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13.09.2015

12:00 Uhr

BIZ-Bericht

Was die Zinswende bringt

VonHolger Alich

Die Zinswelt in den USA und Europa geht bald auseinander. Während in den Vereinigten Staaten die Zinswende naht, bleibt in Europa alles beim Alten. „Die Notenbank der Notenbanken“ erklärt die Auswirkungen.

Die Federal Reserve bewegt die Märkte. dpa

US-Notenbank

Die Federal Reserve bewegt die Märkte.

ZürichDie internationalen Finanzmärkte standen im zweiten Quartal im Bann der Notenbanken, der Krise in Griechenland und die Unruhe um China. „turbulent war wohl die herausragende Eigenschaft dieses Quartals“, sagte Claudio Borio, Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) bei der Diskussion um den aktuellen Quartalsbericht der „Notenbank der Notenbanken“, wie die in Basel angesiedelte Institution auch genannt wird.

Vor allem die zunehmende Differenz des Zinsniveaus in der Eurozone und den USA in Erwartung einer baldigen Erhöhung der US-Leitzinsen hatten demnach Auswirkungen. So flossen laut der BIZ im ersten Halbjahr in Europäische börsengehandelte Fonds, so genannte ETFs (Exchanged Traded Funds), die in US-Bonds investieren, 4,8 Milliarden Dollar - mehr als im gesamten Jahr 2014, als die Zuflüsse vier Milliarden betrugen. 2013 waren es 3,4 Milliarden Dollar.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Gleichzeitig nutzen Kreditnehmer in den USA das günstige Zins-Niveau in der Eurozone, um sich in Euro zu verschulden. Im zweiten Quartal betrug die Kreditaufnahme von US-Unternehmen in der Euro-Zone 30 Milliarden Euro. Die Emission von in Euro laufenden Anleihen von Unternehmen, die nicht Euro-Raum angesiedelt sind, legte auf Jahressicht um 14 Prozent zu.

Die Zinsdifferenzen zwischen dem Euro-Raum und den USA sorgte für eine Aufwertung der US-Währung. Dies - sowie die Abschwächung der Konjunktur in China - stellt laut BIZ aufstrebende Volkswirtschaften (Emerging Markets) vor eine „doppelte Herausforderung“. Zum einen sinken gerade für Rohstoff-Exporteure die Wachstumsaussichten, da im Zuge der Abkühlung in China die Rohwarenpreise stark gefallen sind; gleichzeitig haben sich viele Unternehmen in den Emerging Markets massiv in Dollar verschuldet - durch die Dollar-Aufwertung steigt nun die Schuldenlast.

Die Dollaraufwertung ist für die BIZ eine Ursache dafür, warum der Ölpreis weiter fällt. Denn in Dollar verschuldete Ölproduzenten würden ihre Produktion trotz Preisverfall nicht kürzen, um Einnahmen zu generieren, um die Schulden bedienen zu können. „Das akzentuiert den Druck auf den Ölpreis“, folgert die BIZ.

Wegen der damit verbundenen schlechteren wirtschaftlichen Perspektiven haben Länder wie China, Korea, Australien, Russland, Norwegen und Neuseeland ihre Leitzinsen weiter gesenkt. Brasilien sei hier ein Sonderfall, denn die Notenbank stehe einer steigenden Inflation und einer wirtschaftlichen Abkühlung gegenüber, weshalb die Zentralbank den Leitzins deutlich auf 14,25 Prozent erhöht hat.

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