Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.06.2011

13:26 Uhr

Börse Athen

Nur noch Zocker setzen auf die Wende

VonGerd Höhler

Alle an der Börse in Athen notierten Unternehmen schreiben rote Zahlen. Aber: Die Kurse sind so weit gefallen, dass sie fast schon wieder zum Einstieg locken. Warum Zocker auf ihre Kosten kommen könnten.

Die Börse in Athen. Quelle: Reuters

Die Börse in Athen.

AthenDie Athener Börse verzeichnet einen traurigen Rekord: Erstmals, seit vor 50 Jahren an der Akropolis mit der statistischen Erfassung von Wertpapiergeschäften begonnen worden ist, melden die 265 börsennotierten Unternehmen unter dem Strich rote Zahlen. Für das Jahr 2010 ergibt sich nach Berechnungen des Athener Brokerhauses Pegasus ein addierter Verlust von 2,9 Milliarden Euro – gegenüber einem Gewinn von 3,6 Milliarden Euro im Vorjahr.

Die Schuldenkrise des Landes hinterlässt auch in den Börsencharts tiefrote Spuren. Der Athener Leitindex Athex notiert in der Nähe eines 15-Jahres-Tiefs. Geht es noch weiter bergab? Oder ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, griechische Aktien ins Depot zu nehmen?

Es gibt Tage an der Athener Börse, da keimt Hoffnung. Manchmal blitzt sogar so etwas wie Euphorie auf. Wenn etwa, wie neulich, die Nachricht von einem neuen Rettungspaket für Griechenland die Runde macht. Dann kann der Athener Leitindex binnen weniger Stunden um fünf oder sechs Prozent nach oben schießen. Aber meist bricht die Rally schon am nächsten Tag wieder in sich zusammen.

Im Grunde kennen die Börsenkurse seit Oktober 2007 nur eine Richtung: Es geht bergab, unterbrochen nur von einer kurzen Erholungsphase zwischen März und Oktober 2009. Allein in der vergangenen Woche büßte der Leitindex 6,1 Prozent ein. „Es ist deprimierend“, sagt ein Börsenhändler an der Akropolis.

Prominente Stimmen zur Schuldenkrise

Axel Weber, Ex-Chef der Bundesbank

„Ab einem bestimmten Punkt muss man seine Verluste einschränken und das System neu starten“

Horst Köhler, ehemaliger Bundespräsident und einst Chef des IWF

„Die Euro-Gruppe und das ganze europäische Projekt stehen wegen gravierender politischer Versäumnisse in der Vergangenheit vor einer nie dagewesenen Zerreißprobe.“

George Soros, Großinvestor und Präsident von Soros Fund Management

„Seien wir mal ehrlich: Wir stehen am Rand des Zusammenbruchs, der - sagen wir mal - mit Griechenland anfängt, aber sich leicht ausweiten kann.“

Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister

„Wir stehen vor dem realen Risiko der ersten ungeordneten Staatsinsolvenz innerhalb der Euro-Zone.“

Mohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleiheinvestors Pacific Investment Management Co (Pimco)

„Griechenland hat zu viele Schulden und kann nicht wachsen, solange diese Probleme nicht gelöst sind. [...] Das Land wird um eine Umschuldung nicht herumkommen.“

Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung

„Also das Geld ist verloren. Die Griechen können ja jetzt schon nicht zurückzahlen. Griechenland war im Grunde schon vor einem Jahr pleite.“

Barack Obama, US-Präsident

„Eine Spirale der Zahlungsunfähigkeit wäre eine Katastrophe.“

Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank

„Solidarität darf nicht in der Weise missverstanden werden, dass die europäischen Partner und die internationale Gemeinschaft keine andere Wahl hätten, als die Finanzierung fortzusetzen. Niemand ist erpressbar und niemand darf erpressbar sein. [...] Das Schicksal des Euro hängt nicht an Griechenland.“

Warren Buffett, Investmentlegende

„Ein Kollaps des Euro ist nicht undenkbar.“

Kenneth Rogoff, Harvard-Professor und ehemaliger Chefökonom des IWF

„Die EU schiebt das Schuldenproblem nicht nur vor sich her, sondern wie einen Schneeball den Berg hinunter.“

Jean-Claude Juncker, luxemburgischer Premier und Eurogruppenchef

„Es wird keine vollständige Umschuldung Griechenlands geben. Auch der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone ist niemals ein Thema gewesen“.

Jim Rogers, Börsenexperte

„Lasst Griechenland pleitegehen!“

Jim O'Neill, Chef der Vermögensverwaltung bei Goldman Sachs

„Es wäre besser für die Zukunftsfähigkeit der Europäischen Währungsunion, die Restrukturierung Griechenlands schnell über die Bühne zu bringen. Wenn nicht, wird die Krise immer schlimmer und breitet sich womöglich auch auf andere Länder aus.“

Bill Gross, Manager des größten Anleihefonds der Welt

„Die Währungshüter versuchen, das Ungleichgewicht von zu hohen Schulden und zu attraktiven Zinsen auf Ersparnisse auszugleichen. Man könnte das als finanzielle Repression bezeichnen. Wir nennen es Taschendiebstahl.“

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

„Wenn der Euro als Ganzes in Gefahr ist, ist es das deutsche Interesse zu helfen, um den wirtschaftlichen Aufschwung nicht zu gefährden.“

Genauso deprimierend wie die tiefe Rezession, in der das hochverschuldete Land steckt. Das rigide Sparprogramm der Regierung würgt die Wirtschaft ab. Finanzminister Giorgos Papakonstantinou zwackt den Unternehmen die ohnehin schmalen Gewinne durch die Steuer ab. Nach einem Minus des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 4,5 Prozent 2010 wird die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr erneut um 3,8 Prozent schrumpfen, wie EU und Internationaler Währungsfonds prognostizieren.

Erst 2012 soll Griechenland mit einem Plus von 0,6 Prozent auf den Wachstumspfad zurückkehren. Ein Miniaufschwung – aber wird ihn die Börse möglicherweise vorwegnehmen? Das könnte sich bereits in den nächsten Tagen entscheiden: Bis Ende Juni will die EU ein neues Rettungspaket schnüren, das die Griechen bis 2014 vom Kapitalmarkt unabhängig machen könnte. Ebenfalls bis Ende des Monats soll das Athener Parlament ein Sanierungsprogramm verabschieden, das unter anderem Privatisierungen von rund 50 Milliarden Euro bis 2015 vorsieht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×