Lupe nehmen.

Von

rtr

Kommentare (4)

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Klein_Erna

26.02.2013, 17:13 Uhr

Die EU-Bankenaufsicht EBA will den Wildwuchs beim Umgang mit Risiken in den Bilanzen der Institute stoppen.
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Oh danke, lieber Gott - das kommt ja gerade noch rechtzeitig! Weiß man denn schon, was die Griechen, Spanier oder die Italiener dazu sagen?

Rote-Baron

26.02.2013, 22:05 Uhr

ganz neue Erkenntnis. Spätestens als einige Banken sagten, dass die schärferen Eigenkapitalvorschriften auch über eine "Anpassung" der internen Modelle erreicht werden würden, sollte jedem klar geworden sein, dass die Internen Modelle zur Risikomessung nicht geeignet sind, vergleichbare Zahlen von den Banken zu erhalten. Es gil timmer noch die alte Börsenweisheit, dass die Bilanz der Versuch ist, mit möglichst vielen Zahlen möglichst wenig zu sagen.

Mazi

27.02.2013, 12:00 Uhr

Das habe ich Herrn Sanio bereits 1995 gesagt und er kannte danach die Problematik.

Die internen Risikomodelle, als Kern der BASEL-Regelungen, sind aufgrund der Manipulationsmöglichkeiten für eine Bankenaufsicht ungeeignet.

Jeder, der Bankenaufsicht verantwortlich betreiben und als seriös gelten will, muss interne Modell als bankaufsichtliches Steuerungsinstrument ablehnen. Daraus folgt, dass den BASEL-Regelung der Messparameter fehlt. Ein bankaufsichtliches Regelungssystem ohne Messparameter ist natürlich Quatsch.

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