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10.07.2014

18:52 Uhr

Zu wenig Zeit

Banken wollen Stresstest-Ergebnisse länger prüfen

48 Stunden - das ist vielen Banken zu wenig Zeit, um die Ergebnisse des laufenden Stresstests vor Veröffentlichung vernünftig auszuwerten. Doch es ist genau das Zeitfenster, dass ihnen die EZB zur Verfügung stellt.

Frankfurter Bankentürme: Bei den Geldhäusern wird es im Oktober hoch her gehen, wenn sie innerhalb von nur 48 Stunden die Ergebnisse des Stresstests verifizieren müssen. dpa

Frankfurter Bankentürme: Bei den Geldhäusern wird es im Oktober hoch her gehen, wenn sie innerhalb von nur 48 Stunden die Ergebnisse des Stresstests verifizieren müssen.

FrankfurtEuropäische Banken streiten mit den Aufsichtsbehörden über die Bekanntgabe der Ergebnisse des laufenden Fitnesschecks. Nach dem Willen der Europäischen Zentralbank (EZB) sollen die Geldhäuser die Resultate erst 48 Stunden vor der Veröffentlichung erhalten und dann innerhalb kurzer Zeit ihre Richtigkeit bestätigen, wie die Nachrichtenagentur Reuters exklusiv berichtete. Die Banken halten das für nicht machbar. „Natürlich sind 48 Stunden für die Institute in keinem Fall ausreichend, um die zur Veröffentlichung anstehenden Daten zu prüfen und eventuelle Fehler zu beseitigen“, sagte Liane Buchholz, die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands öffentlicher Banken (VÖB), am Donnerstag. Nötig sei mindestens eine Woche.

„Eine Veröffentlichung fehlerhafter oder irrelevanter Daten kann erhebliche Schäden auslösen“, warnte der Deutsche Sparkassen- und Giroverband. Da es zum Teil Zweifel an der Relevanz der ermittelten Daten gebe, bräuchten die Banken mehr Zeit zu deren Überprüfung. Die Institute haben ihre Bedenken auch bei mehreren Treffen mit der EZB in dieser Woche zum Ausdruck gebracht, wie Teilnehmer berichten. Kritik habe es dabei auch an der geplante Veröffentlichung der Verschuldungsquote und dem Umgang mit den Ergebnissen nach der Prüfung gegeben. Die Vorgaben der EZB seien ambitioniert und „dürften die Banken vor große Herausforderungen stellen“, sagte Michael Kemmer, der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes.

Die Aufsichtsbehörden durchleuchten derzeit 128 Banken in Europa. Neben einem Bilanzcheck (AQR) prüfen die Behörden in einem Stresstest, ob die Institute für eine weitere Krise gerüstet sind. Durch diese Übung will die Aufsicht verhindern, dass unentdeckte Risiken zum Vorschein kommen, wenn die EZB im November die Kontrolle der größten Institute der Euro-Zone übernimmt. Die Veröffentlichung wird mit Spannung erwartet, weil sie Aufschluss darüber geben könnte, wie Europas Banken sechs Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers dastehen.

Zu den Kennzahlen, die im Oktober veröffentlicht werden sollen, gehört Finanzkreisen zufolge auch die maximale Verschuldungsquote („leverage ratio“), das Verhältnis von Eigenkapitalquote zu Bilanzsumme. Laut den neuen Basel-III-Regeln müssen Geldhäuser künftig mindestens drei Prozent erreichen. Da die Quote nach aktuellem Recht erst ab 2015 veröffentlicht werden muss, lehnen die öffentlichen Banken eine Veröffentlichung dieser Kennziffer aber rundum ab, wie VÖB-Geschäftsführerin Buchholz betonte. Die Quote werde weder im AQR noch im Stresstest erhoben, sagte sie. Für manche Geldhäuser sei es ein zusätzlicher Aufwand, diese extra zu errechnen.

Darüber hinaus zeichnet sich ein Streit darüber ab, ob die Banken den strengeren Ansatz der EZB künftig auch bei ihrer Bilanzierung berücksichtigen müssen. „Die EZB-Modelle im AQR sind konservativ, was gut ist, damit für alle Banken die gleiche Messlatte angelegt wird“, sagte ein Bankmanager. Diese Messlatte entspreche aber nicht den internationalen Bilanzierungsregeln (IFRS), an die sich die meisten großen Geldhäuser halten müssen. „Damit erhebt sich die EZB faktisch zum Standardsetzer von IFRS, was sicher nicht ihr Auftrag ist“, sagte Buchholz.

Ein EZB-Sprecher wollte sich zu den Streitigkeiten nicht äußern. Die Zentralbank stehe in einem Dialog mit den Banken und werde diese zu einem späteren Zeitpunkt über den exakten Zeitplan informieren, sagte ein EZB-Sprecher. Der angedachte Zeitplan sei nicht in Stein gemeißelt und werde auch noch mit der EU-Marktaufsicht ESMA abgestimmt, sagte ein Insider.

Diese deutschen Banken überprüft die EZB

Großbanken

Commerzbank
Deka-Bank (Spitzeninstitut der Sparkassen)
Deutsche Bank
DZ-Bank (Spitzeninstitut der Volksbanken)
Hypo Real Estate Holding (Deutsche Pfandbriefbank)
SEB
WGZ Bank (2. Spitzeninstitut der Volksbanken)

Landesbanken

Bayerische Landesbank (BayernLB)
Landesbank Baden-Württemberg (LBBW)
Landesbank Berlin (LBB)
Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba)
Norddeutsche Landesbank (NordLB)
HSH Nordbank

Sparkassen/Genossenschaftsbanken

Deutsche Apotheker- und Ärztebank
Haspa Finanzholding (Hamburger Sparkasse)

Immobilienbanken

Aareal Bank
Münchener Hypothekenbank

Förderbanken

Landeskreditbank Baden-Württemberg
Landwirtschaftliche Rentenbank
NRW.Bank

Sonstige Institute

Volkswagen Financial Services Aktiengesellschaft
Wüstenrot & Württembergische

Von

rtr

Kommentare (1)

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Herr Manfred Zimmer

11.07.2014, 10:45 Uhr

"48 Stunden - das ist vielen Banken zu wenig Zeit, um die Ergebnisse des laufenden Stresstests vor Veröffentlichung vernünftig auszuwerten. Doch es ist genau das Zeitfenster, dass ihnen die EZB zur Verfügung stellt."

Hier sollte die EZB sorgfältig feststellen, welche Banken sich konkret beschweren.

Banken, die in diesem zeit- und reaktionskritischen Geschäft tätig sind, besitzen EDV-Systeme, die ihnen Realtime Auskunft über die Positionen und deren Bewertung geben.

Wenn hier 48 Stunden nicht genügend sein sollten, sollte die EZB deren Vorstände zitieren und die Frage stellen, wer mit den 48 Stunden nicht zufrieden ist und weshalb diese Bankabteilungen mit 48 Stunden nicht zurecht kommen?

Es ist schon lange bekannt, dass es in Banken Abteilungen gibt, die immer noch wie vor dem Krieg arbeiten. Sie sind die Achillisferse des Bankgeschäfts. Das wesentlichste Ergebnis dieses Stresstests könnte sein, eben diese Abteilungen ausfindig zu machen und ihnen Beine zu machen.

Ein Bankvorstand, der die permanente Solvenz einer Bank sicherzustellen hat, täglich arbeitet aber auf historisch alten Zahlen entscheidet, kann eine Bank nicht tatsächlich führen. Wie wollte er sicher stellen, dass die Zahlen auch zeitlich synchronisiert sich in seinen Tabellen befindet?

Der Stresstest der EZB hat damit bereits jetzt seine Berechtigung nachgewiesen und die zentrale Schwachstelle markiert.

Ich möchte nicht wissen, was alles sonst noch so "hochkommt"? Vielleicht kommt's dann einem wirklich hoch. Spei übel wird es einem, wenn man diese taktischen Winkelzüge beobachtet.

Vielleicht kommt nachträglich dem Revisionsantrag der hamburgischen Staatsanwaltschaft i.S. des Vorwurfs der Bilanzfälschung noch einmal große Bedeutung zu. Hier könnten Überschneidungen bestehen.

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