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18.09.2015

10:25 Uhr

Aktien, Anleihen, Euro, Gold

Die Märkte hätten endlich Taten von der Fed erwartet

VonAndrea Cünnen, Jessica Schwarzer

Die Zinswende in den USA ist erst einmal verschoben. Doch an den Märkten löst das keine rechte Begeisterung aus. Der Dax gibt zum Handelsbeginn nach – wie auch schon die Kurse an der Wall Street und in China.  

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Frankfurt/DüsseldorfDie Nachricht kam am späten Donnerstagabend: Die US-Notenbank hat die Zinswende verschoben. Was anfänglich für Kursgewinne an der Wall Street und im nachbörslichen Handel in Frankfurt gesorgt hatte, wird nun deutlich kritischer gesehen. Mit wenigen Ausnahmen reagieren die Aktienbörsen mit fallenden Kursen, im Gegensatz zu Anleihen und dem Goldpreis.

Der Dax verlor zum Handelsstart am Freitag 0,8 Prozent auf 10.147 Zähler. Auch der amerikanische Standardwerteindex Dow Jones hatte gestern 0,4 Prozent tiefer geschlossen, nachdem die Kurse unmittelbar nach der Fed-Entscheidung in die Höhe geschossen waren. Der breiter gefasste S&P 500 gab 0,3 Prozent bis zum Handelsende nach.

Auch in Asien suchten die Börsianer nach Interpretationen – und die fallen ganz unterschiedlich aus. Die Leitbörse in Schanghai legte leicht zu, ebenso der Index der wichtigsten Unternehmen in Shanghai und Shenzen. „Eine Erhöhung der Zinsen in den USA hätte neue Sorgen vor einer Kapitalflucht geweckt“, sagte Analyst Yang Hai vom Wertpapierhändler Kaiyuan Securities. „Dass die Zinsen unverändert sind, ist daher positiv.“ In Japan dominierten hingegen die negativen Vorzeichen. Die Entscheidung der Fed habe Sorgen um die Konjunktur geschürt, sagten Händler. Der Leitindex Nikkei schloss mit einem Minus von zwei Prozent.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Aus Rücksicht auf den schwächelnden Wirtschaftsriesen China und die unsicheren Aussichten für die globale Konjunktur hatte die Fed am Donnerstag auf die erste Zinserhöhung seit fast zehn Jahren verzichtet. Händler sagten, die Fed-Entscheidung könne auf zwei unterschiedliche Weisen interpretiert werden: Einerseits seien die Anleger beunruhigt, dass die US-Wirtschaft offenbar nicht genug wachse, um eine Zinswende zu rechtfertigen. Andererseits sorge die nun anhaltende lockere Geldpolitik der USA für eine Stützung der globalen Aktienmärkte.

„Mit diesem Schritt hat sich die Fed den Erwartungen des Marktes gebeugt und einen Zinsschritt weiter verschoben“, sagte Asoka Wöhrmann, Anlagestrategie der Deutsche Asset & Wealth Management. Damit hätte die Fed erneut nur mit Worten agiert, während die Märkte weiter auf Taten warten müssten. „Der ausgebliebene Zinsschritt beschneidet den Spielraum der Fed, die Zinspolitik pro-aktiv zu gestalten, da sich das Zeitfenster für einen Zinsschritt weiter verengt“, ergänzte er. Ihn wundert es nicht, dass die Marktreaktionen verhalten ausfallen, schließlich hätten die Märkte bekommen, wonach sie zuletzt verlangt hatten.

Kommentare (6)

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Doro Mann

18.09.2015, 11:50 Uhr

Wer sich erst einmal an das bequeme Leben mit Umsonst-Zinsen gewöhnt hat, wird immer einen Grund finden, warum er nicht damit aufhört. Das nächste Mal hat sie dann vielleicht gerade ihre Tage. Auch in Europa wird das so kommen.

Herr Herbert Maier

18.09.2015, 11:56 Uhr

Ich denke, eine Zinserhöhung ist einfach deswegen nicht möglich, weil dann die bei den Staatsfinanzen enorm überschuldeten USA die Zinslast nicht mehr tragen könnten. Das ist eine deadlock-situation. In Europa ist es ja genau gleich. Dass die Inflation so niedrig sei, ist doch nur vorgeschoben, um den wirklichen Grund zu verschleiern. Jede noch so kleine Zinserhöhung könnte dem Markt eine Trendwende ankündigen und die große, unkontrollierbare Lawine lostreten. Wir bewegen uns gerade ziemlich nah am Abgrund.

Account gelöscht!

18.09.2015, 12:05 Uhr

Man sollte schon genauer sein...Nicht DIE MÄRKTE haben eine Erwartung an die FED gehabt, sondern DER FINANZMARKT und noch genauer, die FINANZINVESTOREN inkl. der SPEKULANTEN.
Hätte die FED nämlich die Zinsen erhöht, dann wäre der Dax noch mehr ins Minus gerutscht, weil diese Spekulanten ihr Geld dann aus Europa abgezogen hätten und in den USA angelegt hätten.

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