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18.01.2007

17:19 Uhr

Börse Johannesburg schließt auf

Der zweite Goldrausch

VonW. Drechsler

1996 wurde an der Börse Johannesburg noch von Hand und mit Kreide an einer Tafel gearbeitet. Zehn Jahre später hat der elektronische Handel Einzug gehalten. Dennoch gibt es auch heute an der boomenden Börse noch traditionelles: Die Johannesburg Stock Exchange erlebt einen neuen Goldrauch.

JOHANNESBURG. Wolkenkratzer, Bürosilos und schlanke Glastürme – aus der Ferne betrachtet wirkt Johannesburg wie das New York der südlichen Hemisphäre. Doch der erste Eindruck täuscht. Wer sich in die reichlich heruntergekommene Innenstadt vorwagt, bemerkt rasch, dass Erste und Dritte Welt hier direkt verschmelzen. Und nirgends ist dies auffälliger als in der Diagonal Street, einem Straßenzug, der das strikte Schachbrettmuster der innerstädtischen Architektur von Johannesburg rüde durchkreuzt.

Jahrzehntelang war genau hier der Sitz der Johannesburger Börse (JSE). Gleich gegenüber dem einstigen Standort der Hochfinanz werden heute im Kwa-Mashu-Muti- Shop afrikanische Heilmittel feilgeboten, wo sich Kunden beim Eintreten tief bücken müssen, weil Antilopenhörner, Straußenzehen und ausgeweidete Affen von der Decke baumeln.

Nicht weit entfernt wurde hier, direkt über den ersten Goldflözen, vor 120 Jahren die Johannesburger Börse gegründet. Auf dem Kurszettel standen damals ausschließlich Anteilsscheine von Goldminen und Brauereien. Inzwischen hat sich die JSE, wie so viele andere große Konzerne, aus der traditionsreichen City davongestohlen und ist dorthin gezogen, wo die Welt sauber und sicher ist – nach Norden, in den reichen Vorort Sandton. Hier erinnert wenig daran, dass die ersten Aktien in Zelten, Bars oder auf der offenen Straße gehandelt wurden. 1887 war Johannesburg eine wilde Goldgräberstadt – und das Schießeisen saß locker. Viel geändert hat sich seither nicht. Der schlechte Ruf der Stadt ist geblieben – und die Goldgräberstimmung an die Börse zurückgekehrt: Angetrieben von einem beispiellosen Rohstoffboom ist die JSE seit vier Jahren ohne Atempause nach oben geklettert. Seit ihrem Tiefpunkt im April 2003 hat sie rund 220 Prozent zugelegt und zu Jahresbeginn die Schwelle von 25 000 Punkten geknackt.

Die zehn auch in New York notierten Unternehmen vom Kap, darunter der Petrochemiekonzern Sasol und die großen Goldförderer Anglogold, Gold Fields und Harmony, haben kräftig an Wert gewonnen – und südafrikanische Unternehmen auch jenseits des eigenen Kontinents zu einer begehrten Anlage gemacht.

Das Management der JSE hat den Aufschwung genutzt und die Börse im Juni 2006 einem breiteren Publikum geöffnet. Damit folgt sie einem weltweiten Trend: Mehr als ein Dutzend Aktienmärkte haben sich an den großen Finanzplätzen in New York, London oder Frankfurt orientiert und sind selbst an die Börse gegangen.

Nach einem eher mittelprächtigen Start hat die JSE zuletzt mächtig an Fahrt gewonnen. Der Ausgabepreis von 26 Rand hat sich inzwischen verdoppelt, und ihr Marktwert ist auf über vier Milliarden Rand (rund 430 Millionen Euro) gestiegen. Neben der Festtagsstimmung an den Aktienmärkten hat dabei das erste Zwischenergebnis geholfen: Dank des regen Aktienhandels, der um fast 100 Prozent stieg, verdreifachte sich der Vorsteuergewinn in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres.

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