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03.11.2011

13:33 Uhr

Angst um Italien

„Der Anleihemarkt ist Krisenherd Nummer eins“

VonRalf Drescher, Dietmar Neuerer

Am Anleihemarkt geht die Angst um. Anleger fürchten, dass Italien kippt und fliehen aus italienischen Staatsanleihen. Damit verschärfen sie jedoch die Krise des Landes. Spanien und Frankreich drohen sich anzustecken.

Im Kampf um den Euro spielt der Anleihemarkt eine entscheidende Rolle. dpa

Im Kampf um den Euro spielt der Anleihemarkt eine entscheidende Rolle.

DüsseldorfGriechenland hält die Märkte in Atem. Nachdem Ministerpräsident Giorgos Papandreou Anfang der Woche überraschend einen Volksentscheid über den griechischen Schuldenschnitt angekündigt hatte, stürzten die Börsen ein weiteres Mal ab, die Anleiherenditen schossen in die Höhe. Auf zweijährige Papiere Griechenlands gab es am Donnerstag zeitweise mehr als 100 Prozent Rendite, auf Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit waren es 24,4 Prozent. Erst die Gerüchte um eine Entmachtung Papandreous sorgten für eine leichte Entspannung.

Am Anleihemarkt rückt aber zunehmend eine andere Frage in den Vordergrund: Wie lange hält Italien noch durch? Die Renditen italienischer Staatsanleihen sind in den vergangenen Wochen kräftig gestiegen, am Morgen rentierten Papiere mit zehnjähriger Laufzeit mit fast 6,4 Prozent, der Renditeaufschlag zu deutschen Bundesanleihen mit gleicher Laufzeit lag bei 4,5 Prozentpunkten. Bei Experten lässt das die Alarmglocken schrillen: "S"Bei einem Niveau von 6,5 Prozent wird eine langfristige Refinanzierung über den Markt immer schwieriger"", erwartet Michael Schulz, Leiter des Anleiheresearchs der NordLB.

Italien leidet unter einer extrem hohen Staatsverschuldung von 1,9 Billionen Dollar bei gleichzeitig chronisch schwachem Wirtschaftswachstum. Die Regierung um Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat in den vergangenen Wochen und Monaten sehr viel Vertrauen verspielt, weil sie trotz mehrfacher Ankündigung den Willen zum radikalen Sparen vermissen lässt. Von den Euro-Staaten, allen voran Frankreich und Deutschland, musste sich Berlusconi deswegen harte Kritik gefallen lassen. Gleichzeitig bereitet sich die Euro-Zone aber auf den Ernstfall vor. Die Aufstockung des europäischen Rettungsschirms EFSF auf mehr als eine Billion Euro führen Experten unmittelbar auf die Sorge zurück, dass der EFSF Italien auffangen müsse. Ein Szenario, das zunehmend realistischer wird: "Wenn Griechenland fällt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Italien den Rettungsschirm in Anspruch nehmen muss", sagt Nord-LB-Experte Schulz.

Das sind Italiens größte Probleme

Der Schuldenberg

Italien schiebt nach Griechenland den größten Schuldenberg aller Euro-Länder vor sich her: Er ist rund 1,9 Billionen Euro groß, was 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht. Die EU-Verträge erlauben nur eine Obergrenze von 60 Prozent. Der Berg wird noch weiter wachsen, weil die Regierung erst ab 2013 ohne neue Schulden auskommen will.

In diesem Jahr erwartet sie eine Defizit von 3,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, 2012 soll die Neuverschuldung auf 1,4 Prozent fallen.

Hohe Neuverschuldung

Auch bei der Neuverschuldung dürfte Italien in diesem und im kommenden Jahr die Defizitgrenze von drei Prozent reißen: Die EU-Kommission rechnet mit einem Minus von 4,0 und 3,2 Prozent. Erst 2014 will die Regierung ohne neue Schulden auskommen.

Schwaches Wachstum

Im Vergleich zu den anderen großen Euro-Ländern Deutschland und Frankreich kommt Italien nicht in Schwung. Die EU-Kommission senkte erst vor wenigen Tagen ihre Wachstumsprognose für 2011 von 1,0 auf 0,7 Prozent. Zum Vergleich: Die gesamte Währungsunion dürfte mit 1,6 Prozent mehr als doppelt so schnell wachsen. Rasche Besserung ist nicht in Sicht: Italien macht zu schaffen, dass die Exporteure ihre Waren vorwiegend an andere Euro-Länder liefern und damit nicht so stark vom Boom der Schwellenländer profitieren wie ihre deutschen Konkurrenten. Gleichzeitig leidet die Binnenwirtschaft unter schrumpfenden Bauinvestitionen. Der private Konsum kommt wegen der hohen Arbeitslosigkeit und steigender Preise nicht recht in Schwung. Er leidet zudem unter Steuererhöhungen der Regierung, die im Kampf gegen die hohen Schulden beispielsweise die Mehrwertsteuer von 20 auf 21 Prozent angehoben hat.

Export und Konsum

Demnach verlieren Italiens Exporteure Weltmarktanteile, weil sie ihre Produkte vorwiegend in die anderen Euro-Länder liefern und damit nicht so stark vom Boom der Schwellenländer profitieren wie ihre deutschen Konkurrenten. Gleichzeitig leidet die Binnenwirtschaft unter schrumpfenden Bauinvestitionen. Auch der private Konsum dürfte wegen der hohen Arbeitslosigkeit und steigender Preise nur moderat zulegen.

Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, hält Italien allerdings für zu groß, als dass mit Hilfsprogrammen der anderen Länder eingegriffen werden könnte. Das Land müsse umfangreiche Strukturreformen für die Wirtschaft und damit eine „Agenda 2020“ vornehmen, fordert er. Sollten diese Maßnahmen allerdings nicht ausreichen, würde die Europäische Zentralbank (EZB) in die Pflicht genommen. Die EZB müsste große Mengen italienischer Bonds aufkaufen „mit potenziellen schwerwiegenden Folgen für die Preisstabilität und die Stabilität des Wechselkurses des Euros in der Zukunft“, sagte Mayer.

Die bisherige Bilanz der Anleihenkäufe der EZB ist allerdings vernichtend. Anfang August startete die Notenbank ihr Aufkaufprogramm und hat seither immer wieder am Markt Papiere aufgesammelt. Der Effekt war allerdings nur kurzfristig. Nach der Ankündigung und den ersten Käufen fiel die Rendite zehnjähriger italienischer Bonds kurzfristig unter fünf Prozent. Doch nach einer kurzen Verschnaufpause setzte schnell die Gegenbewegung ein, die in neuen Rekordrenditen gipfelte.

Kommentare (1)

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Benjamin

04.11.2011, 12:03 Uhr

Ich denke es ist bezeichnend für den Zustand unserer Demokratie, dass G Papa die Pistole auf die Brust gelegt bekommt, weil er sich die nötige Legitimation des Volkes hohlen möchte. Man bekommt denn Eindruck, unsere Eliten hätten Angst, wir könnten auch den Wunsch äussern, gefragt zu werden.

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