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06.01.2004

07:14 Uhr

Aktionären von Erotic Media droht ein böses Erwachen

Sex zieht nicht mehr

VonChristian Kirchner

Mitunter erinnert der Kursverlauf von illiquiden Aktien in Bullenmärkten an das alte Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“. Alle haben Spaß, und die Kurse kennen nur eine Richtung: Nach oben. Gewinnen kann aber nur, wer sitzt, sprich verkauft hat, wenn die Musik verstummt.

DÜSSELDORF. Mit der Erotic Media AG scheint sich dieses aus den Zeiten des Börsenhypes bekannte Szenario zu wiederholen. Im Oktober 2002 wagten die Eidgenossen den bisher letzten Börsengang in Deutschland. Seither kletterten die Aktien des Erotikfilm-Lizenzhändlers von 3 Euro bis auf zuletzt 9,70 Euro. Mit verantwortlich hierfür ist der mit drei Prozent verschwindend geringe Anteil frei handelbarer Aktien. So führen schon kleinere Kauforder zu starken Kursgewinnen.

Das funktioniert gut, so lange alle Aktionäre still halten und von der rosigen Zukunft ihres Unternehmens träumen – und auch die Experten die Titel munter weiter empfehlen. Im Dezember erklärten ein Börsenbrief und ein Anlegermagazin Erotic Media zum größten Profiteur der in diesem Quartal startenden Ausstrahlung von Hardcore- Pornos auf Premiere und über T-Online

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Zugegeben, Erotic Media verfügt über einen großen Filmstock und attraktive Vertriebspartner. Den immens hohen Börsenwert des Unternehmens von derzeit 408 Mill. Euro rechtfertigt das aber noch lange nicht. Im Jahr 2002 erzielte Erotic Media mit seinen zuletzt 22 Mitarbeitern einen Gruppenumsatz von schlaffen 12,1 Mill. Euro und einen Gewinn von 1,6 Mill. Euro. Und selbst wenn man dem Unternehmen nach eher mageren Halbjahreszahlen für das gerade abgelaufene Jahr einen Umsatzanstieg von zehn Prozent unterstellt, ergibt das für 2003 ein astronomisches Kurs-Umsatz-Verhältnis von 30. Zum Vergleich: Hugh Hefners weltweites Playboy-Imperium ist derzeit mit „nur“ 353 Millionen Euro Börsenwert und dem 1,4fachen des Umsatzes bewertet. Damit Erotic Media in dieses Kurs-Umsatz-Verhältnis hineinwächst, müsste jeder zweite deutsche Erwachsene pro Jahr Pornofilme für sechs Euro über einen Decoder oder das Internet beziehen.

Noch vertrauen die Aktionäre bei Erotic Media auf den Slogan „Sex Sells“. Dass dieser jedoch eine ähnlich faule Illusion wie die auf Zelluloid gebannte Leidenschaft ist, zeigen die Kurse anderer Erotik Anbieter wie Playboy, dem australischen Bordell Daily Planet oder der spanischen Private Media Group seit Jahren. Für sie geht es seit geraumer Zeit kontinuierlich abwärts. Denn das Geschäft ist geprägt von hartem Wettbewerb und hohem Margendruck. Die Medien Fernsehen, Video, DVD und Internet kannibalisieren sich gegenseitig. Ein Schicksal, das auch den bisherigen Umsatzträgern blüht, sollte sich Erotik im Bezahlfernsehen oder via Breitband im Internet durchsetzen.

Einzig die Beate Uhse AG – im übrigen nicht nur größter Abnehmer, sondern auch Hauptaktionär bei Erotic Media – konnte ihren Kurs im vergangenen Jahr verdoppeln, da das Geschäft in soliden Bahnen läuft. Wer also unbedingt eine Wette auf den Erfolg von Erotik über Bezahlfernsehen und Internet eingehen will, ist mit den – allerdings inzwischen ebenfalls ambitioniert bewerteten – Aktien von Beate Uhse noch am besten bedient. Aktionäre von Erotic Media hingegen tun gut daran, sich schon einmal nach einem freien Stuhl umzusehen, ehe die Musik ausgeht.

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