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07.12.2015

06:55 Uhr

Ben Bernanke

Der Ex-US-Notenbankchef und Hitlers Autobahnen

VonFrank Wiebe

Ben Bernanke leitete die US-Zentralbank, lehrte an der Elite-Uni Princeton und ist Experte für Wirtschaftskrisen. Um sein Know-how zu tiefen Rezessionen deutlich zu machen, redet er auch über die Finanzpolitik der Nazis.

Der ehemalige Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, lobte die Finanzpolitik von Adolf Hitler. Reuters

Ben Bernanke

Der ehemalige Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, lobte die Finanzpolitik von Adolf Hitler.

New YorkVergleiche mit Hitler und der Nazizeit sind in den USA beliebt – allerdings handelt es sich dabei in der Regel um Negativ-Beispiele. Ein besonders absurder Fall: Im Internet kursiert die Theorie, die strengeren deutschen Waffengesetze, die zur Nazi-Zeit ja auch schon galten, hätten dazu gedient, die Verschleppung und Ermordung der Juden in den 1930er- und 1940er-Jahren zu erleichtern.

Hitler aber als positives Beispiel zu nennen, das ist ein besonderes Wagnis. Ein ehemaliger Chef der US-Notenbank (Federal Reserve), scheut diesen Vergleich aber nicht: Ben Bernanke, der die Institution bis Anfang 2014 führte. Er gab dem Weblog „Freakonomics“ ein Interview, einer wirtschaftswissenschaftlichen Plattform. Darin sagte der 61-Jährige Ökonom unter anderem: „Ironischerweise – und bitte verstehen Sie das richtig – war in gewisser Weise Adolf Hitler derjenige, der Finanzpolitik quasi am besten verstanden hat. Weil die Wiederbewaffnung Deutschlands so groß und ausgreifend war – natürlich hatte er dabei andere Ziele -; aber die Nebenwirkung der Wiederbewaffnung, zusammen mit dem Programm zum Bau der Autobahnen, brachte Deutschland, das in einer tiefen Depression steckte, viel schneller da wieder heraus als andere Länder, und das weist darauf hin, dass den USA eine aggressivere Finanzpolitik ebenfalls geholfen hätte.“

Kurz danach erwähnt Bernanke, dass letztlich das gewaltige Ausgabenprogramm, das der Zweite Weltkrieg mit sich brachte, die USA aus der Depression heraus gebracht hat.

Der offene Wagen mit Adolf Hitler zerreißt zur Einweihung des ersten Teilstücks der Reichsautobahn Frankfurt - Darmstadt am 19. Mai 1935 das weiße Band. dpa - picture-alliance

Reichsautobahn

Der offene Wagen mit Adolf Hitler zerreißt zur Einweihung des ersten Teilstücks der Reichsautobahn Frankfurt - Darmstadt am 19. Mai 1935 das weiße Band.

Das Interview konzentriert sich danach auf die jüngste Finanzkrise. Die interessante Frage, wie derart gewaltige Ausgabenprogramme später letztlich finanziert werden, blieb daher außen vor. Deutschland hatte in den 1930er-Jahren klarerweise im Sinn, die Rechnung von den Besiegten zahlen zu lassen. Das ging schief und führte, ähnlich wie schon nach dem Ersten Weltkrieg, zu einer Währungsreform und später zu mühseligen Verhandlungen mit ausländischen Schuldnern, die dabei aber letztlich Entgegenkommen zeigten. Die Alliierten haben ihre Staatsverschuldung nach dem Krieg zum Teil durch „Financial Repression“ abgebaut, also de facto die Sparer über einen lange Zeit gedrückten Zins zu Kasse gebeten. Nach der Theorie von John Maynard Keynes, der Bernanke anhängt, sollte der Staat in schwachen wirtschaftlichen Phasen hohe Schulden riskieren, um sie später in Zeiten guten Wachstums wieder abzubauen.

Bernanke hat als liberal-konservativer Jude sicher keine Sympathie für Hitler, wie sein Zitat ja auch deutlich macht. Dass Hitlers Ausgabenprogramme, durch den willfährigen Reichsbank-Präsidenten Hjalmar Schacht über kurzfristige Wechsel finanziert, Deutschland aus der Depression geholfen haben, ist freilich zumindest in Deutschland auch nichts Neues. In den USA werden häufig die großen Infrastruktur-Arbeiten der 1930er-Jahre, etwa der Bau des Hoover-Staudamms südlich von Las Vegas, als paralleles Beispiel genannt. Aber Bernanke und andere Experten sind der Meinung, dass diese Projekte nur einen vergleichsweise bescheidenen Stimulus für die US-Wirtschaft geliefert haben, also ihre Wirkung meist überschätzt wird.

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Der ehemalige US-Notenbank-Chef Ben Bernanke bietet seine Version der großen Finanzkrise an – und hat mit seinen Memoiren ganz nebenbei ein überraschend verständliches Lehrbuch verfasst. Eine Buchrezension.

Interessant ist vor dem Hintergrund auch die Diskussion, wie viel Sympathie Keynes selbst für Nazi-Deutschland hatte. Nach dem Friedensvertrag von Versailles, der den Ersten Weltkrieg beendete, hatte er eine bewundernswert weitsichtige Schrift veröffentlicht und davor gewarnt, die wirtschaftlichen Lasten aus diesem Vertrag für Deutschland seien geeignet, eine neue „Barbarei“ in Europa hervorzurufen. Hieraus mag man eine gewisse Sympathie für Deutschland ablesen, aber sicher keine für einen totalitären Staat.

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