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05.09.2013

16:05 Uhr

Bei 0,5 Prozent

EZB lässt Leitzins auf Rekordtief

Die Zinsen in der Eurozone bleiben historisch niedrig: Der EZB-Rat lässt den Leitzins für die 17 Staaten der Euro-Zone auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent. EZB-Präsident Mario Draghi äußerte sich auch zu Griechenland.

EZB-Präsident Mario Draghi legt auch die Prognosen der Notenbank zu Konjunktur und Inflation vor. ap

EZB-Präsident Mario Draghi legt auch die Prognosen der Notenbank zu Konjunktur und Inflation vor.

FrankfurtDie Europäische Zentralbank (EZB) lässt den Leitzins im Euro-Raum wie erwartet auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent. Das beschloss der EZB-Rat nach Angaben der Notenbank am Donnerstag in Frankfurt. Angesichts der niedrigen Inflation im Euroraum von zuletzt 1,6 Prozent im August können Europas Währungshüter die geldpolitischen Zügel locker lassen. Anfang Mai hatte die EZB im Kampf gegen die Folgen der Staatsschuldenkrise den Leitzins, an dem sich auch die Zinsen für Kreditnehmer und Sparer orientieren, auf ein Allzeittief gesenkt.

Andererseits sind weniger Forderungen nach noch billigerem Zentralbankgeld zu hören, nachdem die Wirtschaft im Euroraum im Frühjahr endlich die lange und tiefe Rezession hinter sich gelassen hat. „Im Zuge der konjunkturellen Erholung im Euro-Raum hat sich die Zinssenkungsfantasie weitgehend verflüchtigt“, sagte Ökonom Ulf Krauss von der Helaba.

„Über eine Zinssenkung haben wir wir immer diskutiert“, sagte EZB-Präsident Mario Draghi nach dem Zinsentscheid. „Wir diskutieren über Zinsen und über andere geldpolitische Instrumente. Einige Ratsmitglieder natürlich, die Verbesserungen in der Wirtschaft beobachten, würden diese Diskussion nicht rechtfertigen. Aber mehrere andere Ratsmitglieder haben andererseits beobachtet, dass die Erholung noch zu frisch ist.“


Was Ökonomen zum Zinsentscheid sagen

Lothar Hessler (HBSC Trinkaus):

„Insgesamt sagt Draghi nicht viel Neues. Er macht erneut klar, dass die Zinsen wohl erst einmal auf einem niedrigen Niveau bleiben werden. An den Wachstumsaussichten der EZB wird deutlich, dass die konjunkturelle Situation in der Euro-Zone weiter von Unsicherheit geprägt ist. Die Rezessionsphase ist vielleicht vorbei, aber ob uns eine nachhaltige Erholung bevorsteht, ist noch unklar.“

Christian Schulz (Berenberg Bank)

„Die EZB bleibt auf der vorsichtigen Seite. Sie hat ihre Wirtschaftsprognose für dieses Jahr nur minimal erhöht, für 2014 sogar leicht gesenkt. Sie sieht nach wie vor große Konjunkturrisiken. Angesichts der zuletzt besseren Daten hätte man erwarten können, dass die EZB optimistischer wird. Das war eher ein Tauben- als ein Falken-Statement. Die EZB sorgt sich weiter um die Wirtschaft und wird alles tun, um den Aufschwung zu erhalten und zu beschleunigen.

Interessant fand ich, dass Draghi heimlich eine Form der Protokoll-Veröffentlichung eingeführt hat. Er hat gesagt, dass einige Ratsmitglieder für eine Zinserhöhungen waren und mehrere für eine Zinssenkung. Das war in dieser Form neu - ebenso wie die Betonung, sich den Geldmarkt näher anzuschauen. Das ist eine indirekte Drohung, notfalls mehr Geld in die Märkte zu pumpen, falls die Zinsen zu schnell steigen sollten.“

Ralf Umlauf (Helaba):

„Signale für eine nochmalige Zinssenkung der EZB machen wir nicht aus. Der schwache Inflationsausblick sowie die moderate Geldmengenentwicklung sprechen aber für eine fortgesetzt lockere Geldpolitik. Zinserhöhungserwartungen sind nicht angebracht. Mario Draghi versucht unsere Erachtens mittels der Forward Guidance auch, dem Druck zu höheren Renditen entgegenzuwirken.“

Michael Schubert (Commerzbank):

„Trotz der besseren Indikatoren bleibt die EZB vorsichtig für die Wirtschaftsentwicklung der Euro-Zone. Kurzfristig erwartet sie zwar eine Besserung im Vergleich zu ihren bisherigen Annahmen, langfristig aber nicht. Damit behält sie sich alle Optionen offen – sowohl für eine weitere Zinssenkung als auch für unkonventionelle Maßnahmen.“

In seinem Wirtschaftsausblick sagte Draghi: „Die Risiken für den Wirtschaftsausblick im Euroraum sind nach wie vor abwärtsgerichtet. Die jüngste Entwicklung der Bedingungen an den globalen Geld- und Finanzmärkten sowie damit verbundene Unsicherheiten könnten sich negativ auf die Konjunkturlage auswirken.“

Volkswirte erwarten, dass die EZB ihre Wachstumsprognose für 2013 von bisher minus 0,6 Prozent leicht nach oben revidiert. Auch die Inflationserwartung für 2013 und 2014 von bisher 1,4 beziehungsweise 1,3 Prozent dürfte jeweils leicht nach oben korrigiert werden – aber deutlich unter dem Zielwert der EZB von knapp 2 Prozent bleiben.

Angesprochen auf das Thema Griechenland, machte Draghi klar, dass sich die Europäische Zentralbank nicht an einem Schuldenerlass beteiligen würde. „Es ist ziemlich eindeutig, dass wir keine Staatsfinanzierung betreiben dürfen“, sagte der EZB-Präsident. Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem hatte ein drittes Griechenland-Hilfspaket als realistisch bezeichnet und weitere Unterstützung durch die Euro-Gruppe in Aussicht gestellt. Experten zufolge benötigt Griechenland etwa elf Milliarden Euro zusätzlich ab Mitte 2014.


Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Auch die Bank of England beließ ihren Leitzins am Donnerstag unverändert auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent. Die EZB will mit niedrigen Zinsen der kriselnden Wirtschaft in der Eurozone Schub geben. Der Leitzins ist der Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Zentralbank mit Geld versorgen können, um es etwa in Form von Krediten an Verbraucher und die Wirtschaft weiterzureichen. Finanzmarktexperten hatten damit gerechnet, dass die Zentralbank die Zinsschraube nicht weiter lockert.

Kommentare (20)

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Republikaner

05.09.2013, 14:31 Uhr

Eine Konstante und wichtige Botschaft: wir machen euer Geld kaputt bis ihr quietscht und stöhnt. Noch nie, in meiner Erinnerung, hat eine Zentralbank so konsequent gegen den Geldwert, Rentner und jede Sparform agiert, wie die GS Mafia. Ein in seiner Tragweite unglaublicher, unerhörter Skandal. Daß von Blockparteien nichts zu hören oder zu erwarten ist - wen wunderts.
Auch das wird entschieden am 22. Sept.!

sailing

05.09.2013, 14:42 Uhr

die EZB wird die Zinsen innerhalb der nächsten 10 Jahre nicht signifikant verändern können, sonst werden einige Länder nicht in der Lage sein, ihre Schulden zu bedienen.

Also weiter im Casino, Gelddrucken und niedrige Zinsen und hoffen, dass die USA mitziehen sonst ist die Grippe hier.

Account gelöscht!

05.09.2013, 15:05 Uhr

Druck, Baby, druck! Billiges Geld ist gut für alle. Fehlallokationen? Was ist das? Hauptsache genug bunte Zettelchen gehen durch das Land. Wenn jeder genug davon hat ist doch jeder reich. Oder?

Jaja, der Aufschlag auf dem Boden der Tatsachen wird hart. Sehr hart.

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