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04.07.2012

10:44 Uhr

Zinsskandal

Was wusste die Bank of England?

VonMichael Maisch

Überraschende Wende im Libor-Skandal: Barclays hat brisante Dokumente veröffentlicht, die die britische Notenbank schwer belasten. Es wäre ein gigantischer Vertrauensverlust. Heute muss Ex-Chef Bob Diamond aussagen.

Bank of England: Wusste die Notenbank davon, dass die gemeldeten Referenzzinssätze zu niedrig waren? Reuters

Bank of England: Wusste die Notenbank davon, dass die gemeldeten Referenzzinssätze zu niedrig waren?

LondonDer Skandal um die Manipulation des weltweit wichtigsten Vergleichszinssatzes hat bereits zwei Banker-Karrieren ruiniert. Dabei dürfte es nicht bleiben. Die Affäre zieht immer weitere Kreise. Selbst die ehrwürdige Notenbank Großbritanniens, die Bank of England, könnte von den Machenschaften gewusst haben.

Die Affäre kocht hoch, als in der vergangenen Woche die britische Großbank Barclays einräumte, dass ihre Händler systematisch den globalen Referenzzinssatz Libor manipuliert haben. Um die Vorwürfe aus der Welt zu schaffen, akzeptierte Barclays eine Rekordstrafe von knapp einer halben Milliarde Dollar.

In Großbritannien löste der Skandal einen innenpolitischen Sturm aus, der gestern Barclays-Chef Bob Diamond seinen Job kostete. Bereits am Montag musste der Chairman der Bank, Marcus Agius, seinen Posten aufgeben.

Jetzt könnte die Affäre allerdings eine überraschende Wendung nehmen. Heute muss sich Diamond vor dem Finanzausschuss des britischen Parlaments rechtfertigen. Vor diesem Auftritt veröffentlichte Barclays eine Reihe von Dokumenten, die nahezulegen scheinen, dass die britische Notenbank von den Manipulationen wusste und die Banken 2008 möglicherweise sogar ermutigte, niedrigere Libor-Sätze zu melden, um eine weitere Zuspitzung der Finanzkrise zu vermeiden.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Der Libor ist ein täglich vom britischen Bankenverband BBA errechneter Zins, an dem sich Geldhäuser rund um den Globus orientieren. Seit 1986 befragt die BBA die am Finanzplatz London ansässigen Banken, zu welchem Zins sie sich zuletzt untereinander Geld geliehen haben. Der daraus errechnete Libor-Satz für Laufzeiten von bis zu einem Jahr und für die gängigsten Währungen ist nicht nur der wichtigste Indikator für die Liquiditätslage am Interbankenmarkt und damit ein entscheidendes Krisenbarometer, er dient auch als Referenz für Finanzprodukte im Wert von Hunderten von Billionen Euro.

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Der Skandal um mögliche Tricksereien bei den Referenzzinsen weitet sich aus. Die Ermittlungen betreffen nicht nur den Libor, sondern auch den Euribor. Anleger stellen sich die Frage, ob sie davon betroffen sind.

Zwei Vorwürfe stehen nun im Raum: Zum einen sollen sich die Händler einer Reihe von Banken durch die Manipulation des Libor bereichert haben. Dabei sollen die Banker eine Art Kartell gebildet haben, um die Sätze in eine Richtung zu lenken, die den Wert ihrer eigenen Derivatepositionen steigerte. "Heute bräuchten wir einen ziemlich niedrigen Satz bei den Dreimonats-Laufzeiten, sonst kostet uns das ein Vermögen", heißt es in einer E-Mail eines der beschuldigten Barclays-Händler.

Zum anderen sollen einige der damals am Libor-Fixing beteiligten Banken in den Krisenjahren 2007 und 2008 systematisch zu niedrige Zinsen gemeldet haben, um die verunsicherten Märkte zu beruhigen.

Barclays-Chef Diamond tritt ab

Video: Barclays-Chef Diamond tritt ab

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Kommentare (26)

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Pendler

04.07.2012, 11:01 Uhr

Nach den uns vorliegenden Informationen kamen die Anweisungen hierfür direkt von der --Bank of England--

matze

04.07.2012, 11:03 Uhr

hoffen wir mal das die jungs der bd wirklich "faire sportsmen" waren.

Lerchenzunge

04.07.2012, 11:07 Uhr

Wen wundert es? Wieder ist die Deutsche Bank dabei. Gibt es einen schädlichen Banken Skandal, an dem die Deutsche Bank nicht beteiligt ist? Wohl eher nicht.

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