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04.10.2011

11:26 Uhr

Bankenkrise

Top-Ökonomen drängen EZB zur Senkung der Leitzinsen

VonNorbert Häring

ExklusivDie labile Lage der Banken und die Rezessionsgefahr machen den EZB-Schattenrat nervös. Die Ökonomen drängen die Europäische Zentralbank zu klaren Maßnahmen - die bei einer Zinssenkung anfangen, aber lange nicht aufhören.

Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main. dpa

Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main.

FrankfurtFührende europäische Ökonomen drängen die Europäische Zentralbank (EZB) mit großer Mehrheit dazu, ihren Leitzins schnell zu senken um der zunehmenden Rezessionsgefahr zu begegnen. Von den 15 Mitgliedern des EZB-Schattenrats sprachen sich auf der letzten Sitzung 12 für eine sofortige Zinssenkung aus. Zwei weitere rechnen damit, dass sich ein solcher Schritt bald als notwendig erweisen könnte.

So kritisch ist die Lage der Konjunktur und des Finanzsystems in der Euro-Zone nach Einschätzung der Experten, dass sie der EZB zusätzlich zu einer Zinssenkung sogar weitere Maßnahmen zur Krisenbekämpfung nahelegen. Dem Schattenrat, den das Handelsblatt 2002 ins Leben gerufen hat, gehören Ökonomen aus Finanz- und Forschungsinstituten an.
Nach Ansicht der Ökonomen ist die Konjunkturlage insgesamt, vor allem aber die Lage der Banken bedrohlich. Sie wurden am Dienstag erneut durch die Nachrichten von der Schieflage der französisch-belgischen Bank Dexia bestätigt, die durch ihr hohes Engagement in Griechenland belastet ist - und am Dienstag alle Bankaktien mit nach unten zog.

Angesichts dieser Lage empfiehlt der Schattenrat zusätzliche Maßnahmen, um eine Verschärfung der Bankenkrise und eine Kreditklemme abzuwenden. Dazu gehört die Wiederaufnahme der Käufe von sogenannten Covered Bonds durch die EZB. Außerdem soll sie den Banken wieder langfristige Kredite mit Laufzeiten von einem Jahr oder länger zum Leitzins anbieten, um ihnen bei der Refinanzierung noch stärker entgegen zu kommen.

Die Instrumente der EZB

Veränderung des Leitzinses

Mit der Veränderung des Leitzinses reagiert die EZB in erster Linie auf die Inflation im Euro-Raum. Steigen die Preise deutlich, zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel in der Regel an. Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher können sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Die EZB muss also die Inflation bekämpfen, ohne die Konjunktur in den 17 Mitgliedstaaten des Euro-Raums abzuwürgen. Die Zinspolitik ist normalerweise das herausragende Instrument der Notenbank. In Krisenzeiten greift sie aber auch zu unkonventionellen Maßnahmen.

Ankauf von Wertpapieren

Nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise 2010 hat die EZB die Notenpresse angeworfen, um im großen Stil Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Die Währungshüter reagieren damit auf steigende Renditen für Anleihen der Schuldensünder. Für Portugal, Irland, Griechenland und zuletzt auch für Spanien und Italien war es dadurch teurer geworden, sich frisches Geld zu besorgen. Nach dem Einschreiten der EZB sanken die Renditen. Die Notenbank hat derzeit Anleihen von Problemstaaten im Volumen von 156,5 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen, die sie auf dem sogenannten Sekundärmarkt gekauft hat, also beispielsweise bei Banken. Die EZB lässt sich ihr Engagement verzinsen. Gehen die Länder pleite, bleibt sie aber zumindest auf Teilen ihrer Forderungen sitzen.

Liquidität

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren versorgt die EZB die Banken großzügiger mit Geld als sonst. Sie stellt ihnen Kredite mit verschiedenen Laufzeiten zur Verfügung. Zuletzt drehte die EZB den Geldhahn wieder weit auf, weil die Kreditinstitute zögern, sich gegenseitig Geld zu leihen. Banken konnten sich für sechs Monate zum Leitzins von 1,5 Prozent so viel Geld borgen wie sie wollten (Vollzuteilung). In „normalen Zeiten“ sind die Laufzeiten kürzer und es wird nur eine festgelegte Summe versteigert. Daneben vergibt die EZB Darlehen mit kürzerer Laufzeit und mit begrenzter oder voller Zuteilung. Kritiker werfen der Notenbank vor, den Markt mit Geld zu fluten und damit neuen Finanzspekulationen Vorschub zu leisten.

Intervention an Devisenmärkten

Starken Wechselkursschwankungen können die Notenbanken mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Die EZB setzte dieses Instrument im Jahr 2000 ein, als der Euro gegenüber dem Dollar einen Schwächeanfall erlitt. Im Kampf gegen einen zu starken Franken, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie belastet, hatte die Schweizer Nationalbank SNB erstmals seit mehr als 30 Jahren eine Obergrenze für den Frankenkurs eingeführt, die sie unter allen Umständen verteidigen will, indem sie Franken auf den Markt wirft und damit Euro kauft. Bei massiven Attacken gegen eine Währung können allerdings auch Notenbanken in die Defensive geraten. So wettete der legendäre Hedge-Fonds-Gründer George Soros im Jahr 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund und zwang die Bank of England in die Knie.

Kommunikation

EZB-Präsident Mario Draghi ist äußerste Aufmerksamkeit gewiss, wann immer er sich äußert. Manchmal reicht schon die Andeutung, dass die Notenbank aktiv werden könnte, um Spekulationen beispielsweise auf den Devisenmärkten zu beenden. Zugleich ist die EZB bemüht, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Die EZB will - zumindest für Finanzprofis - berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

Der Rat der EZB kommt am Donnerstag in Berlin zusammen um über den Leitzins und andere mögliche Krisenmaßnahmen zu beraten.

Auch über den Schattenrat hinaus rechnen die meisten Volkswirte inzwischen damit, dass die EZB in nächster Zeit mit Zinssenkungen auf die sich immer stärker eintrübende Konjunkturlage und die Turbulenzen an den Finanzmärkten reagieren wird. Diejenigen, die voraussagen, dass Jean-Claude Trichet diesen Schritt noch selbst vollziehen wird, bevor er Ende des Monats turnusgemäß die EZB verlässt, sind allerdings in der Minderheit. Dazu trug bei, dass die Inflationsrate im Euro-Raum, die am Freitag in vorläufiger Rechnung bekannt wurde, überraschend stark auf drei Prozent angestiegen ist. "Das macht es schwieriger für die EZB, eine Zinssenkung zu beschließen oder zumindest anzukündigen", meint Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

"Das Rezessionsrisiko steigt steil an", brachte Janet Henry, Europa-Chefvolkswirtin der internationalen Großbank HSBC, die Mehrheitsmeinung im EZB-Schattenrat zum Ausdruck. Die zu hohe Inflation ist nach Meinung der Experten kein Hinderungsgrund. "Die Wahrscheinlichkeit, dass die Inflation bald wieder unter zwei Prozent fällt, ist gestiegen", meint José Alzola vom geldpolitischen Beratungsunternehmen The Observatory Group. Die Lohnsteigerungen seien gering, und die Rohstoffpreise, deren starker Anstieg die Inflation nach oben getrieben hat, sänken bereits wieder.
Im Durchschnitt rechnen die Experten im nächsten Jahr nur noch mit 0,7 Prozent Wirtschaftswachstum, Tendenz stark fallend. Die Inflationsrate wird nach vorherrschenden Prognosen auf 1,7 Prozent zurückgehen.
EZB verzichtet auf klare Signale.

Kommentare (10)

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Markus

04.10.2011, 12:25 Uhr

Eine Leitzinssenkung ist hausgemachter Blödsinn und überhaupt nicht nötig! Der EZB ist oberstes Ziel ist Preisstabilität, und hier ist in Sachen Inflation keine Entspannung zu sehen, sodas für eine Zinssenkung keinerlei Spielraum besteht!

Desweiteren ist auch eine Aufnahme des Covered Bond Kaufprogrammes weder angebracht noch nötig.

Aber der Satz erklärt eigentlich mal wieder alles: "Dem Schattenrat, den das Handelsblatt 2002 ins Leben gerufen hat, gehören Ökonomen aus Finanz- und Forschungsinstituten an."

Account gelöscht!

04.10.2011, 13:19 Uhr

Sind wir wieder so weit. Der Sparer zahlt die Zeche mit einer Enteignung durch die EZB.

Alleine diesen Vorschlag halte ich fuer abartig. Jeder Zins unter der Inflationsrate ist Enteignung. Diese sogenannten Top-Oekonomen fordern schlichtweg Enteignung der Bundesbuerger, ja aller EU-Buerger. Voellig abartig.

Es ist nicht genug, dass die Banken das Geld gratis bekommen. Der Buerger soll dafuer auch noch bezahlen, wie ohnehin schon die letzten Jahre. Und DIE machen immer noch Gewinne.

mari

04.10.2011, 13:35 Uhr

Schattenrat......dass ich nicht lache. Darf man auch mal erfahren, wer genau in diesem glorreichen Rat sitzt??? Und dann noch: ....die EZB drängen.......ich dachte immer, die wäre unabhängig.

Es zeigt wieder mal, dass einige - aber nicht alle - Marktteilnehmer angeschlagen sind,d.h. viel zu nervös und wackelig sind. Man sollte diese Teilnehmer insbesondere Banken wie die Deixa aus dem Rennen nehmen und ganz- oder teilverstaatlichen.

Wetten, dass dann solche Kommentare bald verschwunden sind und der Markt sich wieder beruhigen kann.

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