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19.09.2015

16:49 Uhr

Billionen-Programm

EZB-Chefökonom würde Anleihekäufe notfalls erhöhen

Bis September 2016 läuft das Anleihenkaufprogramm der EZB. Der große Effekt blieb bislang aus. Chefvolkswirt Peter Praet bekräftigt, das Volumen notfalls zu erhöhen. Die Risiken in der Weltwirtschaft hätten zugenommen.

Peter Praet, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB): „Noch wäre dies verfrüht, aber die Risiken in der Weltwirtschaft haben deutlich zugenommen.“ dpa

Anleihenkaufprogramm

Peter Praet, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB): „Noch wäre dies verfrüht, aber die Risiken in der Weltwirtschaft haben deutlich zugenommen.“

ZürichEZB-Chefvolkswirt Peter Praet hat den Willen der Europäischen Zentralbank bekräftigt, ihr riesiges Anleihekaufprogramm notfalls zu erhöhen. Das Programm sei flexibel und könne bei Bedarf angepasst werden, sagte Praet im Interview mit der „Neue Zürcher Zeitung“ vom Samstag. „Noch wäre dies verfrüht, aber die Risiken in der Weltwirtschaft haben deutlich zugenommen.“ Daher habe die EZB Anfang September auch ihre Wachstumsprognosen gesenkt. Diese Anpassung sei aber nicht groß ausgefallen und hauptsächlich der Entwicklung in den Schwellenländern geschuldet, sagte Praet. Zuletzt hat sich das Wirtschaftswachstum in China merklich abgekühlt, was an den internationalen Finanzmärkten für erhebliche Turbulenzen.

Die EZB und die nationalen Zentralbanken haben im März mit den Käufen von Staatsbonds der Euro-Länder begonnen. Mit der Geldflut wollen sie der Wirtschaft unter die Arme greifen und die nach ihrer Sicht gefährlich niedrige Inflationsrate nach oben antreiben. Das gesamte Programm soll bis mindestens September 2016 laufen und dann ein Volumen von 1,14 Billionen Euro haben. Der große Schub blieb bislang aber aus.

Sechs Monate Massenkauf von Staatsanleihen – Ist die EZB mit QE erfolgreich?

Kauf von Staatsanleihen

Die Notenpresse der Europäischen Zentralbank (EZB) läuft auf Hochtouren. Vor fast einem halben Jahr (9.3.) haben Europas Währungshüter im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche die Geldschleusen geöffnet. Seither kaufen sie Monat für Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen und andere Wertpapiere (Quantitative Easing). Erzielt das viele Geld die erhoffte Wirkung? (Quelle: dpa)

Warum hat die EZB QE gestartet?

Ziel der Notenbank sind stabile Preise. Darunter verstehen die Währungshüter eine Inflationsrate knapp unter zwei Prozent. Von diesem Wert ist der Euroraum allerdings seit Monaten weit entfernt. Zu Jahresbeginn sanken die Verbraucherpreise sogar. Deshalb befürchteten die Währungshüter eine Deflation, also einen anhaltenden Preisrückgang quer durch die Warengruppen. Mit dem Kauf von Vermögenswerten stemmt sich die EZB dagegen, dass Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen in Erwartung weiterer Preissenkungen verschieben und die Wirtschaft erlahmen könnte. EZB-Vize-Präsident Vítor Constâncio ist überzeugt: „Die volle Umsetzung unserer Wertpapierkäufe wird die Inflation wieder auf ein Niveau zurückführen, das mit dem Ziel der EZB im Einklang steht.“

Hat die EZB keine anderen Mittel?

Im Prinzip schon, doch sie hat ihr Pulver weitgehend verschossen. Das gilt vor allem für den Leitzins, das wichtigste Instrument der Geldpolitiker: Eine Zinssenkung verbilligt Kredite und soll Konjunktur wie Inflation antreiben. Doch die EZB hat den Leitzins schon auf 0,05 Prozent gesenkt, also quasi abgeschafft.

Wie soll das Kaufprogramm funktionieren?

Die EZB kauft Wertpapiere bei Banken oder Versicherern. So wird Geld ins Finanzsystem geschleust. Die EZB erwartet, dass das Programm Unternehmen und Verbrauchern hilft, leichter Kredite zu bekommen. Das soll die Investitionstätigkeit steigern, Jobs schaffen und das Wirtschaftswachstum stützen. Dafür druckt sich die EZB quasi selbst Geld, die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“ (QE).

Wie viel Geld hat die EZB dafür bereits ausgegeben?

Bisher liegt das Volumen der gekauften öffentlichen Papiere bei knapp 290 Milliarden Euro. Zudem kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und forderungsbesicherte Wertpapiere (ABS).

Hat sich die Kreditvergabe verbessert?

Ja. Im Juli stieg die Kreditvergabe an den privaten Sektor um 1,4 Prozent, nachdem sie im Vormonat um 0,9 Prozent gewachsen war. Damit zeichnet sich ab, dass die lange Phase mit sinkender Kreditvergabe vorbei sein dürfte. Aus Sicht von BayernLB-Experte Johannes Mayr wächst die Hoffnung, dass der Kreditimpuls die Konjunktur künftig etwas stärker beflügeln wird.

Wirkt sich das bereits auf die Inflation aus?

Nein, jedenfalls nicht spürbar. Im August verharrte die jährliche Inflationsrate bei 0,2 Prozent – vor allem, weil die Energiepreise wieder kräftig gefallen sind. Erst kürzlich hatte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet eingeräumt, dass das Risiko gestiegen sei, das Inflationsziel noch länger als vermutet zu verfehlen. Praet betonte aber, dass die EZB nachlegen könnte: „Es sollte keine Zweifel geben bezüglich des Willens und der Fähigkeit des EZB-Rates zu handeln, falls es nötig wird.“ Das Anleihenkaufprogramm weise sowohl beim Volumen als auch bei der Dauer genug Spielraum auf.

Was sagen Experten?

Angesichts des Ölpreisverfalls schließen Ökonomen in den kommenden Monaten sinkende Verbraucherpreise nicht aus. Die Allianz hält fest: „Obwohl die EZB bereits seit März dieses Jahres jeden Monat Staatsanleihen und andere Wertpapiere [...] mit dem erklärten Ziel kauft, so das Risiko einer Deflation abzuwenden, ist die Inflationsrate in den letzten sechs Monaten kaum gestiegen und notiert weiterhin nahe Null.“ Die Teuerung zeige sich unbeeindruckt von den geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen der EZB. Trotzdem sei eine Ausweitung des Kaufprogramms nicht ratsam: „Die Verabreichung einer höheren Dosis der falschen Medizin dürfte kaum die Erfolgsaussichten der EZB-Strategie verbessern.“

Hat QE die Konjunktur befeuert?

Die Wirtschaft im Euroraum wuchs im zweiten Quartal um 0,3 Prozent. „Die Frühindikatoren signalisieren, dass das Expansionstempo auch im Sommer – trotz der zwischenzeitlichen Eskalation in Griechenland und der Sorgen um die chinesische Wirtschaft – in dieser Größenordnung liegt“, betonte Mayr. Ein Wachstumstreiber hat zuletzt aber an Zugkraft verloren, wie Commerzbank-Experte Michael Schubert betont: „Die Anleihenkäufe haben den Euro-Außenwert nicht wie von der EZB erhofft gedämpft.“ Seit April hat der Euro spürbar aufgewertet – das verteuert Exporte in Märkte wie China oder die USA. Anna Stupnytska von Fidelity Worldwide Investment warnt, dass könne der Erholung im Export das Wasser abgraben.

Was heißt das alles für Sparer?

Die Anleihekäufe haben keine direkte Auswirkung auf die Zinsen auf Sparbuch und Co. Doch die EZB wird die Leitzinsen nicht erhöhen, solange das Programm läuft. Die Zeiten bleiben also hart für Sparer. Aktionäre profitieren hingegen tendenziell von der Geldschwemme – auch wenn die jüngsten Börsen-Turbulenzen im Zusammenhang mit der China-Flaute die Kurse gedrückt haben. Auch Hausbesitzer können sich freuen, weil ihre Immobilien zuletzt an Wert gewonnen haben. Experten warnen allerdings vor Blasen an den Aktien- und Immobilienmärkten.

Die wirtschaftliche Erholung im Euro-Raum sei intakt, sagte Praet. Für nachhaltiges Wachstum brauche es Strukturreformen der Regierungen, die Geldpolitik könne dies nicht schaffen. „Wir sehen ermutigende Zeichen im Euro-Raum und besonders in Ländern wie Spanien und Irland, aber auch in Portugal“, sagte der EZB-Chefvolkswirt. Italien habe mit Reformen zwar zu spät angefangen, sei nun aber auf einem guten Weg.

Die Situation in Griechenland ist Praet zufolge immer noch schwierig. „Aber mit dem neuen Hilfsprogramm sind wir einen Schritt vorangekommen“, sagte er. Mit Verweis auf die Parlamentswahl am Sonntag in Griechenland wollte er sich nicht weiter zu dem Land äußern. EZB-Präsident Mario Draghi hatte am Freitag bei Griechenland die vollständige Umsetzung der Rentenreform angemahnt.

Von

rtr

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